Wer Sehnsucht nach Harmonie hat, muss in einen Gesangsverein gehen. Aber nicht in die Politik. Norbert Blüm

Die Familie ist das Vaterland des Herzens

Der Verleger Wolfram Weimer hat ein „Konservatives Manifest“ veröffentlicht. Das Buch „für eine neue Bürgerlichkeit“ sorgt für Furore. "The European“ veröffentlicht hier ein Auszug zur Bedeutung der Familie.

Für den Konservativen ist die Familie „das erste, das der Mensch im Leben vorfindet, das letzte, wonach er die Hand ausstreckt, das kostbarsten das er im Leben besitzt.“ Die Sentenz von Adolph Kolping beschreibt den überragende Wert, den konservative Menschen der Familie beimessen. Modernisierer und Linke des 20. Jahrhunderts haben die Familie kritisch hinterfragt, dekonstruiert, als Unterdrückungs- oder Entfremdungsstruktur oder als Leitbild der bürgerlichen Gesellschaft bekämpft. Doch sie hatten keinen nachhaltigen Erfolg damit. Für die Generation der Achtundsechziger ist die Rückkehr der Familie eine große Verblüffung. Sie hatten zeitlebens Familienkritik betrieben, auf Emanzipation und Distanz gesetzt. „Anti-Autorität“ war das Schlagwort seit den sechziger Jahren, und eine ewige Pubertät wurde proklamiert. Familie sei ein Hort der latenten Repression, dagegen brauche die Jugend „Kritikfähigkeit“, „Selbstbestimmung“, „Ich-Stärke“.
Nun passiert freilich das glatte Gegenteil. Die neue Jugend des 21. Jahrhunderts wendet sich in der Familienfrage massiv konservativen Werten zu. Sie sucht vor allem Einvernehmen mit den Eltern. Wir-Stärke statt Ich-Stärke ist angesagt. In der Shell-Jugendstudie stellen die Forscher verblüfft fest: „Im Unterschied zur Generation der Eltern selbst, die meist eine kritische Einstellung zum Lebensstil ihrer Väter und Mütter pflegen oder pflegten, haben junge Leute ein überwiegend entspanntes und zugewandtes Verhältnis.“

Kaum eine andere soziale Institution hat in den letzten zwanzig Jahren einen solch hohen Zustimmungszuwachs erhalten wie die Familie. Für 80 bis 90 Prozent der jungen Menschen ist Familie wichtig bis sehr wichtig. Ebenso viele wollen selbst eine Familie gründen und auf Dauer mit einem Partner zusammenleben, und die meisten wollen Kinder.

Der Studie zufolge kommen 92 Prozent der deutschen Jugendlichen derzeit gut oder sogar bestens mir ihren Eltern aus. Die Werte sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Haben im Jahr 2002 immerhin 32 Prozent der Jugendlichen ihr Verhältnis zu den Eltern sei „bestens“ so sind es heute 40 Prozent.
Interessant ist auch, dass der Erziehungsstil der Eltern große Zustimmung erfährt. Auf die Frage „Würdest Du Dein Kind einmal genauso erziehen, wie Deine Eltern Dich erzogen haben?“ sagen heute 74 Prozent der Jugendlichen ja. Das ist ein Rekordwert. Die Forscher resümieren: „Damit ist seit 2002 der Anteil der Jugendlichen, die die Erziehung der eigenen Eltern zum Vorbild nehmen, kontinuierlich angestiegen.“
Kurzum: Das Verhältnis von Eltern und Kindern ist so gut wie lange nicht mehr.

Damit sind nicht nur die Ideologen der kritischen Theorie widerlegt. Auch Kulturpessimisten und Zerfallspropheten dürften staunen. Denn trotz hoher Scheidungsraten, Patchwork-Familien und schwerer Belastungen durch die moderne Arbeitswelt ist die Familie stark wie nie.
Das vierte Gebot trägt gewissermaßen einen Sieg davon. Christen wussten schon immer, dass das Ehren der Eltern nicht
einfach Gehorsam bedeutet. Vielmehr ist das Gebot ein Wegweiser hin zur Liebe, der uns zeigt, wie unser Leben gelingen soll. Das hebräische Wort für ‚ehren’ kommt aus der Wortfamilie schwer sein, eine Last sein und tragen. Wenn man sich ehrt, trägt man sich gegenseitig durchs Leben. Das Schwere wird ein Reichtum. Und wer in der Familie Liebe spürt, der fühlt sich im Leben getragen und beschützt. Die Renaissance von Elternliebe und Familienorientierung bei der Jugend ist für politische Konservative ein Triumph wertegebundem Denkens. Für lebensweltlich Konservative eine gute Nachricht.

