Das großbürgerliche Feuilleton ist immer zur Stelle, wenn es was zu hacken gibt. Günter Grass

Gespaltene Rebellion

Die Zusammenstöße zwischen syrisch-kurdischen Gruppen und der Freien Syrischen Armee könnten sowohl dem Regime in Damaskus als auch der Türkei nutzen.

Die Krise in Syrien wird sich weiter zuspitzen, da die Levante wieder balkanisiert wird. Dies ist aber nicht die Gegend, in der die USA eine führende Rolle bei der Krisenbewältigung spielen werden. Europa wird für den Mittelmeerraum wieder eine gewisse Verantwortung übernehmen müssen und obwohl die Levante historisch gesehen Frankreichs Domäne ist, ist die Verantwortung keineswegs auf Frankreich beschränkt. Das haben wir an Deutschlands Beteiligung an den Verhandlungen gesehen und natürlich an der Verbindung zu Russland. Die USA sind nicht mehr in der Stimmung, sich in jeden Konflikt zu werfen. Sie begnügen sich damit, zuzusehen, wie Syrien sich destabilisiert und Iran damit aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Ihr Ziel ist es, Iran zu Verhandlungen zu nötigen mittels verschiedener Taktiken. Aber die USA sind auch nicht bereit, sich in einen anderen Konflikt im Nahen Osten verwickeln zu lassen. Andere werden die Last schultern müssen und die Türkei sieht sich mit dieser unbequemen Wahrheit konfrontiert. Das kurdische Problem wächst und kurdische Sympathisanten in Europa werden aufgerufen, die jetzige Gelegenheit zu nutzen – Bagdad ist abgelenkt, in Damaskus herrscht ein Machtvakuum, Teheran ist mehr daran interessiert, die Kurden gegen die Türkei zu unterstützen, als sie zu kontrollieren und Ankara ist stark eingeschränkt. Europa kann es sich nicht leisten, dieses Problem zu ignorieren, so sehr es auch durch sein eigenes Problem abgelenkt ist. Die Situation wird eskalieren und die Auflösung der Levante wird auf den Irak zurückfallen, wenn der Iran das grundlegende Gebot der Verteidigung seiner westlichen Flanke verteidigt.

Reva Bhalla, Vizepräsidentin Global Analyis, Stratfors führende Nahost-Expertin

Die jüngsten Zusammenstöße zwischen syrisch-kurdischen Gruppen und der Freien Syrischen Armee zeigen einen potenziellen Weg auf, den Ankara nutzen könnte, um die wachsende Gefahr einzudämmen, den ein wachsender kurdischer Separatismus für die Türkei darstellt. Der Konflikt begann am 25. Oktober, als angeblich Rebellen der Freien Syrischen Armee, kurz FSA, in die kurdischen Bezirke Ashrafieh und Sheik Maqsud im Norden der Stadt Aleppo eindrangen. Syrische Regierungstruppen antworteten mit der Bombardierung dieser Bezirke und töteten mehrere kurdische Zivilisten.

Ashrafieh ist entscheidend für die syrische Regierung und die Rebellen, da die Gegend ein guter Aussichtspunkt über ganz Aleppo ist und sich an der Kreuzung zwischen den Hauptstraßen der Stadt und den nördlichen Routen befindet. Wer auch immer Ashrafieh kontrolliert, hätte einen erheblichen Vorteil bei den Bemühungen, die Versorgungslinien des Gegners zu kappen.

Widerstand von lokalen Kurden

Der Gang der FSA in diese kurdischen Bezirke trifft jedoch auf erheblichen Widerstand von lokalen Kurden. Kurden protestierten am 26. Oktober gegen die FSA und die Tötungen vom Vortag. Dabei kam es zu Zusammenstößen zwischen kurdischen und syrischen Rebellen. Die Firatnews Agency, ein Medienunternehmen, welches mit der Arbeiterpartei Kurdistans sympathisiert – eine militante Gruppe, die gemeinhin als PKK bezeichnet wird – behauptete, dass die FSA das Feuer auf kurdische Demonstranten in Ashrafieh eröffnet hätte. Dabei seien fünf Menschen getötet und zehn verletzt worden.

