Die Büchse der Pandora

Thilo Thielke18.11.2010Politik

Wenn das Referendum mit rechten Dingen zugeht, wird eine gewaltige Mehrheit der Südsudanesen für die Abspaltung ihrer Heimat votieren. Der erste neue Staat in Afrika seit 17 Jahren würde entstehen. Und es dürfte nicht der letzte sein.

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Es gibt traurige Gegenden auf dieser Erde, in denen stellt der Kriegszustand die Normalität dar und der Frieden ist eher etwas Ungewöhnliches. Der Sudan ist so ein Land. Und er musste nicht erst von unserem Radar verschwinden, er war dort nie aufgetaucht. Dabei stehen dem Land und damit möglicherweise dem ganzen Kontinent dramatische Zeiten bevor. Am 9. Januar 2011 soll im Süden des Sudans ein Referendum über den Verbleib in der “Dschumhurriyyat as-Sudan“ abgehalten werden. Sollte es dabei mit rechten Dingen zugehen, wird eine gewaltige Mehrheit für die Unabhängigkeit stimmen. Zu tief sitzt das Misstrauen der Südsudanesen gegenüber dem Islamisten Umar Hasan al-Baschir, der das Land von 1993 an ununterbrochen und seit 2004 übergangsweise gemeinsam mit seinen ärgsten Widersachern von der südsudanesischen Rebellenorganisation SPLA regiert. Dem Internationalen Strafgerichtshof von Den Haag gilt der Mann als Völkermörder. Derzeit erzählt al-Baschir jedem, der es hören will, dass er den Wunsch des Volks respektieren werde und sich sogar “gutnachbarschaftliche Beziehungen“ wünsche. Aber kann man ihm das diesmal glauben? Schließlich geht es um den Mann, der in der Vergangenheit kaum eine Grausamkeit gescheut hat, um seine Macht zu festigen.

Wird die Büchse der Pandora geöffnet?

Die Abspaltung des Südens würde die erste Bildung eines neuen afrikanischen Staats seit der Unabhängigkeit Eritreas von Äthiopien im Jahr 1993 bedeuten, und dadurch könnte die Büchse der Pandora geöffnet werden, befürchten Kritiker. Wenn der Süden geht, könnte es auch wieder im völlig vernachlässigten Osten brodeln, könnte auch der Konflikt im Westen, in Darfur, wieder befeuert werden, könnten sogar in anderen afrikanischen Staaten Begehrlichkeiten geweckt werden. Wird al-Baschir also tatsächlich das Risiko eingehen, dass sein Staat ganz zerfällt? Natürlich geht es nicht nur um Land und um dessen Bewohner; fast immer geht es bei derartigen Konflikten auch um Bodenschätze. Im Fall des Sudans geht es um Öl. Eine halbe Million Barrel täglich fördert der Sudan derzeit täglich und ist damit drittgrößter Ölproduzent des Kontinents. Das Friedensabkommen von 2005 sah vor, dass die Einnahmen aus diesem Geschäft bis zur Entscheidung über die Zukunft des Staats zwischen Nord und Süd geteilt werden. Doch das meiste Öl liegt im Süden, fast 80 Prozent. Und noch immer herrscht keine Einigung darüber, wo genau die Grenze zwischen dem Norden und dem Süden des Landes tatsächlich verläuft – am heftigsten umstritten sind die Heglig-Ölfelder von Abyei. Es fällt jedenfalls auf, dass in den paritätisch mit Süd- wie Nordvertretern besetzten Kommissionen, die für Referendum und Demarkation zuständig sind, die Vertreter Khartums nach Kräften auf Zeit spielen und versuchen, den Fortgang mit allen Mitteln zu behindern.

Die Zeichen stehen auf Sturm

Derzeit hat es den Anschein, als stimme al-Baschir einer Demarkationslinie nur dann zu, wenn er auch diese Ölfelder bekommt. Doch auch die Südsudanesen zeigen sich unnachgiebig und drohen für diesen Fall mit einer einseitig verkündeten Unabhängigkeitserklärung. Die Zeichen stehen auf Sturm im Sudan, wieder einmal. Kriegserprobt sind beide Parteien, und eine Intervention müssen sie wohl kaum befürchten. Die Amerikaner bekommen schon die von ihnen selbst begonnenen Kriege nicht in den Griff, und die UNO ist bislang immer gescheitert, wenn sie gefordert war. Womit wollen sie drohen, sollte al-Baschir seine Truppen mobilisieren und die strittigen Ölfelder besetzen lassen? Dem Sudan mit seinen mehr als 30 Millionen Einwohnern und rund 600 verschiedenen Volksgruppen droht also eine neuerliche Katastrophe.

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