Fressen oder gefressen werden?

Thilo v. Trotha13.07.2014Gesellschaft & Kultur

Wir haben Zerstörung und Grauen überwunden. Die Erzählung Europas muss deshalb heißen: der Welt den Frieden bringen, den wir für uns errungen haben.

Sie sind in den letzten Jahren groß in Mode gekommen – die Tierfilme. Kürzlich standen die Geburt, Jugend und das Erwachsenenleben eines Tigers im Mittelpunkt. Die Zuschauer freuten sich am putzigen Spiel mit seiner Mutter, gingen mit ihm auf die Jagd, fieberten mit ihm: Kriegt er das Gnu-Baby oder entkommt es? Der Tiger hat Hunger, er braucht Beute. Ein Film aus der Sicht des Gnu-Babys ließe die Zuschauer in Sorge erstarren: Hoffentlich kommt es davon. Die Tierfilme zeigen: fressen oder gefressen werden. Wer Schwäche zeigt, ist verloren. Die Natur ist gnadenlos.

In der Tradition Karls des Großen

Die menschliche Bemühung, sich über dieses Naturgesetz zu erheben, nennen wir Kultur. Im innerstaatlichen Bereich haben sich – von Land zu Land verschieden – Rücksichtnahme, Solidarität, Nächstenliebe und Barmherzigkeit herausgebildet. Sie sind der Stoff, aus dem die Gebäude der Sozialstaatlichkeit und des menschlichen Miteinanders gebaut sind. Im Umgang der Staaten untereinander haben diese Werte erst zögerlich die Regentschaft angetreten. Da regiert noch viel Natur. Das Völkerrecht ist der erste zaghafte Ansatz, Kultur auch hier stärker zur Geltung zu bringen.

Die Europäische Union will nicht auf ein perfektes Völkerrecht warten. Sie strebt an, die Grundsätze menschlichen Umgangs auf ihre Staatengemeinschaft zu übertragen: eine Herkulesaufgabe, eine Kulturleistung allerhöchsten Anspruchs.

Die EU folgt damit einem Gen, das Karl der Große vor 1200 Jahren in die DNA Europas eingepflanzt hat: die Einheit des Kontinents. Die Erinnerung an sein Riesenreich, das von der Ostsee bis Rom, vom Atlantik bis zum Balkan reichte, lebt im Gedächtnis der Europäer fort. Immer wieder hat es Versuche gegeben, den Kontinent nach diesem Vorbild aufs Neue zu einen. Im 30-jährigen Krieg war es Ludwig der XIV. Die Habsburger haben es mit Heiratspolitik probiert. Napoleon hat zwei Jahrzehnte daran gearbeitet. Deutschland hat unendlich viel Leid über den Kontinent gebracht. Nie ist es geglückt, die Feindseligkeit zu überwinden. Immer ist unendlich viel Blut geflossen. Zerstörung und Grauen sind über die Völker gekommen. Die Einheit des Kontinents wurde als Vorherrschaft eines Landes von den anderen abgelehnt.

Klugheit heißt Frieden

Nun ist das Wunder der Römischen Verträge geschehen. Ohne Krieg, ohne Vorherrschaft, ohne Gewalt hat sich Europa geeint und ist gewachsen. Mit einem beispiellosen Wachstum, mit Wohlstand und Sicherheit für alle. Triumph der Verständigung. Triumph des Friedens. Europa ist klug geworden. Klug geworden aus Schaden. Es ist heute der klügste aller Kontinente der Erde. Europa müht sich um Ausgleich und Solidarität zwischen seinen Staaten, so wie diese unter Menschen schon Tradition haben. Die Mission Europas ist, diese Klugheit zu bewahren. Sie in die Welt der Konflikte zu tragen. Diese Klugheit heißt Frieden.

Es bedarf keiner Entwicklung auf dem westlichen Balkan und keiner Ukraine-Krise, um zu wissen: Frieden fällt nicht vom Himmel, wächst nicht auf den Bäumen. Er muss noch härter erarbeitet werden als Rechts- und Sozialstaat. Die Widerstände, die er überwinden muss, sind noch mannigfaltiger. Die Wege, die Friedenspolitik gehen kann, noch unerprobter. Europa hat einen Weg gefunden. Europa ist der Kontinent des Friedens. Das kann kein anderer Kontinent stolzer von sich sagen. Das gibt uns in der Welt einen Wert, Europa einen Sinn. Sich Wünsche erfüllen, Interessen wahrnehmen gibt dem Kontinent kein Alleinstellungsmerkmal, das wollen alle. Friedensklugheit zu exportieren, das kann Europa wie keiner. Das ist sein großes Narrativ.

Der Sinn Europas

Narrativ, Erzählung heißt heute, was in anderen Zeiten mit Zielsetzung, Vision, Identität gemeint war. Spricht den inneren Kitt an, den eine Gemeinschaft zusammenhält, ihre Handlungen ausrichtet. Es geht um den Sinn Europas. Menschen sind beharrliche Sinnsucher: Wir wollen wissen, warum wir leben, wohin das Leben führt. Auch die Völker sind Sinnsucher.

Der Sinn Europas liegt nicht in der Sanierung der Banken, in ökonomischer Konvergenz oder Klimapolitik – so wichtig sie sind. Sie werden erst glücken, wenn wir uns über die Sinnhaftigkeit Europas einig sind. Dieses Einvernehmen nicht zu zerreden, sondern herzustellen, entscheidet über unsere Zukunft. Bemerkungen des Bundespräsidenten: „Wir spüren, die EU lässt die Menschen nicht völlig kalt“, sind viel zu defensiv. Begeisterung kann schwer aufkommen, wenn Frau Merkel nicht mehr weiß als „Viele halten den Friedensauftrag der EU für erfüllt.“

Aber es ist die Begeisterung, die Berge versetzt. Die Willen und Absicht die Kraft einflößen, ihre schönsten Anstrengungen zu machen. Der Friedensauftrag der EU ist nicht erfüllt. Er ist unser Exportschlager Nr. 1. Die Erzählung Europas heißt: der Welt den Frieden bringen, den wir für uns errungen haben. Die große Erzählung Amerikas heißt: der Welt Freiheit bringen, die es einst erworben hat. Ist das nicht eine schöne Melodie, Europa und Amerika bringen der Welt beides: Frieden und Freiheit?

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