Das lokale Organisationskomitee der syrischen Opposition verteidigte die FSA und beschuldigte kurdische Rebellen, die zur Partei der demokratischen Union gehören, einer syrisch-kurdischen Gruppe, die zur PKK gehört, die Gewalt geschürt zu haben. Die Volksverteidigungseinheiten, eine kürzlich gegründete syrisch-kurdische Gruppe, die der PKK angegliedert ist, behauptete am 27. Oktober, dass sie FSA-Mitglieder angegriffen und dabei 19 FSA-Rebellen getötet habe. Die oberste politische Instanz der PKK, die Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK), angeführt von Murat Karayilan, drohte schließlich offen der Türkei und der FSA für ihre militärischen Operationen im Norden Syriens. Dieses Gebiet bezeichnet die KCK als West-Kurdistan.

Wie die Ereignisse der vergangenen Tage belegen, ist die politische kurdische Landschaft in Syrien extrem gespalten. Während einige Gruppen darauf fokussiert sind, den syrischen Präsidenten Baschar Al Assad zu besiegen und willens sind, sich dafür mit der FSA zu verbünden, sind andere ganz offensichtlich nicht begeistert davon, dass die FSA in ihr Gebiet eindringt. Sie wollen die syrischen Rebellen bekämpfen. Diese Dynamik kommt dem Assad-Regime sehr entgegen. Es kann die Spaltungen innerhalb der Rebellion für sich nutzen. Es ist davon auszugehen, dass Iran und Syrien weitere Zusammenstöße zwischen der FSA und den mit der PKK verbundenen kurdischen Gruppen fördern werden.

Auch wenn diese Dynamik mit Risiken für Ankara behaftet ist, ist sie auch im türkischen Interesse. Die Türkei möchte eine gefestigte syrische Rebellion, um den Al-Assad-Clan von der Macht zu vertreiben. Ankaras unmittelbares Interesse besteht aber darin, den ansteigenden kurdischen Separatismus in der Region einzudämmen. Die Türkei weiß, dass die Kurden in der Region gerade eine einzigartige Möglichkeit sehen: Bagdad und Damaskus sind mit großen internen Ablenkungen konfrontiert und Ankara wiederum mit erheblichen Einschränkungen beim Versuch, diese Bedrohung zu bewältigen.

Zurzeit ist das Momentum mit den Kurden

Die Länder in der Region könnten die zahlreichen Spaltungen innerhalb der politischen kurdischen Landschaft ausnutzen, aber zurzeit ist das Momentum mit den Kurden. Das Momentum wird größer, da verschiedene kurdische Gruppen Gründe finden, um grenzübergreifend zusammenzuarbeiten. Die Türkei wird daher wahrscheinlich ihre Beziehungen zur FSA nutzen, um ein Bollwerk gegen die erstarkte kurdische Präsenz in Syrien zu errichten, bevor syrische Kurden Kontakte mit kurdischen Gruppen außerhalb der syrischen Grenzen knüpfen und somit potenziell eine regionale kurdische Gefahr für Ankara schaffen.

Um mehr über die aktuelle Lage in Syrien zu erfahren, lesen Sie auch: A Local Perspective on Syria’s Post-al-Assad Fragmentation

Übersetzung aus dem Englischen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Iran, Syrien, Tuerkei

Debatte

Die große Heuchelei des Westens

Medium_8d9b3cdaee

Die westliche Welt ist für die Kriege dieser Welt verantwortlich

Die westlichen Staaten sind für die Kriege und das große Leid der Menschen in Afghanistan, im Irak, in Syrien, dem Jemen und in Libyen verantwortlich, betont Oskar Lafontaine. weiterlesen

Medium_169fd8a9b4
von Oskar Lafontaine
23.04.2019

Debatte

Weltpolizist? Weltterrorist!

Medium_9b1ff33207

Donald Trump: Beenden Sie Ihre Rolle als Weltpolizei

Die USA „können nicht mehr Weltpolizist sein“, sagte Donald Trump. „Wir möchten nicht mehr von Ländern ausgenutzt werden, die uns und unser unglaubliches Militär nutzen, um sich zu schützen... Wir ... weiterlesen

Medium_169fd8a9b4
von Oskar Lafontaine
29.12.2018

Debatte

Die Zukunft in Syrien

Medium_d73b67f9a0

Peinliche Provokation für das gründeutsche Publikum

Obgleich sich jetzt der Sieg Assads über die hierzulande stets mit Sympathie gehandelten Rebellen, nicht zuletzt über die auf vereinzelte Stützpunkte zurückgedrängten Terrorbanden des IS, immer deu... weiterlesen

Medium_4775a73792
von Herbert Ammon
27.08.2018
meistgelesen / meistkommentiert