Nachhilfe für Obama

Terry Christensen27.02.2013Gesellschaft & Kultur

Politisches Kino kann nicht nur das Publikum informieren, es kann auch Politiker korrigieren. Es wird Zeit, dass Obama aus seinen Fehlern lernt. Am besten durch Steven Spielbergs Film Lincoln.

Steven Spielbergs „Lincoln“, mit einem meisterhaften Drehbuch von Tony Kushner, ist mit Sicherheit der beste Film über den amerikanischen politischen Prozess. Von „Die Geburt einer Nation“ (1915) bis hin zu „Mr. Smith geht nach Washington“ (1939), „The Manchurian Candidate – Botschafter der Angst“ (1962), „Die Unbestechlichen“ (1962), „The Ides of March – Tage des Verrats“ (2011) oder nahezu allen Filmen von Oliver Stone: Politik ist seit Langem ein bestehendes Thema für amerikanische Filme.

Einige Streifen, wie „Das China-Syndrom“ (1979), richten den Blick auf Fragen der öffentlichen politischen Ordnung, während andere, wie „Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964), ernste Themen mittels Satire auf den Bildschirm holen. Wir haben sowohl Biografien bedeutender Polit-Größen, wie Franklin Delano Roosevelt oder Woodrow Wilson, als auch Komödien, wie „Dave“ (1993), im Kino gesehen.

Viele amerikanische Filme, die sich der Politik annehmen, machen dies, vielleicht aus Angst vor flüchtenden Zuschauern, jedoch eher auf komödiantische Art und Weise. Andere werden als Thriller mit schauderhaften Verschwörungstheorien abgedreht. In den meisten amerikanischen Politik-Streifen wird der politische Prozess, also die Gesetzgebung und deren Entscheidungsvorgänge, ignoriert oder, im besten Fall, grob vereinfacht dargestellt.

Heldenhaft, pragmatisch, menschlich

„Lincoln“ ist hier die große Ausnahme. Spielbergs Film widmet sich explizit und unverfroren dem politischen Prozess und ist als solcher lehrreich für das Publikum und die politische Führung Amerikas.

1865, das letzte Jahr des amerikanischen Bürgerkriegs und das letzte Lebensjahr von Präsident Lincoln: Der Film konzentriert sich auf dessen Anstrengungen, die Zustimmung für den 13. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten im Repräsentantenhaus zu gewinnen (der Senat hatte bereits eingewilligt). Der Zusatzartikel verbietet Sklaverei und Lincoln betrachtete ihn als entscheidend für eine erfolgreiche Beendigung des Bürgerkrieges.
Die Verabschiedung der Verfassungsänderung war dringlich, da das Ende des Krieges in Sicht war und mit der Rückkehr der Südstaaten zur Union wäre es unmöglich geworden, die notwendige Dreiviertelmehrheit der Staaten zu erhalten.

„Lincoln“ zeigt uns somit pionierhaft den politischen und gesetzgeberischen Prozess auf. Ein Prozess, der mit der Würstchen-Produktion verglichen wurde: unschön anzusehen, aber notwendig für das gewünschte Ergebnis.

Wir sehen, wie Lincoln und sein Kabinett darüber beraten, die erforderlichen Stimmen des Repräsentantenhauses zu gewinnen. Keine leichte Aufgabe. Er braucht das Votum der Oppositionspartei und muss nebenbei auch seine eigene Partei zusammenhalten, die radikale Abolitionisten einschließt, denen die 13. Änderung der Verfassung in der Gewährleistung der Gleichstellung nicht genügt. Es folgen vertrauliche Gespräche mit Gesetzgebern, Überredungsversuche, politisches Geschacher, rhetorische Schlachten und die Machenschaften eines dubiosen Trios, das von Lincoln angeheuert wurde, um die unentschlossenen Kongressmitglieder – koste es, was es wolle – für sich zu gewinnen. Wir sehen den großen Lincoln, wie er sich verausgabt, um diese entscheidende Schlacht im Kongress zu gewinnen. Wie er Kompromisse mit seinen Gegnern eingeht. Wie er sich seiner Aufgabe hingibt.

Lincoln ist heldenhaft, pragmatisch und menschlich. Er bewältigt familiäre Probleme, einschließlich einer unglücklichen, verbitterten Ehefrau und einem Sohn, der trotz der Angst seiner Eltern in die Armee eintreten will. Wir sehen, welchen Preis Lincoln für seinen Erfolg und seine Position zahlen musste – im Gegensatz zu Präsidenten, die in anderen Filmen nur auf heroische Art und Weise dargestellt werden.

Doch vor allem ist „Lincoln“ eine Unterrichtsstunde in Sachen Politik und politischer Prozess. Wir können nur hoffen, dass Präsident Obama und die Gesetzgeber in Washington diesen Film anschauen und von ihm lernen werden.

„Mach dir die Hände schmutzig“

Obama wird oft für seine Distanziertheit und sein Zögern bezüglich des legislativen Prozesses kritisiert. Er pflegt keinen gesellschaftlichen Umgang mit Kongressmitgliedern und ist nicht für seine Art der Überredungskunst oder des Verhandelns bekannt — das unterscheidet ihn von Lincoln. Obama verhält sich wie ein Orakel. Er gibt nur seine politischen Ziele bekannt, um sie dann seinen Zugpferden im Kongress zu überlassen, die sie dann durchbringen sollen. Ob Obamacare, Fiskalpolitik oder die fraglichen Versuche seiner Klima- und Immigrationspolitik: Obamas politischer Erfolg ist bisher eher durchwachsen.

„Lincolns“ Lektion für Obama lautet: „Mach dir die Hände schmutzig – fass mit an – sei ein Politiker!“ Seit seiner Wiederwahl gibt es bereits Anzeichen dafür, dass Obama sich dieser Forderung nähert. Seine Botschaft ist stärker und direkter geworden. Es sieht so aus, als sei er bereit, sein Anliegen dem Land vorzutragen – selbst über die Köpfe des Kongresses hinweg.

Aber auch Kongressmitglieder, sowohl Demokraten wie Republikaner, sollten eine Lektion aus „Lincoln“ ziehen. Es gibt Ereignisse, bei denen sie über ihre eigenen Interessen und Loyalitäten hinauswachsen müssen, um das Richtige für das Land und die Wähler zu tun. „Lincoln“ zeigt uns Kongressmitglieder, die aus Eigeninteresse ihre Stimme verkaufen (Obama könnte hiervon sogar profitieren), aber eben auch Politiker, die mit Gewissensbissen kämpfen und sich letztlich gegen das Parteiinteresse und für das Volk entscheiden.

„Lincoln“ ist ein großartiger Film über einen kühnen Präsidenten, der nicht nur Held, sondern auch Vollblutpolitiker und Mensch ist. Selbst das Misstrauen in die Politik schreckt ihn nicht davon ab. Das Beste an „Lincoln“ ist aber sicherlich die Verbildlichung des politischen Prozesses. Die Veranschaulichung der schwierigen, manchmal qualvollen Entscheidungen und Kompromisse, die die Staatsführung treffen muss, um dem Volk zu dienen.
Obama und der US-Kongress sollten sich diesen Film ansehen und von ihm lernen. Auch wir, die Bürger, sollten dies tun, damit wir realistischere Erwartungen an unsere politische Führung und den politischen Prozess haben.

_Übersetzung aus dem Englischen._

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