Genug gefaulenzt

von Tanja Gabriele Baudson19.02.2010Innenpolitik, Wirtschaft

Nur wer arbeitet, ist akzeptiert, fühlt sich wohl in der Gesellschaft. Die Ausgrenzung, eben auch im sozialen Bereich, der Arbeitslosen spaltet unsere Gesellschaft. Es kann jeden treffen, es ist Zeit, die Probleme anzugehen.

Wenn die Krise einmal da ist, ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis der Ruf nach “kreativen Lösungen” und “mehr Innovation” ertönt. Am lautesten schreien meist diejenigen, die die Situation durch ein stures “Weiter so” erst verursacht haben. Die derzeitige Wirtschaftskrise hat eine ganze Reihe drängender Probleme mit sich gebracht. Vor allem die gestiegene Arbeitslosenzahl müssen wir bald bewältigen. Denn schon längst sind die Arbeitslosen nicht mehr nur “die anderen”. Qualifikation schützt nicht mehr davor, den Job zu verlieren. Universitätsabsolventen schreiben erfolglos Hunderte von Bewerbungen, erfahrene Mittvierziger gelten als nicht vermittelbar. Können wir uns leisten, dieses Potenzial zu verschenken? Auch wenn sich manch Dauerarbeitsloser mit seiner Situation arrangiert hat oder Jugendliche als Berufsziel Hartz IV angeben: Die Mehrheit der Arbeitslosen ist weder faul noch unfähig. Sie würden lieber wieder einer geregelten Tätigkeit nachgehen, als sich den Demütigungen und Stigmatisierungen auszusetzen, die ihnen aus der Boulevardpresse entgegenplärren – mit den entsprechenden Konsequenzen für das Selbstbild.

Wenn Ideen der Motor der Gesellschaft sind, ist die Angst der Sand im Getriebe

Mit der Arbeit verliert man auch ein zentrales Strukturierungselement des täglichen Lebens; das zeigten schon frühe soziologische Studien. Aber Arbeit ist mehr als das: Sie trägt dazu bei, dass man sich als wertvolles und nützliches Mitglied der Gemeinschaft fühlt. Die soziale Ächtung der Arbeitslosen trägt zu einer immer tieferen Spaltung unserer Gesellschaft bei. Wer erwerbslos wird, muss diesen Verlust erst einmal in sein Selbstbild integrieren; wer noch Arbeit hat, grenzt sich von “den Arbeitslosen” umso stärker ab, je mehr Angst er hat, er selbst könne der Nächste sein. Trotz der Krise bricht Deutschland nicht zu neuen Ufern auf. Wenn Not nicht mehr erfinderisch macht, gibt es zumeist zwei Gründe: Entweder ist die Not noch nicht groß genug. Oder die Hürden, die dem Erfindungsreichtum entgegenstehen, sind zu hoch. In unserem Fall ist es Angst. Wenn Ideen der Motor der Gesellschaft sind, ist die Angst der Sand im Getriebe. Angst blockiert dadurch, dass sie hilflos macht. Das Kaninchen vor der Schlange kennt nur zwei Reaktionen: wegrennen oder tot stellen. Um komplexe Herausforderungen nachhaltig zu meistern, sind beide Optionen jedoch denkbar ungeeignet.

Der Mensch, der geborene Problemlöser

Einstein hat einmal gesagt, man könne ein Problem nicht mit den Mitteln eines Systems lösen, das es verursacht hat. Wir brauchen also Menschen, die den Mut haben, sich über tradierte Regeln hinwegzusetzen; die sich nicht schon einschüchtern lassen, noch bevor sie den ersten Schritt gewagt haben, um die Lösung jenseits der Grenzen ihrer kleinen Welt zu suchen. Eigentlich sind wir geborene Problemlöser. Aber allzu oft geben wir uns mit unzureichenden Lösungen zufrieden, weil wir nicht wagen, die gewohnten Bahnen zu verlassen. In einer aus den Fugen geratenen Welt stellt sich jedoch die Frage, ob es nicht besser wäre, sie gleich neu aufzubauen, statt sie nur zeitweilig zu kitten. Ohne Zweifel stellt der Verlust der Arbeit eine massive Krise im Leben des Einzelnen dar. Aber gerade, weil es jeden treffen kann, ist Arbeitslosigkeit kein Grund, sich zu verstecken. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt, um sowohl das eigene Leben als auch das System kritisch zu hinterfragen – und dann die eigene Kreativität zu nutzen, um die bestehenden Probleme auf gesellschaftlicher wie auf individueller Ebene offensiv anzugehen.

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