Coronavirus-Studie: Die Immuntyp entscheidet über Leben oder Tod | The European

Der Immuntyp spielt bei einer Corona-Infektion eine entscheidende Rolle

The European Redaktion22.07.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Unterschiede in der Art und Weise, wie das Immunsystem von Menschen auf eine Infektion mit dem Coronavirus reagiert, könnte laut einer neuen Studie eine Frage von Leben oder Tod sein. Der Immuntyp spielt bei der Coronaerkrankung eine entscheidende Rolle.

Blutabwehr Abwehrstoffe System - größere Version || Nur für redaktionelle Verwendung, picture alliance / dieKLEINERT.de / Mathias Dietze | Mathias Dietze

Wenn der menschliche Körper von einem Virus angegriffen wird, produziert das Immunsystem T-Zellen, um es zu bekämpfen. Diese treten meist in zwei Formen auf: “Helfer”, die die Abwehrreaktion organisieren, und “Killer”, denen gesagt wird, wie und wo sie kämpfen sollen.

Die Killer zerstören die Viruszellen mit giftigen Chemikalien, aber um ihre Aufgabe effektiv zu erfüllen, ist eine genaue Koordination mit den Helferzellen erforderlich.

Bei vielen Patienten, die schwer an Covid-19 erkrankten, fehlte diese Teamarbeit, wie Forscher des Krankenhauses der Universität von Pennsylvania in den Vereinigten Staaten unter der Leitung von Dr. Nuala Meyer, außerordentlicher Professorin für Medizin, berichten.

Laut ihrer Studie, die am Mittwoch in der Zeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde, gibt es “drei ‘Immunotypen’, die mit schlechten klinischen Verläufen im Gegensatz zur Verbesserung der Gesundheit assoziiert werden”.

Das Team fand heraus, dass bei einigen Patienten eine unverhältnismäßig große Anzahl von Helferzellen vorhanden war, während die Bildung von Killerzellen unterdrückt wurde, um damit die Krankheit wirksam zu bekämpfen.

Der zweite Immuntyp umfasste jene Menschen, deren Immunsystem eine viel höhere Anzahl von Killerzellen produzierte, d.h. sie waren besser bewaffnet, um die Eindringlinge zu vernichten, aber nicht genügend Helferzellen, um den Kampf zu koordinieren. Infolgedessen litten sie erheblich unter Covid-19, überlebten es aber, so die Studie.

Am anderen Ende des Spektrums befanden sich diejenigen, die weder genügend T-Zellen der einen noch der anderen Art produzierten, d.h. ihnen fehlte die Feuerkraft, um die invasiven Zellen zu zerstören, und sie waren daher am meisten gefährdet, daran zu sterben.

Die US-Studie untersuchte 125 Patienten und war damit die bisher grösste ihrer Art.

Obwohl die Wissenschaftler nicht in der Lage waren, die verschiedenen Reaktionen des Immunsystems vollständig zu erklären, vermuteten sie einen Zusammenhang mit dem allgemeinen Gesundheitszustand der Patienten zum Zeitpunkt der Infektion.

Während die meisten der Covid-19-Patienten in der Studie mehr oder weniger die gleichen Behandlungen erhalten hatten, meinten die Forscher, dass die Ärzte möglicherweise einen stärker auf sie zugeschnittenen Ansatz in Betracht ziehen müssten.

“Die Ergebnisse fördern die Idee, klinische Behandlungen oder künftige immunbasierte klinische Studien auf Patienten zuzuschneiden, deren Immunotyp einen größeren potenziellen Nutzen erwarten lässt”, sagten sie.

Während die Gründe für die unterschiedlichen Immunreaktionen unklar blieben, hätten Ärzte an vorderster Front seit den frühen Tagen des Coronavirus-Ausbruchs in China enorme Unterschiede in der Art und Weise beobachtet, wie die Menschen auf die Behandlungsmethoden reagierten.

Eine Behandlung, die bei einem Menschen Wunder wirken könne, könne einen anderen töten, sagte er.

“Zu viele T-Helferzellen können zu einer schweren führen”, sagte er. “Einige Medikamente können dieses Signal unterdrücken, bevor sie Schaden anrichten.

Neben dem Immuntyp spielt die Blutgruppe eine weitere große Rolle bei einer Corona-Infektion und dem Grad des Verlaufes.

Hintergrund

Die bisherigen blutgruppenspezifischen Analyse deuten an, dass Träger der Blutgruppe  A ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko haben, schwerer an  Covid-19  zu erkranken. Dagegen scheint die   Blutgruppe  0 mit einem protektiven Effekt assoziiert zu sein. Die kürzlich  auf dem »medRxiv«-Preprintserver erschienene Publikation chinesischer Wissenschaftler deutet auch an, dass die   Blutgruppe   A im Vergleich zu Nicht-A-Blutgruppen mit einem höheren Risiko für schwere Covid-19-Verläufe assoziiert ist (DOI:   10.1101/2020.03.11.20031096 ). Dagegen zeigte sich auch in dieser Studie, dass Träger der   Blutgruppe   0 im Vergleich zu Nicht-0-Blutgruppen-Trägern ein geringeres Risiko für eine Infektion besitzen.

Unter der Blutgruppe versteht man die spezifische Beschaffenheit des Blutes bei Menschen und Tieren. Man unterscheidet beim Menschen vier verschiedene Blut-Hauptgruppen: A, AB, B und 0. Zudem gibt es noch die Ausprägungen positiv und negativ.

