Hört auf eure Jugend!

Thomas Bernd Stehling12.06.2011Gesellschaft & Kultur, Politik

Was bleibt, wenn die Zelte der spanischen Protestbewegung abgebaut sind und die Medien wieder wegschauen? An der Arbeitslosigkeit hat sich nichts geändert, die Jugend bleibt pessimistisch. Die Zeit zum Jubeln ist noch nicht gekommen.

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Für kurze Zeit fanden sie sogar das “Interesse der internationalen Medien”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/6873-democracia-real-ya. Doch was bleibt vom Protest der spanischen Jugendlichen gegen Arbeitslosigkeit und mangelnde Perspektiven, gegen Korruption und für „echte Demokratie“ jetzt, wo die Straßen und Plätze wieder geräumt sind und die Bilder verblassen? Vermutlich wenig mehr als die Probleme selber.

Was bleibt von der Hoffnung?

44,4 Prozent der spanischen Jugendlichen waren Ende Mai als arbeitslos registriert, im gesamten Euroraum waren es 19,6 Prozent. Damit liegt Spanien bei den unter 25-Jährigen ebenso einsam an der Spitze wie bei den Arbeitslosen insgesamt. Hier führt das Land die Tabelle mit 20,7 Prozent an, im gesamten Euroraum sind es 9,9 Prozent. Was angesichts solcher Zahlen erstaunt, sind weniger die Proteste der Betroffenen, als die Lethargie, mit der “die spanische Elite in Staat und Gesellschaft”:http://www.theeuropean.de/jos-luis-rodriguez-zapatero bislang mit diesem Thema umgegangen ist. Anstelle entschlossenen Handelns gibt es vage Absichtserklärungen, statt eines breiten Konsenses suchen Parteien und Verbände ihr eigenes Süppchen auf dem Feuer der Proteste zu kochen. Sympathieerklärungen für die Protestierer gehen einher “mit dem Fingerzeig auf andere”:http://www.theeuropean.de/friedrich-thelen/5185-euro-krise-und-eu-gipfel. Es fehlt nicht an beschwichtigenden Erklärungsversuchen. Das Angebot dazu überwiegt bei Weitem die Zahl von Konzepten und Ideen zur Überwindung des Problems. 44 Prozent, das sind rund 860.000 junge Leute. Es mag sein, dass ein Teil von ihnen gar nicht arbeiten will, drogen- oder alkoholabhängig, aus instabilen Familien, ohne die Grundvoraussetzungen für eine weiterführende Ausbildung. Es mag sein, dass andere unter ihnen mit einer Mischung aus etwas Schwarzarbeit und elterlicher „Grundversorgung“ mit Wohnung, Essen und etwas Taschengeld über die Runden kommen. Aber sind das Gründe, dass Staat und Gesellschaft ihnen Zuwendung und Hilfe verweigern? Was ist mit den anderen, den gut qualifizierten, arbeitswilligen Jugendlichen? Ist es wirklich eine Lösung, sie auf gut bezahlte Jobs in Deutschland oder Lateinamerika zu verweisen?

Aus der Mitte der Gesellschaft

Es war kein Aktionsbündnis notorischer Arbeitsverweigerer, Pennbrüder und versprengter Alt-Maoisten, die die Initiative auf der Puerta del Sol in Madrid starteten. Die, die sich da am Anfang im friedlichen Protest versammelten, kommen aus der Mitte der spanischen Gesellschaft. Spanien muss sich dieser Menschen annehmen. Es steht mehr auf dem Spiel als nur der Ausfall von Steuern oder Sozialabgaben. Wenn die Hälfte einer Generation ohne Perspektive ist, wird es auch Anlass zur Sorge um den sozialen Frieden eines Landes sowie um das Vertrauen in die Institutionen und Werte von Demokratie und sozialer Marktwirtschaft geben. Die Jugendproteste haben, gerade in ihrer Anfangsphase, viel Zustimmung und Verständnis in Spanien erfahren – quer durch das Land und über Altersgruppen und soziologische Unterschiede hinweg. Dies bedeutet zugleich, dass nicht allein nur unter den Betroffenen die Bereitschaft und Fähigkeit von Regierung und Parlament, von Kirchen und Verbänden, Gewerkschaften und Arbeitgebern auf dem Prüfstand stehen, zu einer Lösung beizutragen. Sollten sie sich verweigern oder scheitern, werden die Proteste vom Mai 2011 eines Tages als der Beginn von tief greifenden Veränderungen in der spanischen Gesellschaft festgehalten werden.

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