Von den meisten Menschen wird Gott als eine Art Kundendienst betrachtet. Ilona Bodden

Alles wandelt sich zum Grünen

Zum ersten Mal hat das Umweltbewusstsein auch die obersten Konzernetagen erreicht. Getrieben von der Angst vor Entdeckung bleibt Unternehmen keine andere Wahl, als auf Nachhaltigkeit zu setzen. Dabei sollte der “Green Shift” nicht als Bedrohung, sondern als Chance begriffen werden.

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Das Umweltbewusstsein kehrte erst im Zug von Atom-Rückwärtsrolle und Stuttgart-21-Ringkampf mit Wucht wieder in die Köpfe der Menschen in Deutschland zurück. Wer aufgrund der Kurzlebigkeit dieser Ereignisse in den Medien allerdings nur einen kurzfristigen Trend sieht, dürfte bald eines Besseren belehrt werden. Dieser Trend ist nachhaltig. Denn: Nicht nur die Menschen auf Gleisen und an Zäunen haben die Zwangsläufigkeit eines grünen Jahrhunderts erkannt, sondern zum ersten Mal auch jene in den schweren, schwarzen Ledersesseln in der obersten Konzernetage. Angesicht der Tatsache, dass wir bei unserem derzeitigen Ressourcenverbrauch eigentlich 2,5 Erden bräuchten, auch keine große Gedankenleistung.

Die Macht von Grün

Und nicht nur in Deutschland, sondern in vielen anderen Industrienationen, sogar mittlerweile in den Schwellenländern (wenn man China überhaupt noch so bezeichnen darf) entdeckt die Wirtschaft die Macht von Grün. Sehr zur Freude der deutschen Konzernbosse, deren Augen leuchten dürften angesichts solcher Aussagen wie der von Professor Tang Zilai, Chefplaner der EXPO in Shanghai und Professor an der Shanghaier Tongji-Universität: “Der strategische Umschwung hin zu einer nachhaltigen Urbanisierung wird in China breit diskutiert. Dies ist eine große Gelegenheit für europäische Unternehmen, mit ihren umweltfreundlichen und energieeffizienten Technologien den chinesischen Bedarf zu decken.” Eine Win-win-Situation. Nicht nur für vollere Kassen in deutschen Firmen, sondern auch für bessere Luft in Fernost. Selbst wenn es den Konzernlenkern nicht in erster Linie um die Rettung der Erde geht, sondern ums Überleben ihres Unternehmens, das Ergebnis ist gleichwohl dasselbe: Die natürlichen Ressourcen werden geschont. Und das mit Profit. Der Innovationsschub für grüne Technologien dürfte enorm sein.

Das gute Gewissen des Konsumenten

Doch das ist nur die eine Richtung, in die der grüne Zug rollt. Eine andere, viel entscheidendere, ist die nach innen, ins Herz der Unternehmen, in seine Prozesse und Herstellung. Zum ersten Mal werden die Wertschöpfungsketten mit Ernsthaftigkeit auf ihre ökologischen und sozialen Kriterien abgeklopft. Man beschäftigt sich plötzlich mit Begriffen wie “Cradle to Cradle” oder “Blue Economy”. Den Unternehmen bleibt keine Wahl. Im Zeitalter des Internets kommt jede Schweinerei, jeder Verstoß gegen das gute Gewissen des Konsumenten ans Licht: Wenn Kinderhände in Vietnam mit giftigen Stoffen T-Shirts für den deutschen Grabbeltisch zusammennähen, weiß es bald nicht nur die Firma, das Dorf, die Region, sondern in Windeseile auch die Welt.

Freilich sind die meisten noch getrieben von dieser Angst vor Entdeckung. Wenige haben bereits erkannt, dass sie ihrem Produkt oder ihrer Dienstleistung einen echten Mehrwert geben mit einer sauberen Wertschöpfungskette. Denn die kritischen Konsumenten werden langsam, aber stetig mehr. Und kriegen technische Hilfe. Schon gibt es die ersten Apps für Smartphones, mit denen man die Barcodes eines Produkts abfotografieren kann, um Sekunden später das Urteil aus diversen hinterlegten Datenbanken ausgespuckt zu bekommen: gutes oder böses Produkt.

Die Unternehmen sollten den Green Shift nicht als Bedrohung empfinden, sondern als Chance. Nur wer den Wandel zur ökologischen und auch sozialen Nachhaltigkeit glaubhaft, nachweisbar und konsequent vollzieht, wird überleben. Alle anderen sortiert der Markt aus.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Oliver Götz, Ivan Disch, Oliver Götz.

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