Für den Konservativen ist die Familie kein soziales Konstrukt oder eine Zufälligkeit der bürgerlichen Gesellschaft. Er sucht und findet in der Familie Liebe, Geborgenheit, Glück, Grundvertrauen und gegenseitige Hilfe. Zugleich sieht er die Familie als Garanten für die Weitergabe von Grundwerten und Zusammenhalt der Gesellschaft von Generation zu Generation. Die Familie kann dabei natürlich vielfältige Gesichter und Formationen haben. Doch wie bunt Familie auch sein kann, sie ist immer ein Vaterland des Herzens. Selbst, wenn sie räumlich getrennt sind, halten Familien zusammen und übernehmen gegenseitige Verantwortung und Fürsorge. Das Vertrauen, sich auf den Mitmenschen und sein Fürsorge verlassen zu können, aber auch die Vermittlung von Durchsetzungskraft und Teamfähigkeit sind für eine vitale und solidarische Gesellschaft unersetzlich. Die Familie ist das fundamentale Band zwischen den Menschen, auf das Nation und Staat aufbauen können. Politik und Sozialstaat können die familiären Bindungen und die menschliche Fürsorge weder ersetzen noch schaffen. „Die Familie ist die älteste aller Gemeinschaften und die einzige natürliche“ (Jean-Jacques Rousseau)

Rousseau verweist nicht bloß auf „Arterhaltung“ und die Sicherstellung von Geburt und Betreuung von Kindern, sondern auch darum, diesen Kindern die Entwicklung zu „sittlichen“ Wesen zu ermöglichen. Georg Wilhelm Friedrich Hegel sieht die Familie als Ort „unmittelbarer Sittlichkeit“.

Ehe und Familie sind dem Konservativen keine zufällige soziologische Konstruktion sondern die „Wiege“ der Gemeinschaft, jener Raum, in dem sich soziale Kompetenz und Ethik entwickeln. Linke wollen diese Aufgaben tendenziell kollektivieren und den Kitas, Schulen, Staatsinstitutionen familiäre Kompetenzen zuweisen. Der Konservative hält sich an Hegel und will die „Unmittelbarkeit“ der Sittlichkeit leben lassen. Das mag mit Blick auf den sozialen Wandel, insbesondere der Modernen Arbeitswelt, als romantische Reminiszenz wirken. Doch ohne die Familie als Wiege drohen aus konservativer Sicht entkernte, entseelte Gesellschaften.

Der Trend zur Verzweckung des Menschen ist dem Konservativen zutiefst fremd. Gerade sein Familienbild bezieht den autonome moralischen Wert von Schwachen, Alten, Kranken als Teil der liebend-und schützenwerten Familie mit ein. Nützlichkeitsmaßstäbe lehnt der Konservative daher ebenso ab wie theoretische Ersatzkonzeptionen oder Ideologien für Ehe und Familie, etwa die Gender-Ideologie der vergangenen Jahre, die den Unterschied und die natürliche Aufeinander-Bezogenheit von Mann und Frau leugnet. Sie stellt eine Gesellschaft ohne Geschlechterdifferenz in Aussicht und höhlt – aus konservativer Sicht – die anthropologische Grundlage der Familie aus. Die biologische Verschiedenheit zwischen Mann und Frau ist dem Konservativen keine Frage individueller Wahlfreiheit. Sie ist ihm schiere Realität. Wenn ihm die Familie das Heiligtum des Lebens ist, der Ort, wo das Leben hervorgebracht und gehütet wird, dann kann man von biologische Evidenz nicht radikal abkoppeln.

Die Familie ist dem Konservativen dabei auch ein Garant des Gültigen, der ewigen Werte von Liebe, Treue und Hingabe. Sie ist eine Bastion gegen die modernistische Kultur des Provisorischen. Ihm ist die Schnelligkeit, mit der manche Menschen Liebesbeziehung wechseln, ein- und ausschalten, suspekt. Er hat eine tiefe Skepsis gegenüber affektiven Beziehungen zu dem, was in einer Kultur des Provisorischen mit Menschen, aber auch mit Dingen und der Umwelt geschieht: „Alles kann man wegwerfen; jeder gebraucht und wirft weg, verbraucht und zerschlägt, nutzt und presst aus, solange es dienlich ist.“ (Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Amoris Laetitia“). Dagegen gilt: Das Füreinander-Einstehen der in Ehe oder Lebenspartnerschaft und die Bereitschaft von Eltern und Kindern, lebenslange Verantwortung füreinander zu übernehmen, sind Existenzgrundlagen einer Gesellschaft.

Dies ist ein Auszug aus dem “Konservativen Manifest”, erhätlich hier

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thomas Kreuzer, Frank Schäffler, Albert Wunsch.

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