Therapiestunde bei den Krautreportern

Thilo Spahl16.03.2015Medien

Was wir aus der Krautreporter-Reaktion auf Tilo Jungs „blinden Fleck“ lernen können über einen Journalismus, der gleichzeitig „unabhängig“ und „vollkommen abhängig“ sein will.

18.000 Leute zahlen 60 Euro im Jahr, um sich von dem Online-Magazin „Krautreporter“ per Crowdfunding finanzierten „unabhängigen Journalismus“ liefern zu lassen.

Einer der Autoren war jetzt zu unabhängig. Er hat privat “Bildchen”:https://twitter.com/buzzfeeduk/status/527157984170758144 veröffentlicht, die einige nicht so lustig fanden. Kinderpornos? Nein. Eine junge Frau am Strand, die per Fußtritt ins Wasser geschubst wird. Ursprünglich war die nicht besonders lustige, gestellte Szene offenbar von irgendjemandem als Parodie auf eine “berühmte Fotoserie”:https://instagram.com/muradosmann/ des Fotografen Murad Osmann entstanden. Tilo Jung hat sie am Weltfrauentag auf Instagram gepostet. Es gab Frauenfeindlichkeitsalarm und die Krautreporter mussten reagieren.

Jetzt darf Jung erstmal nicht mehr mitmachen. Bis er zur Besinnung gekommen ist. Der Herausgeber hat eine Therapiestunde mit dem Delinquenten angesetzt und ihm die Chance gegeben, auf den Pfad der Tugend zurückzufinden. Auch die interessierten Leser, von denen die meisten wohl wenig von dem unbedachten Witz mitbekommen hatten, wurden pflichtschuldig informiert:

bq. Wir haben Tilo gebeten, der Redaktion zu erklären, wie es zu dem Post kam. Er sagt, er verstehe inzwischen selbst nicht mehr, was daran witzig sei. Er sagt, ihm sei durch die Diskussion bewusst geworden, dass es einen „blinden Fleck“ bei ihm gebe. Er sagt, er wolle daran arbeiten. Und er hat um Entschuldigung gebeten. Wir haben die Entschuldigung angenommen. Wir haben beschlossen, Tilo Zeit zu geben, diesen „blinden Fleck“ auszuleuchten. Es ist seine Entscheidung, ob und wie er auf diese Fragen antworten will. Wir werden vorübergehend keine neuen Beiträge von Tilo Jung veröffentlichen, aber er bleibt ein Teil von Krautreporter.

Vielleicht kann er ja geheilt werden. Ob ihm professionelle Hilfe angeboten wurde, um zu lernen, besser mit spontanen Einfällen für Posts umzugehen, die er hinterher vielleicht bereut, ist nicht bekannt.

Dann gab es gleich noch einen Problemfall. Zu schlechten Witzen gesellte sich unvollständige Transparenz. Hierzu ein weiterer Ausschnitt aus dem “Krautreporter-Stuhlkreisprotokoll”:https://krautreporter.de/499–in-eigener-sache:

bq. Unser Spezialist für Kriegsfolgen und Start-ups, Danijel, hat, wie viele freie Journalisten auch, einen Job in der Öffentlichkeitsarbeit. Er arbeitet vier bis fünf Tage pro Monat als freier Redakteur für das Bundespresseamt an der Reihe „Die Woche der Kanzlerin“ mit. Ich und Krautreporter-Herausgeber Sebastian Esser wussten davon. Unsere Einschätzung war, dass dies die journalistische Unabhängigkeit nicht beeinträchtigt, solange beide Tätigkeiten thematisch getrennt bleiben. Auch mit Geschäftsführer Philipp Schwörbel und anderen Mitgliedern der Redaktion hat der Autor offen darüber gesprochen. Aber es wussten nicht alle davon. Dies hat intern zu Diskussionen geführt.

Dass nicht alle davon wussten, ist leicht nachzuvollziehen. Denn laut Selbstverständnis der Krautreporter besteht die Redaktion nicht nur aus einigen Journalisten, sondern aus allen mindestens 18.000 „Mitgliedern“ („Unterstützer, Leser und Autoren sind Mitglieder der Krautreporter-Community. Alle Mitglieder gemeinsam bilden die Krautreporter-Redaktion“, lautet der “Erste Grundsatz”:https://krautreporter.de/pages/ueber_uns der Gemeinschaft). Bei den weiteren Diskussionen ist herausgekommen, dass man die Sache falsch eingeschätzt hat. Wer als freier Redakteur für die Regierung arbeitet, ist für den unabhängigen Journalismus ein Qualitätsrisiko. Die Konsequenz: „Danijel hat entschieden, seine Mitarbeit bei Krautreporter solange ruhen zu lassen, wie er gleichzeitig für das Bundespresseamt arbeitet.“ Außerdem wurde eine “Seite”:https://krautreporter.de/pages/transparenz eingerichtet, auf der die Autoren in (fast) schonungsloser Offenheit darlegen, wo sie sonst noch etwas Geld verdienen.

Wer will einen Journalismus, dessen Unabhängigkeit darin besteht, darauf zu achten, ja mit nichts in Verbindung gebracht werden zu können, was die Shitstorm-Gefahr erhöhen könnte, und sicherzustellen, dass kein Autor von irgendeinem Auftraggeber Geld nimmt, den sogenannte „Mitglieder“ vielleicht nicht gut finden könnten?

Hoppla. Beim Weiterlesen auf der Seite entdecke ich, dass ich einem Missverständnis aufgesessen bin. Im dritten der zehn Grundsätze steht, dass es gar nicht um Unabhängigkeit geht, sondern um Werbefreiheit bei gleichzeitiger „vollkommener“ Abhängigkeit:

bq. Keine Werbung. Bei Krautreporter gibt es keine bezahlten Anzeigen. Mitglieder unterstützen Krautreporter mit 5 Euro im Monat. Dadurch ist Krautreporter vollkommen von seinen Mitgliedern abhängig – und von niemandem sonst.

Der Versuch der „Krautreporter“ zeigt: Unabhängiger Journalismus bleibt eine Herausforderung.

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