Tolle Teilerei?

von Thilo Spahl31.10.2014Wirtschaft

Das Teilen könnte unsere Wirtschaft revolutionieren. Doch mit postmaterialistischen Wertvorstellungen und Ressourcenschonung hat das denkbar wenig zu tun.

Die Botschaft, die “Rachel Botsman”:http://www.rachelbotsman.com/ bereitwillig mit jedem teilt, lautet: „Wir stehen am Beginn einer kollaborativen Revolution.“ DafĂŒr darf sie sich Vordenkerin einer neuen Bewegung nennen. Gemeint ist gemeinschaftlicher Konsum in einer Kultur des Teilens, der Sharing Economy. Auch der amerikanische Ökonom und ZukunftsgeschichtenerzĂ€hler Jeremy Rifkin sieht ein neues Wirtschaftssystem der „Kollaborativen Commons“ mittelfristig den Kapitalismus ablösen. In einer Welt gemeinschaftlicher Produktion und gemeinschaftlichen Nutzens soll Eigentum seine Bedeutung verlieren.

Angefangen hat es mit dem Carsharing. Und immerhin: Car2Go hat mittlerweile ĂŒber eine halbe Million Nutzer, DriveNow rund 300.000. Offenbar haben wir es mit einer aufstrebenden Branche zu tun. Aber rechtfertigt das schon den Traum von der Überwindung des Kapitalismus und Aufbau einer klassenlosen, nachhaltigen Gesellschaft, in der wir alle zu „Prosumer“ werden, ominösen Mischwesen aus Produzent und Konsument, die sich gegenseitig geben, was sie brauchen?

Was soll die Fragerei!

Worauf kann man zwecks Übergangs in eine Gesellschaft des Teilens noch verzichten, außer aufs eigene Auto? Wo kann man sich der Last des Besitzens entledigen? Bohrmaschine? Kein Problem, borge ich mir beim Nachbarn. Fahrrad? Kann man leihen – außer man ist Radfahrer. Smartphone? Gott bewahre, antworten die Freunde der Shareconomy, ist ja der Enabler der ganzen Bewegung. Waschmaschine? Oh ja, ich damals in den 80ern: immer mit dem WĂ€schekorb mit der U-Bahn zum Waschsalon in der Wiener Straße – lustige Zeit. Aber sieht das der heutige Student auch noch so? GeschirrspĂŒler? Eher unpraktisch. Schreibtisch, Fotoapparat, Fernseher, Badewanne? Was soll die Fragerei!

Wie wĂ€re es mit der ganzen KĂŒche? Ist die nicht dem Auto vergleichbar? In den meisten Singlehaushalten wird seltener als einmal pro Tag gekocht. Den Rest der Zeit steht sie einfach ungenutzt rum. Sie nimmt keinen Platz auf der Straße weg, aber doch eine Menge Wohnraum. Viel Einsparpotenzial, das noch weitgehend unentdeckt scheint. Ein Blick auf www.kitchenshare.org enttĂ€uscht. Man setzt sich fĂŒr „Nachhaltigkeit, Gleichheit und SelbstgenĂŒgsamkeit“ in Portland, Oregon ein. Über das Tauschen von Rezepten und Warmhalteplatten scheint die Initiative aber nicht hinauszugehen. Weiter ist da schon “Freddy Leck in Berlin”:www.freddy-leck-sein-waschsalon.de Mit seinem Waschsalon ist er noch Überbleibsel der alten Teilwirtschaft und mit einer MietkĂŒche zugleich Vorreiter der neuen.

Das Original heißt Marktwirtschaft

Warum fĂ€llt es so schwer, etwas zum habituellen Teilen zu finden? Aus einem einfachen Grund: Wo das Teilen Sinn macht, ist es lĂ€ngst ĂŒblich. Ich besitze kein Schwimmbad, keine KlĂ€ranlage, keinen Zug, kein Flugzeug, keine Straße, kein Hotelzimmer, kein Stahlwerk, kein MS Office (sondern nur eine Nutzungslizenz) und keinen Supermarkt. Den teile ich mir lieber mit vielen anderen Menschen aus meiner Umgebung. Das funktioniert sogar ohne App sehr gut. Ich besitze auch kein eigenes Kraftwerk, obwohl immer mehr Menschen der seltsamen Meinung sind, sie mĂŒssten ihren Strom jeder fĂŒr sich selbst auf dem eigenen Dach erzeugen, damit dann anschließend jeder mit jedem teilen kann.

Die wahre Shareconomy ist viel Ă€lter als das die modische Idee des kollaborativen Konsums. Wir kennen sie unter dem Namen Marktwirtschaft, die auf der revolutionĂ€ren Idee der Arbeitsteilung basiert. Sie ermöglicht, dass wir ĂŒber sehr vieles verfĂŒgen, ohne es selbst herstellen zu mĂŒssen. Wir greifen in unserem alltĂ€glichen Leben auf die FĂ€higkeiten von Millionen von Menschen zurĂŒck, die die Abertausende Produkte erzeugen und Dienstleistungen erbringen, die wir nutzen und gelegentlich auch besitzen.

Teilen fĂŒr eine bessere Welt?

