Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten. Karl Kraus

Die Brigaden des Dschihad

Deutschland wird sich an einer bevorstehenden Intervention im afrikanischen Mali vermutlich beteiligen. Die dortigen Islamisten geraten in die Defensive.

Die Deutschen haben sich nie wirklich für Mali interessiert, anders als Frankreich mit seinen kolonialen Aktivitäten. Frankreich ergreift deshalb auch die Initiative. Nachdem die EU dafür ihre Unterstützung signalisierte, äußerte auch Kanzlerin Angela Merkel die Bereitschaft, zumindest logistisch mitzuhelfen. Das demonstriert, dass Deutschland bereit ist, EU-Interessen auch außerhalb der Union zu vertreten. Aus sicherheitsstrategischen Überlegungen heraus hat dies viel Sinn. Mali und die dortige islamistische Bedrohung sind enger mit Europa verbunden, als es auf den ersten Blick scheint. Nicht zuletzt wegen den intensiven Wanderungsbewegungen zwischen Westafrika, dem Maghreb und Europa.

- Mark Schroeder, Stratfors Afrika-Analyst.

Die nordafrikanische Dschihadisten-Gruppe al Qaeda in the Islamic Maghreb (AQIM) bereitet sich derzeit auf die bevorstehende Militärintervention der malischen Regierung im Norden vor. Französische wie malische Medien berichten, dass die AQIM bereits mehrere Hundert Kämpfer aus dem Ausland rekrutiert hat, um ihre Reihen zu verstärken. Die AQIM verneint derartige Aktivitäten. Doch genauso wie die malische Regierung Vorbereitungen für eine intensive militärische Auseinandersetzung trifft, wird sich wohl auch die Franchise-Gruppe der al-Qaida vorbereiten.

Reporten zufolge haben sich in den malischen Städten Timbuktu und Gao jeweils etwa 150 Kämpfer der AQIM versammelt. Die Organisation bezeichnet Verbände dieser Größe als „Brigaden“. Ausgestattet sind sie in der Regel mit zehn bewaffneten Pickup-Trucks und damit schnell beweglich.

Die Gruppe kann nicht genügend Einheimische rekrutieren

Im Norden Malis arbeitet AQIM mit mehreren solchen Brigaden. Darunter die al-Furqan-Brigade, die in Timbuktu stationiert ist und von dem AQIM-Emir Sahel Yahia Djouadi angeführt wird. Eine Brigade (Taregh Ibn Ziyad) in Gao wird von Hamid Essoufi angeführt. Eine weitere wichtige Brigade ist el Moulathamoune, die bis Mitte Oktober von Khalid Abu al-Abbas, aka Mokhtar Belmokhtar, geführt wurde. Nach einem Dissenz zwischen der AQIM-Führung und Mokhtar Belmokhtar wurde diesem jedoch die Führung entzogen.

Die AQIM ist insgesamt eher lose organisiert. Ihr Oberkommandeur Abu Musab Abd al-Wadoud hält aus einer Basis in Algerien heraus die Fäden in der Hand. Die einzelnen Brigaden sind jedoch zu einem gewissen Grad unabhängig, suchen sich ihre Ziele häufig selbst und wählen ihr Einsatzgebiet eigenständig.

Dass die Islamisten nun offensichtlich ausländische Kämpfer anheuern, zeigt, dass die Gruppe damit gescheitert ist, in ausreichender Zahl Einheimische für sich zu gewinnen. Die AQIM hat angesichts der bevorstehenden Konfrontation mit etwa 6.000 Soldaten von Mali, Westafrika und der internationalen Gemeinschaft wohl erkannt, dass sie erfahrene Kämpfer braucht.

AQIM ist in der Defensive

Diese findet AQIM derzeit vor allem unter den Sahrawis, also Arabern, Berbern und Schwarzafrikanern aus der westlichen Sahara. Viele dieser Kämpfer dürften vom Regime Muammar al-Gaddafis trainiert worden sein. Sie gleichen den Malis zudem weitgehend im Erscheinungsbild – wichtig für eine Organisation, die versucht ist, ihre Sichtbarkeit möglichst zu reduzieren.

Trotzdem stellen die Fremden eine Gefahr für das Vorhaben der AQIM dar. Aus Sicherheitsgründen wollen die Islamisten ihre offene Präsenz im Norden Malis möglichst gering halten. Die hohe Führung der Gruppe stammt zwar aus Algerien, doch es wird gezielt versucht, als eine indigene Bewegung zu erscheinen, die gegen sozio-ökonomische Ungerechtigkeit kämpft – und nicht von al-Qaida gesteuert wird.

Beispielsweise kämpft das „Movement for Unity and Jihad“ in Westafrika unabhängig von der AQIM. Die Gruppe wird von einem lokalen Tuareg angeführt, Oumar Ould Hamama. In dessen Familie hatte der geschasste Belmokhtar eingeheiratet, um die Verbindung mit AQIM zu stärken. Beide Organisationen kämpfen faktisch unter demselben Banner, aber mit jeweils anderer regionaler Legitimität. Das Zerwürfnis mit Belmokhtar unterminiert nun diese Partnerschaft und damit die Legitimation der AQIM in der Region.

Noch ist nicht ganz klar, warum Belmokhtar abgesetzt wurde. Jedenfalls ist das Zerwürfnis ein Baustein in dem Puzzle – neben der französischen Ankündigung einer Intervention –, das darauf schließen lässt, dass die AQIM in die Defensive geraten ist.

Lesen Sie mehr: Mali: AQIM’s New Recruiting Tactics Ahead of Military Intervention

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