Das Problem steht im Block

von Thomas Feltes6.10.2012Gesellschaft & Kultur

Die Gewalt im Fußball kommt von den Fans. Darum sorgen Sicherheitsmaßnahmen im Stadion nur für eine Verlagerung der Ausschreitungen.

Am 25.09.2012 hat The European getitelt: “„Die Kurve brennt. Pyrotechnik ist die heilige Kuh der Debatte um Fangewalt. Obwohl Ultras konkrete Konzepte zur Legalisierung vorgelegt haben, lehnt der DFB den Dialog ab – und die Medien dämonisieren.“”:http://theeuropean.de/michael-grueber/12351-ultras-und-verbaende-im-fussball

Zwei Tage später hat die Liga-Versammlung getagt. Der Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL), Reinhard Rauball, hat im Vorfeld gesagt, was die nicht will: Nacktscanner oder elektronische Fußfesseln wie in einem Hochsicherheitstrakt. Immerhin. “Und keinesfalls möchte sich Rauball den populistischen Forderungen aus der Politik hingeben, die nach den nächsten Gewaltexzessen die Stehplätze abschaffen wollen.”:http://www.taz.de/Sicherheit-in-Fussballstadien/!102550/ So weit, so gut. Oder auch nicht.

Das trojanische Pferd

Bei der Liga-Versammlung Ende September 2012 wurden alle anwesenden 36 Klubvertreter über die Planungen der DFL informiert. Das Konzept trägt – so die DFL – der Tatsache Rechnung, dass ein ehrlicher Dialog mit den Fans für ein friedliches Miteinander unverzichtbar ist, Liga und Klubs ihrerseits aber mit größtmöglicher Konsequenz die Voraussetzungen für einen sicheren Stadionbesuch zu gewährleisten haben. Ziel dabei sei es, dass sich die Klubs auf gemeinsame Regelungen verständigen, die anschließend in die Statuten aufgenommen und dann auch von der DFL kontrolliert werden. Die Nichterfüllung dieser Regelungen könnte dann im entsprechenden Fall auch im Rahmen des Lizenzierungsverfahrens sanktioniert werden. Gleichzeitig soll bei der Verteilung der Medien-Erlöse darüber nachgedacht werden, gegebenenfalls Gelder einzubehalten, um die Finanzierung notwendiger Standards sicherzustellen. Was auf den ersten Blick wie ein vernünftiges Vorgehen aussieht, ist bei näherer Betrachtung ein trojanisches Pferd, das an die Vereine geschickt wird – und sich vor allem an die Fans richtet. Es ist eine klare Kampfansage an die Vereine: Entweder ihr sorgt für Ruhe, oder ihr kriegt weniger Geld (aus den Fernsehübertragungen) oder fliegt sogar ganz raus (Lizenzentzug).

Das eigentliche Problem dabei sind die Fans. Gäbe es sie nicht, hätte der Fußball kein Gewaltproblem. Allerdings gäbe es wohl auch den Fußball zumindest in der Form, wie wir ihn kennen und wie ihn vor allem auch DFL und DFB wollen, nicht mehr. Einerseits ist ganz offensichtlich die Intensität der Fan-Begeisterung gestiegen (was auch von der DFL und dem DFB selbst geschürt wird, z.B. durch aufwendige und teure Inszenierungen bei der Saisoneröffnung 2012 in Dortmund), und andererseits ist das Fußballspiel auch für gewaltbereite junge Menschen zunehmend attraktiver geworden. Sie treffen im und auf dem Weg zu und vom Stadion auf die Öffentlichkeit (und auf die Medien), die sie suchen und auf die Polizei, die zunehmend als „Sparringspartner“ missbraucht wird. Hier wird Fußball als Event genutzt, um Gewalt auszuüben.

Fingerspitzengefühl gegen den Krieg

Insgesamt wird der besondere Event-Charakter deutlich, der zumindest für einige Ultras wichtiger zu sein scheint als das Spiel selbst, das manchmal zur Nebensache verkommt. Die Konfrontationen mit der Polizei vor und (noch häufiger) nach dem Spiel sind Teil dieser „Eventkultur“ und finden im günstigsten Fall als eher harmloses Katz-und-Maus-Spiel statt, im ungünstigsten Fall werden gezielte Provokationen z.B. durch Werfen von Pyrotechnik, Böllern oder Flaschen auf Polizeibeamte verübt. Hier ist dann vonseiten des polizeilichen Einsatzleiters, aber auch von dem einzelnen Polizeibeamten und den Gruppen- und Zugführern der Einsatzhundertschaften viel Fingerspitzengefühl gefragt, um nicht einen „Krieg“ zwischen Ultras und Polizei ausbrechen zu lassen. Dabei hat man zumindest manchmal den Eindruck, dass eine deeskalierende Grundeinstellung des Einsatzleiters nicht von allen eingesetzten Polizeibeamten geteilt wird und es vor allem dann zu Problemen hinsichtlich der grundlegenden Einsatzphilosophie (und infolge dessen dann auch zu Eskalationen) kommt, wenn ortsfremde Einsatzhundertschaften eingesetzt werden oder Bundes- und Landespolizei unterschiedlich agieren. Hinter vorgehaltener Hand gestehen dann auch Einsatzleiter oder mit der Lage vertraute Polizeibeamte durchaus ein, dass Gewaltpotenzial und Gewaltbereitschaft aufseiten der Polizei durch einzelne „übermotivierte“ Polizeibeamte nicht unerheblich sind, gefördert auch durch überlange Einsatzzeiten und zunehmende Personalprobleme.

Eine Erhöhung der Sicherheit bei Großveranstaltungen durch Überwachung der Teilnehmer/innen wird von der Mehrheit derjenigen, die Fußballstadien besuchen und sich an unserer “Umfrage im August 2012”:http://www.fussballbefragung.de beteiligt haben, als weder sinnvoll noch notwendig angesehen – möglicherweise im Widerspruch zur sogenannten „öffentlichen Meinung“. Wenn man davon ausgeht, dass die derzeit in den meisten Bundesligastadien installierten Videoüberwachungsanlagen vollkommen ausreichen, um Straftäter zu identifizieren, dann stellt sich die Frage, welche weiteren Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen sinnvoll (also effektiv), zumutbar (also von Besucher akzeptiert) und (rechtlich) zulässig sind.

Marginalisierung führt zur Eskalation

Wenn man das Stadion zum Hochsicherheitstrakt macht, kann das dazu führen, dass sich die Gewalt zunehmend außerhalb der Stadien abspielt oder sich auf untere Ligen verlagert – was zum Teil schon zu beobachten ist. Zunehmende Kontrollen, bei gleichzeitiger Ignoranz den Ursachen der Gewalt gegenüber, und ohne dass in soziale Prävention investiert wird, bergen die Gefahr, dass das sportliche Umfeld durch ein Übermaß an Sicherheitsmaßnahmen geprägt wird. Wer Ultras marginalisiert, trägt selbst zur Eskalation der Gewalt bei.

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