Der Gedanken der Ökonomie des Teilens erfreut sich aus zwei GrĂŒnden großer Beliebtheit. Erstens, weil er sich das Ganze prima mittels Internet und Apps organisieren lĂ€sst. Zweitens passt es gut zum ökologischen Zeitgeist. Die US-Zimmervermittlung Airbnb, die sich selbst als Vorreiter der Collaborative Consumption bezeichnet, “nennt als Ziel”:http://www.schwartzpr.de/de/newsroom/airbnb/2012-06-Studie-Deutschland-teilt_Hintergrund.pdf eine „nachhaltigere Nutzung bestehender Ressourcen und die Wandlung zu einer Gesellschaft, die sich nicht lĂ€nger durch Besitz, sondern vielmehr durch Zugang definiert.“

Doch mit postmaterialistischen Wertvorstellungen und Ressourcenschonung hat die Teilerei denkbar wenig zu tun. Was ist denn die Voraussetzung dafĂŒr, dass heute Airbnb eine tolle Alternative zum Hotel darstellt? Es ist die wachsende Menge an Wohnraum, der von seinen Besitzern nicht dauerhaft benötigt wird, entweder in Form der durch eigenen Urlaub nicht ausgelasteten, eigenen Ferienwohnung oder in Form nicht genutzter Zimmer in der eigenen Wohnung, die heute viel grĂ¶ĂŸer ist als frĂŒher, oder in Form der zwei Wohnungen von nicht fest zusammenlebenden Paaren. Die Ausdehnung der Shareconomy geht also mit einer Ausdehnung von Besitz einher. Das ist sogar beim Auto bisher nicht anders. Auch wenn wir seit Jahren lesen, immer mehr Menschen in Deutschland verzichteten aufs eigene Auto, nimmt die Zahl der PKWs unbeeindruckt bestĂ€ndig zu. Auf deutschen Straßen waren am 1. Januar 2014 43,9 Mio. Privatfahrzeuge unterwegs, rund 420.000 mehr als “im Jahr zuvor”:http://www.kba.de/DE/Statistik/Fahrzeuge/Bestand/2014_b_bestandsbarometer_teil1_absolut.html?nn=644526. Car2Go und DriveNow sind in erster Linie Alternativen zu U-Bahn oder Taxi und dienen oft zur ÜberbrĂŒckung der Zeit bis zur Anschaffung des eigenen Autos.

Auch mit der Hoffnung auf Entkommerzialisierung des alltĂ€glichen Lebens sollten wir die neue Form, der digital vermittelten Kultur des Teilens nicht verbinden. Dass eher das Gegenteil geschieht, wird einem spĂ€testens klar, wenn in Zukunft der Kontoauszug zeigt, wie im Moment der RĂŒckgabe der Bohrmaschine an den Nachbarn zwei Euro 50 von meinem auf sein Konto gewandert sind.

Freiheit hinterm Steuer

Es mag sein, dass sich zu den vielen gemeinschaftlich genutzten Verkehrsmitteln in GroßstĂ€dten mehr und mehr auch das Auto gesellt. Carsharing ist eine feine Sache. Es hat Vorteile und ist informationstechnisch kein Problem mehr. Insbesondere die EinfĂŒhrung fahrerloser Fahrzeuge wird hier wahrscheinlich zu einem weiteren Anstieg fĂŒhren. Denn solche Vehikel werden, insbesondere wenn sie schlicht und funktional gestaltet sind, eher als eine Art individualisierter ÖPNV wahrgenommen. Doch aufgepasst: Mit dem bisweilen gerĂŒhmten Verzicht aufs Statussymbol Auto geht auch der Verlust von PrivatsphĂ€re und Freiheit einher.

Besitz gibt mir die Freiheit, tun und lassen zu können, was ich will. Das Werben fĂŒrs Teilen ist somit auch ein Angriff aufs Private. Das gilt fĂŒr die Wohnung und auch fĂŒr das Auto als mobilen, individuell gestaltbaren Privatraum. Außerhalb von GroßstĂ€dten hat das Auto nach wie vor sehr viel mit Freiheit zu tun. Wenn ein junger Mensch das 18. Lebensjahr vollendet, ist es nicht das Wahlrecht, das ihm neue Perspektiven ermöglicht, sondern vor allem der FĂŒhrerschein. Mit dem kann er in einem Mietwagen fahren, aber echte VerfĂŒgungsgewalt ĂŒber die neue Freiheit erlangt er nur durchs eigene Auto, das den rĂ€umlichen und zeitlichen Aktionsradius betrĂ€chtlich ausdehnt. Mit dem Auto startet man ins neue Leben. Man fĂ€hrt hin, wo man will, und man muss sich nicht mit dem letzten Bus auf den Heimweg machen. Oft kommt es vor der eigenen Wohnung und dient auch als Wegbereiter fĂŒr den nĂ€chsten Akt der Befreiung, den Auszug aus dem Elternhaus.

Digital-analoge Entsinglifizierung?

Eine Revolution sind sie also nicht, die Ausleihportale und -apps, aber doch ganz schön. Sie fĂŒhren uns nicht in eine neue postkapitalistische Ökonomie, beleben aber vielleicht das Zwischenmenschliche in der Singlegesellschaft ein wenig, indem sie viele unkomplizierte Begegnungsmöglichkeiten hervorbringen. So mag die Ökonomie des Teilens durch die gemeinsam getrunkene Tasse Kaffee beim Holen und ZurĂŒckgeben von Bohrmaschine oder Entsafter manch einsamer Seele einen nicht virtuellen, kurzen Moment des GlĂŒcks verschaffen. Vielleicht lĂ€uten die neuen Plattformen wie whyown.it, foodsharing.de, autonetzer.de oder leihdirwas.de ja nicht das Ende des Kapitalismus ein, dafĂŒr aber das Ende von parship.de oder FriendScout24?

_Nachtrag: Moovel hat nach eigenen Angaben – anders als hier dargestellt – 900.000 Car2Go-Kunden._

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