37 Prozent der Menschen in Deutschland haben die Blutgruppe “A+”. Etwa 35 Prozent tragen die Blutgruppe “0+”.  Die Blutgruppe “B+” kommt bei 9 Prozent der Menschen in Deutschland vor, die Blutgruppe “A-” und “0-” bei jeweils 
6 Prozent. Am seltensten findet man die Blutgruppen “AB+” mit 4 Prozent, “B-” mit 2 Prozent  und “AB-” mit 1 Prozent.

Schon lange forscht die Medizin an Zusammenhängen zwischen Blutgruppen und In fektionsanfälligkeiten auch bei anderen Erregern. Die Blutgruppe kann ein grundsätzlicher Risikofaktor für Krankheiten sein, sagt Markus Lerch, er ist Professor für Innere Medizin an der Universität Greifswald. Man sollte sie mit einbeziehen, wenn man nach den Ursachen für bestimmte chronische Leiden sucht.

Renate Heinz, Professorin für Innere Medizin an der Universität Wien, befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen den Blutgruppen und chronischen Erkrankungen des Menschen. Aus der Kardiologie wisse man, dass für Träger der Blutgruppen A, B und AB eine höhere Wahrscheinlichkeit besteht, Gefäßkrankheiten zu bekommen, sagt sie. Sechs Prozent aller Herzerkrankungen sind nach Angaben des Verbands Deutscher Kardiologen auf eine ungünstige Blutgruppe zurückzuführen.

Der Grund dafür ist, dass sich in dem Blut der Gruppen A, B und AB mehr Gerinnungsfaktoren finden. Das sind Eiweiße, die blutstillend wirken, wenn Blutgefäße verletzt werden, indem sie sich mit den Blutplättchen und der Gefäßwand verbinden. Wunden schließen sich schneller, wenn man mehr Gerinnungsfaktoren im Blut hat. Das Blut verklumpt leichter, deswegen bilden sich auch leichter Thrombosen.

,,Eine erhöhte Thrombose-Neigung kann natürlich auch zu einer schlechteren Durchblutung des Gehirns führen“, sagt Renate Heinz. Und somit zu Gedächtnisverlust und Demenz. Eine Studie der University of Vermont, USA konnte einen deutlichen Zusammenhang zur Blutgruppe der Demenz-Patienten feststellen. Ein Team um die Medizinerin Kristine Alexander wertete Gesundheitsdaten von mehr als 30.000 US-Amerikanern aus, die 45 Jahre oder älter waren und vier Jahre lang beobachtet wurden.

Besonders häufig traf der Gedächtnisverlust die Träger der Blutgruppe AB. Der Studie zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie dement werden, um 80 Prozent höher als bei Trägern die Blutgruppe Null, die besonders selten erkrankten.

Nicht bei allen Krankheiten profitieren Menschen mit Blutgruppe 0. Tendenziell sind Träger dieser Blutgruppe überempfindlich gegen neue Ernährungs- und Umweltbedingungen und haben eine Tendenz zu einem überaktiven Immunsystem. Bei Geschwüren, Allergien, Arthritis sind sie darum im Nachteil. Auch historisch waren Träger der Blutgruppen A, B oder AB sind besser gegen die Pest gerüstet als die Blutgruppe 0. Umso wichtiger ist es zu wissen, welche Auswirkungen die Blutgruppe nun auf die Corona-Erkrankungen hat.

Grundsätzlich umfasst das System vier Hauptgruppen, die Gruppen A, B, AB und 0. Im Jahre 1900 entdeckte Karl Landsteiner dieses Blutgruppensystem anhand von Experimenten mit Blut. Er stellte fest, dass sich einige Blutproben beim Vermischen verklumpten. Er fand auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen zwei verschiedene Antigene, und zwar Antigen A und Antigen B, nach denen die Gruppen aufgeteilt sind. Blutgruppe A weist also das Antigen A auf, die Blutgruppe B das Antigen B. Die Gruppe AB besitzt sogar beide Antigene, während die Gruppe 0 keines der Antigene hat. Die Antigene sind verantwortlich für die Verklumpung bei einer Vermischung der Blutgruppen, da sie Antikörper entwickeln, sobald „fremde“ Blutkörperchen auftauchen. Blutgruppe A bildet Antikörper gegen B (Anti-B), Blutgruppe B gegen A (Anti-A). Blutgruppe AB bildet keine Antikörper, da sich die eigenen Blutkörperchen sonst gegenseitig zerstören würden. Da die Blutgruppe 0 keine Antigene hat, bildet sie die Antikörper Anti-A und Anti-B. Die Antikörper für die Antigene werden in den ersten Lebensjahren gebildet.

Ergänzend zum AB0-System kommt das Antigen D, Rhesusfaktor-D genannt, hinzu, das ebenfalls Karl Landsteiner genau 40 Jahre später entdeckt hat. Zusätzlich zu der Blutgruppe wird daher ebenfalls erwähnt, ob jemand Rhesus-positiv oder Rhesus-negativ ist. Oft wird das „positiv“ oder „negativ“ auch nur hinter die Blutgruppe gestellt, ohne den Term Rhesus zu erwähnen, das heißt A positiv, AB negativ etc. Etwa 85 Prozent der weißen europäischen und amerikanischen Bevölkerung und fast 100 Prozent aller Afrikaner, Asiaten und Indianer Nordamerikas sind Rhesus-positiv, der Rest Rhesus-negativ.

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