Der Börsencrash dürfte so schnell nicht vorübergehen

The European Redaktion1.03.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Die Nachrichten zur Coronavirus-Krise verschlechtern sich dramatisch. Eine Pandemie ist ausgebrochen – mit schweren wirtschaftlichen Folgen. Der Börsencrash dürfte so schnell nicht vorüber gehen. Doch aus vergangenen Crashs kann man etwas Interessantes lernen.

Die schlechteste Börsenwoche seit der Finanzkrise 2008 ist vorüber. Der Börsencrash nimmt immer größere Dimensionen an. Erste Analysten sprechen vom legendären „Black-Swan-Event“. Als schwarzen Schwan bezeichnet man unter Börsianern ein unerwartetes, singuläres Ereignis von enormer Tragweite. Analysten haben errechnet, dass die weltweiten Kursverluste bei Aktien inzwischen 5 Billionen Euro erreichen. Alleine in Deutschland müssen Anleger rechnerische Verluste von 200 Milliarden Euro einstecken. Die SAP-Aktie ist heute 15 Milliarden Euro billiger als vor einer Woche, der Linde-Titel sackte um 10 Milliarden Euro weg, die Allianz-Aktie hat 9 Milliarden verloren.

Star-Ökonom warnt vor Absturz

Der Star-Ökonom Nouriel Roubini – er hatte bereits die Finanzkrise von 2008 vorhergesagt – warnt. Das Schlimmste werde noch kommen. Er glaubt, dass die Aktienmärkte wegen der Corona-Pandemie um 30 bis 40 Prozent einbrechen werden: „Diese Krise ist viel tiefer greifend für China und den Rest der Welt, als die Investoren bisher geglaubt haben.“ Es drohe eine weltweite Rezession. Ähnlich sieht das Dhaval Joshi vom Investmentberater BCA Research. Die Anleger würden die weit reichenden Folgen des Coronavirus nach wie vor nicht ausreichend einpreisen würden. Der Weg nach unten sei noch weit, sagt der Stratege. Dabei sind bestimmte Aktien, ganze Branchen schon deutlich mehr als 10 Prozent abgesackt. Die Aktien der besonders betroffenen Lufthansa sind heute etwa 25 Prozent billiger als noch zu Weihnachten.
Alles hängt jetzt davon ab, wie schlimm die Pandemie tatsächlich verläuft. Wer gehofft hatte, die Krise werde ähnlich glimpflich ausgehen wie SARS 2002/2003, sieht sich getäuscht. Sollte die Corona-Pandemie für Monate in vielen Ländern wüten, ist eine globale Rezession größeren Ausmaßes wahrscheinlich. In diesem Fall hätte der Crash erst begonnen. Die stark fallenden Rohstoffpreise und Frachtraten sind bereits ein Indiz dafür, dass die Krise auch ökonomisch tiefer ausfallen könnte.

Wann kommt die V-Erholung?

Andererseits sagen selbst die skeptischsten Epidemiologen voraus, dass die Krise nur wenige Monate anhalten werde. Gerade weil die Pandemie zu einer so plötzlichen Lähmung der wirtschaftlichen Aktivitäten führt, ist danach auch ein schlagartiger Aufholeffekt wahrscheinlich. Das betrifft Investitionen wie Konsum, vom Wiederauffüllen leergekaufter Lagerbestände im Handel bis zum verschobenen Autokauf. Unterm Strich könnte es auf diese Weise passieren, dass die Konjunktur 2020 mit einem blauen Auge davon kommen könnte – mit einer schwachen ersten Halbjahr und einer besonders starken zweiten Hälfte.
Auch die extrem niedrigen und weiter fallenden Zinsen sind ein potentieller Erholungsfaktor. Die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen hat mit 1,30 Prozent einen neuen Tiefpunkt erreicht. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen ist mit minus 0,55 Prozent nicht mehr weit vom Allzeittief von minus 0,7 Prozent entfernt.
Zudem sind wesentliche Megatrends des Aufschwungs intakt, von der digitaltechnologischen Innovation bis zur Aufholjagd der Schwellenländer. Kurzum: es könnte nach dem schweren Einbruch auch zu einer V-förmigen Erholung kommen wie nach de Finanzkrise von 2008. Und selbst wenn es etwas länger dauert, würden die Notenbanken – son ie jetzt bereits in China – mit noch mehr und noch billigerem Geld die Wirtschaft und natürlich vor allem die Kapitalmärkte wieder retten. Angesichts der damit absehbaren Flut billigen Geldes gibt es aus Sicht der Anleger nur ein Frage: wann ist der Zeitpunkt zum Wiedereinstieg da?

Lehren aus der Crash-Geschichte

Dabei kann ein Blick zurück in die Crash-Geschichte helfen. Seit 1950 hat es insgesamt 38 größere Korrekturen von 10 Prozent oder mehr im S&P 500 gegeben. Das entspricht einer Korrektur rund alle 1,81 Jahre. Insofern ist der jetzige Rückschlag – schwarzer Schwan hin oder her – ohnedies überfällig.

Börsen-Korrekturen haben aber nicht nur eine gewisse Regelmäßigkeit, sie sind jedesmal in der Geschichte bislang gute Einstigesgelegenheiten gewesen. In ihnen stecken  statistisch mehr Chancen als Risiken. Seit 150 Jahren gab es ab einer Haltedauer von 20 Jahren keinen einzigen Zeitpunkt, an dem man als Investor Verluste gemacht hätte. Das umfasst sogar die Weltwirtschaftskrise von 1929 – und somit die wohl größte Börsenkrise, die die Investoren jemals zu durchleiden hatten.
Korrekturen dauern statistisch gesehen exakt 196 Tage. Das heißt im jetzigen Fall: Bis August sollte man wieder investiert sein. Was Korrekturen jedoch allesamt gleich haben: sie werden über kurz oder lang wieder durch steigende Aktienkurse aufgeholt. Seit 1950 hat es jedoch mehr als 18.000 Tage mit steigenden Kursen gegeben und lediglich über 7.000 Tage mit fallenden Kursen. Statistisch gesehen sind die Gewinnaussichten daher noch immer ein Argument, sich zu engagieren. Vielleicht ist die Coronakrise auch genau die Gelegenheit, auf die man nun seit acht Jahren vergebens gewartet hat. Das wäre der schwarze Schwan bald wieder weiß.

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