Mangel an Selbstvertrauen

Sylvestre Huet4.06.2013Politik, Wirtschaft

Wir Franzosen können den Atomausstieg nicht nachvollziehen. Wer hätte gedacht, dass die Deutschen so ängstlich sind?

Der Atomausstieg in Deutschland kann praktisch nicht mehr infrage gestellt werden. Denn die Atomenergie setzt Kontinuität voraus. Kontinuität in den wissenschaftlichen, technischen und industriellen Anstrengungen genauso wie Kontinuität bei der demokratischen Kontrolle. Es wirkt deshalb befremdlich, dass die Debatte nach der Entscheidung der Regierung Merkel weitergeht. Vielleicht ist das ein Anzeichen von Einsicht: Die deutsche Entscheidung verhindert nicht, dass die Atomtechnologie anderswo in der Welt verbreitet wird. Zwei Jahre nach Fukushima lehnen einige Länder – etwa die Schweiz – Atomkraft ab. Die großen Nationen bestehen aber weiter auf der nuklearen Option: China, Russland, die USA, Indien, Brasilien, Großbritannien oder Frankreich.

Diese Situation lässt sich durch zahlreiche Gründe erklären. Sie hängt mit den Wirtschafts- und Energiezielen der Regierungen dieser Länder zusammen, mit ihren natürlichen Ressourcen und Bevölkerungszahlen. Der Energiehunger der Industrienationen – und solcher, die es gerade werden – wird immer größer. Nicht alle versuchen, ihn mit Atomkraft zu stillen. Länder wie Norwegen und Island oder das kanadische Québec haben daran keinerlei Interesse: Wasserkraft oder Erdwärme sind dort weniger aufwendig, verursachen weniger Kosten und schaffen echte Autonomie. Zahlreiche andere Länder verfügen schlichtweg nicht über die Mittel, Atomkraft zu nutzen. Mit Ausnahme Südafrikas scheint kein afrikanisches Land aktuell dazu in der Lage zu sein.

Die Debatte ist unehrlich

Interessanter ist jedoch das deutsche Paradox. Deutschland wäre eigentlich bestens aufgestellt, um diese leistungsfähige, gleichzeitig aber auch gefährliche Energie zu nutzen, da es dank der Brut-Technologien über lang reichende Vorräte verfügt. Es ist ein Land, das von natürlichen Risiken wie Erdbeben, aktiven Vulkanen, oder unkontrollierbaren Flüssen sehr wenig betroffen ist. Ein Land, das die wissenschaftlichen und technischen Fähigkeiten besitzt, die Atomindustrie zu kontrollieren – wenn es dies wünscht. Ein Land, in dem die staatlichen Institutionen und die Gesellschaft stabil sind. Außerdem ist der Grad der Korruption in der Bundesrepublik sehr niedrig und sie verfügt über Kontrollsysteme, die unter der wachsamen Beobachtung einer freien Presse und aktiver Bürger agieren.

Die Vermutung liegt nahe, dass bei der Entscheidung gegen Atomkraft zwei Faktoren eine wichtige Rolle gespielt haben: die fossilen Alternativen und mögliche Fehler bei der kollektiven Einschätzung der atomaren Risiken.

Mit dem Ausstieg aus der Atomenergie setzt das deutsche Energiesystem auf Kohle (einschließlich Braunkohle) und Gas. Die viel gelobten Wind- und Solaranlagen produzierten 2012 tatsächlich nicht mehr als zwölf Prozent der Elektrizität. Nun wird die Kohle entweder vor Ort produziert und trägt dadurch zum Betrieb und zur Beschäftigung bei. Oder sie wird zu niedrigen Preisen importiert, die lange so bleiben könnten. Bei Gas hingegen handelt es sich um eine bedeutende strategische Wahl, wie der Einsatz von Ex-Kanzler Gerhard Schröder für die Pipeline im Baltikum eindrucksvoll gezeigt hat.

Das Ziel, eine Energieversorgung „ohne fossile Energieträger, ohne Atomenergie“, ist für 2050 gesetzt worden. Eine Studie des Freiburger Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme hat das Grundmuster einer solchen Versorgung entworfen – für einen Verbrauch, der um ein Viertel niedriger liegt als der aktuelle. Der entsprechende Plan sieht 170 Gigawatt (GW) vor, die durch Windenergie auf dem Festland gewonnen werden, sowie 85 GW durch Windenergie auf dem Meer. Hinzu kommen 200 GW aus Fotovoltaik, 70 GW durch Power to Gas und 95 GW durch weitere Gasquellen. Das macht 455 GW an in Deutschland produzierter Leistung.

Zum Vergleich: In Frankreich sind es aktuell gerade mal 128 GW (davon allein 64 GW aus Atomenergie). In den Zahlen für Deutschland ist nicht der massive Gasverbrauch der Industrie berücksichtigt noch der Bedarf privater Haushalte fürs Heizen und Kochen. Der ganze Ausblick der Studie wirft die Frage auf, wie ehrlich der Diskurs über den Verzicht auf fossile Brennstoffe geführt wird.

Für Unfälle braucht es undeutsche Umstände

Auch in der Diskussion um den Atomausstieg wurden in Deutschland wesentliche Fragen ausgeklammert. Wird das atomare Risiko angemessen eingeschätzt? Und sind die gesundheitlichen Konsequenzen eines Unfalls tatsächlich bekannt? Die drei Unfälle in der zivilen Atomenergie geben berechtigten Anlass zu einer Auffassung, die der öffentlichen deutschen Meinung zuwiderläuft.

Der Unfall von Three Mile Island 1979 zeigt, dass es möglich ist, Reaktoren zu planen und zu bauen, in denen die Zerstörung des Kerns keine Streuung von Radioaktivität in der Umgebung auslöst. Die Prävention vor Reaktorunfällen wird schon bei der Planung von Kraftwerken zum obersten Gebot. Die Unfälle von Tschernobyl und Fukushima zeigen, dass es sehr „undeutsche“ Umstände braucht, um ein solches Desaster auszulösen. Dort waren es politische respektive gesellschaftlich-technische Organisationsstrukturen, die die demokratische Kontrolle der Industrie verhinderten und Sicherheits-Gebote missachteten. Im Falle Japans waren es natürliche Sicherheitsrisiken, die zu den weltweit höchsten gehören.

Es ist an den Deutschen, zu beurteilen, ob solche Umstände in ihrem Land vermieden werden können oder nicht. Als französischer Beobachter mag man über einen solchen Mangel an Selbstvertrauen nur staunen.

_Update: In einer früheren Version des Artikels wurde fälschlicherweise behauptet, der Kern sei durch Fusion zerstört worden. Stattdessen entstand der Unfall aufgrund eines Ausfalls der Kühlfunktion._

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