Debattentod im Journalismus | The European

Die Medien sind zu staatsnah

Thomas Bippes2.06.2021Medien, Wissenschaft

Wo bleibt die Skepsis? Wo bleibt die Kritik, wo der investigative Geist? Wie die Kaninchen auf die Schlange starren die Medien – vor allem die mit staatlichem Auftrag – auf die Entwicklung der Corona Zahlen und fungieren als Co-Pressesprecher für die Exekutive. Brav werden Kontaktverbote und Kontaktlockerungen und dann wieder Verbote und wieder Lockerungen kommuniziert, aber nur selten hinterfragt. Nicht nur die Bevölkerung schart sich, vor dem Hintergrund der Unsicherheit einer Pandemie, hinter den Regierenden. Die Medien tun es genauso, meint Gastautor Thoma Bippes.

Wir brauchen mehr Debatten, Quelle: Shutterstock

Dabei liegen die Themen für Recherchen geradezu auf der Straße. Es ist zum Beispiel höchste Zeit zu hinterfragen, ob die Angstmacherei der Intensivmediziner vor der Triage, also einer Auswahl von Patienten für Beatmungsplätze, gerechtfertigt war. Ist im Blick auf Subventionen und Einrichtung von Intensivbetten auch alles mit rechten Dingen zugegangen? Warum schlägt der Interessenverband der deutschen Intensiv- und Notfallmediziner (DIVI) Daueralarm zu einem Zeitpunkt, als die dritte Welle Statistikern zufolge bereits gebremst war? Klar ist: Wer in der Krise wie die Kliniken und Intensivmediziner Interessenpolitik an einer so entscheidenden Stelle betreibt, versündigt sich an unserer Gesellschaft.

Wer recherchiert, ob die Profiteure von Maskenkäufen aus Regierungskreisen ihre Provisionen zurückgezahlt haben? Wo bleibt die Kontrolle der Coronahilfen und des Betrugs damit? Wer prangert endlich einmal an, dass die Pandemie auf dem Rücken der Kinder bewältigt wird und dass es trotz der angespannten Finanzlage eine satte Rentenerhöhung gegeben hat? Wer benennt diese ungerechte Klientelpolitik als das was sie ist, nämlich als Diskriminierung von jungen Menschen?

Der kritische Journalismus droht endgültig in Spardiktat und Interessen unterzugehen. Noch nie hatten wir so viele Regierungssprecher in Redaktionssesseln. Oft fehlen schlichtweg Kapazitäten, um Missstände aufzudecken. Doch die Folge ist skandalös: Eine Kooperation zwischen Regierenden und Journalisten, die es in dieser Form in unserer auf Gewaltenteilung ruhenden, demokratischen Gesellschaft nie geben dürfte. Mangelnde Distanz, zu viel Sendungsbewusstsein und Erziehungsanspruch der Medien, das zeigte sich jüngst auch in der Berichterstattung über die unsäglichen antisemitischen Demonstrationen, die nicht nur von der „Tagesschau“ heruntergespielt wurden. Antisemitismus, egal aus welcher Richtung – da gebe ich Armin Laschet voll und ganz recht – darf Deutschland nicht dulden. Auch nicht seine Relativierung.

Eine vielbeachtete amerikanische Studie zum Lokaljournalismus konnte nachweisen: Dort, wo in Lokalredaktionen die Kontrollfunktion nicht mehr ausreichend oder gar nicht wahrgenommen wird, wächst das Verwaltungspersonal, steigen die Gehälter der Angestellten und klettert die Steuerlast je Einwohner. Zudem droht Verschwendung. Wie eine Blaupause passt diese Analyse auf die Folgen der Corona Pandemie. Doch schwache, unkritische Medien wie wir sie derzeit erleben, werden diese Zusammenhänge in der Bundesrepublik nicht aufdecken und damit auch nicht verhindern können.

Wie lässt sich dieser Entwicklung gegensteuern: Die FAZ und die Bertelsmann Content Alliance haben bereits damit begonnen, in großangelegten Kampagnen die Bedeutung des Qualitätsjournalismus hervorzuheben. Ziel ist es, Menschen für die Bedeutung einer freien Presse zu sensibilisieren. Das ist wichtig und richtig. Wir brauchen ein neues Bewusstsein für Qualitätsjournalismus. Denn Journalismus hat seinen Preis.

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