Religionsfreiheit wäre ein hohler Begriff, würde sie nur für die Glaubensrichtungen gelten, mit denen wir einer Meinung sind. Mitt Romney

Dritte Halbzeit am grünen Tisch

Von wegen zunehmende Fan-Gewalt: Die Debatte ist das Ergebnis von Polemiken in den Medien und Profilierungen in der Politik. Ein Beitrag aus Schweizer Perspektive.

Fußball als öffentliches Gut, Gewalt als betroffen machender oder faszinierender Bestandteil unserer Gesellschaft bilden eine Kombination, welche die Emotionen der breiten Bevölkerung trifft, so entsprechendes Interesse weckt und Reaktionen auslöst. Mit Unterstützung des „Event Journalismus“ wird eine Fläche für Profilierung und Polemik geschaffen. Ein Maßnahmenkarussell gewinnt so schnell an Fahrt, dessen Umsetzungsvorschläge meist pauschal die Gesamtheit der Fans treffen. Eine objektive Debatte über die Gewaltrealität im Fußball scheint nicht gewollt beziehungsweise nicht nötig zu sein.

Eine abstrakte Gefahr

Das gesellschaftsdominierende Thema Sicherheit macht auch vor dem Stadion nicht halt und funktioniert nach dem gleichen Muster: Man nehme einen gravierenden Einzelfall, nütze die Macht der Bilder aus und kreiere daraus eine Tendenz. Je mehr wir davon sehen, hören und lesen, desto höher schätzen wir die Wahrscheinlichkeit ein, dass ein Ereignis ein Dauerzustand ist. Eine abstrakte Gefahr, bei jedem Spiel Hunderten von gewaltbereiten Fußballfans zu begegnen, wird vermittelt. Es entsteht ein völlig anderes Bild, als die Spielbesucherinnen und Spielbesucher selber erleben. Als Beispiel: 2010 führten der FC Basel, die Fanarbeit Basel und die Universität Bern eine Online-Befragung durch, an der über 4.200 Fans des FC Basel aus allen Stadionsektoren teilnahmen. Befragt über die Wahrnehmung der eigenen Sicherheit, gaben 98,3 Prozent an, dass sie sich während des Heimspiels sicher oder sehr sicher fühlten. Nach oder vor einem Heimspiel fühlten sich 95,1 Prozent aller Befragten sicher oder sehr sicher.

Trotzdem wird der Ruf nach Null-Toleranz immer lauter. Dieser in den USA geprägte Begriff findet auch in der Debatte um Fußballfans immer mehr Verwendung. Gegen jegliche Gesetzesübertritte – auch Bagatelldelikte – soll rigoros vorgegangen werden, damit sich die präventive Wirkung der Abschreckung entfalten kann. Vielleicht auf den ersten Blick nicht erkennbar, aber eng mit der Null-Toleranzstrategie verknüpft, ist die Debatte um den Umgang mit Jugendlichen in unserer Gesellschaft. Jugendliche und junge Erwachsene sind heute in unserer Leistungsgesellschaft gefordert, manchmal auch überfordert. Einerseits erfordert die Entwicklung von heranwachsenden Persönlichkeiten einen Erfahrungsraum, der auf Vertrauen und auf Toleranz beruht, andererseits engen wir diese jedoch durch immer mehr Regeln ein. Grundlage der Toleranz bildet die Erfahrung, dass sich gefestigte Persönlichkeiten nicht durch Einschränkungen und Verbote bilden, sondern durch das Ermöglichen, Selbst- und Eigenverantwortung zu übernehmen. Verhalten, das wir von den Fankurven auch immer wieder „angeboten“ erhalten.

Fankurven haben sich in den vergangenen Jahren zu einer eigenständigen jugendkulturellen Bewegung entwickelt. Abweichendes Verhalten und eine kritische Haltung gehören genauso dazu wie szenentypische Merkmale (z.B. eine ein starkes Wir- und Solidaritätsgefühl, gemeinsame Codes etc.). Dabei ist zu beobachten, dass eine starke Werteentwicklung stattfindet. Begriffe wie Autonomie, Freiheit, Zusammenhalt, Mitbestimmung etc. sind auf Fanutensilien anzutreffen und werden in sogenannten Kurvenzeitungen ausgeführt. Nicht selten höre ich von Mitgliedern der Fankurve, dass ihnen der Fußball und die Fankurve Raum bieten, eine Gemeinschaft zu erleben, die sie in unserer individualisierten Gesellschaft, in der die ICH-Orientierung immer wichtiger wird, kaum mehr vorfinden. Trotz der apolitischen Haltung, wie sie die ultraorientierte Szene in der Schweiz für sich in Anspruch nimmt, sind klare (gesellschafts-)kritische Statements erkennbar. Damit gehen die Fankurven mit unserer gesellschaftlichen Entwicklung und dem heutigen Zeitgeist auf Konfrontation, ohne jedoch politisch oder medial eine Lobby zu haben.

Wenn Gewalt als legitimes Mittel erscheint

Das Potenzial, das in Fankurven steckt, ist unglaublich. Sie zeigen eine erstaunliche Kreativität und Ausdruckskraft, welche nur durch großen Einsatz und Eigeninitiative – sozusagen gesellschaftlich erwünschte Eigenschaften – erreicht werden. Durch unsere Vereinfachungen und Fehlinterpretationen des Fankurvenverhaltens und Maßnahmen-Schnellschüsse untergraben wir jedoch nicht nur die wertvollen Erfahrungen, die in einer Fankurve gemacht werden können. Nein, wir lancieren regelrecht einen Kampf gegen die Fankurven, bezeichnen diese als gefährliche rechtsfreie Räume, schrauben die Toleranzgrenze immer tiefer und lassen das Verhältnismäßigkeitsprinzip außen vor. Wir sind auf gutem Wege, eine Jugendbewegung kaputt zu machen oder deren destruktive Elemente zu fördern, und merken es nicht einmal.

In dieser angespannten Stimmung besteht die Gefahr, dass Gewalt aus Sicht einiger Kurvenmitglieder eine legitime Funktion hat, beispielsweise dann, wenn sie „das Ausleben“ ihrer Fankultur bedroht sehen. Selbstregulierungsmechanismen werden, einhergehend mit einer zunehmend militanten Ausdrucksweise, geschwächt, Extreme gefördert. Kräfte innerhalb der Fankurven, welche ihr Bestehen mit einer Radikalisierung ihres Verhaltens zu schützen glauben, werden so in ihrer Argumentation gestärkt. Hier wären nun pragmatische Kräfte gefragt, die in der Debatte nicht auf Konfrontation und Stigmatisierung von Fußballfans setzen, sondern auf eine Dialog- und Streitkultur bauen, welche nicht von Einbahn-Kommunikation und Vorurteilen geprägt ist. Erst diese Vorgehensweise schafft intelligente Lösungen und korrigiert Entwicklungen in der Fanlandschaft und deren Umfeld, die uns zu Recht auch Sorgen bereiten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thomas Feltes, Martin Gerster, Michael Grüber.

Leserbriefe

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