Obama hat Europa enttäuscht. Christoph von Marschall

Mais als Zündstoff

Mit Biokraftstoffen wollen die USA den Benzinpreis niedrig halten. Ernteausfälle mehren allerdings die Kritik an der Verwendung von Lebensmitteln für Kraftstoffe.

Die Maisernte der USA leidet unter den trockenen Bedingungen historischen Ausmaßes. Der sinkende Ertrag der letzten zwei Monate hat die Maispreise drastisch steigen lassen: Seit dem ersten Quartal 2012 waren es mehr als 50 Prozent.

Als der größte weltweite Maisproduzent und -exporteur stehen die Vereinigten Staaten unter großem Druck vom Ausland und Inland, die Preise so gering wie möglich zu halten. Obwohl die lang währende Dürre die Hauptursache für die momentane Preissteigerung ist, spielt auch die wachsende Produktion von Biotreibstoff eine wichtige Rolle. In der letzten Dekade von Teilen der US-Regierung gefördert, erhöht sie nun zusätzlich den Druck auf die Preise. Doch selbst wenn diese Förderungen eingestellt würden, steht nicht fest, ob die Maispreise notwendigerweise sinken. Die Herstellung von Ethanol ist nur einer von vielen Faktoren, der die Handelsware beeinflusst.

Maisproduktion steigt

Futter- und Energiemais nimmt eindeutig den größten Teil der in den USA landwirtschaftlich produzierten Güter ein. Die aus ihnen gewonnene Stärke kann als Rohmaterial für die Ethanolproduktion verwendet werden. Im Gegensatz dazu nimmt Süßmais, also die Sorte, die zur Ernährung der Bevölkerung dient, weniger als 1 Prozent der gesamten US-Maisproduktion ein. Mehr als ein Drittel des nationalen Futter- und Energiemaises wird für die Produktion von Ethanol aufgebracht, der Rest dient als Futtermittel für Nutztiere oder als Basis für verschiedene Lebensmittel wie Maissirup oder -mehl.

Anfang der frühen 2000er-Jahre begann die Ethanolproduktion signifikant anzusteigen, weil es als Beimischungskomponente für Benzin entdeckt wurde, das einerseits die Oktanzahl erhöht und andererseits umweltfreundliche Standards einhält. Anschließend ließen Gesetze, Subventionen und Zölle die Nachfrage nach Ethanol dramatisch steigen. Der Anteil der amerikanischen Maisernte, der für die Herstellung von Ethanol verwendet wurde, stieg von 7,5 Prozent im Jahr 2001 auf 23 Prozent im Jahr 2008. Für das Jahr 2012 wird ein Anteil von 40 Prozent erwartet: das wären 38 der 96 Millionen mit Mais bepflanzten Ackerflächen.

Dabei ist es unwahrscheinlich, dass die Produktion in der nahen Zukunft schrumpfen wird. Dazu haben in nicht geringem Maße die U.S. Energy Independence und der Security Act von 2007 beigetragen. Letztere Verordnung verlangt, dass im Jahr 2012 ganze 13,2 Milliarden Gallonen Ethanol und bis 2015 jährlich 15 Milliarden Gallonen für die Produktion von Kraftstoff aufgebracht werden müssen. Allerdings haben bereits mehrere Staaten Ausnahmeregelungen bei der Umweltschutz-Behörde eingereicht. Es ist noch unklar, welche Auswirkungen solche Verzichte auf Lebensmittelpreise haben werden, obgleich eine aktuelle Studie der Universität in Purdue veranschlagt, dass die Maispreise durch die Ausnahmeregelungen um 1,30 US-Dollar fallen könnten. Andererseits, das besagt die Studie ebenfalls, könnten die Ausnahmen keinen Effekt auf die Maispreise haben, wenn die Ölpreise auf über 120 US-Dollar pro Barrel steigen und somit die Nachfrage nach Ethanol erhöhen würden. Mit anderen Worten: Die Vermischung von Ethanol und Benzin könnte wirtschaftlich von den Maßnahmen unabhängig werden, die die Ethanolproduktion antreiben.

Brasiliens Ethanolindustrie

Die USA sind nicht das einzige Land, dass seine Biotreibstoffproduktion in den vergangenen Jahren aggressiv vorangetrieben hat. Europa hat seinen Biotreibstoffsektor ebenso ausgebaut wie Brasilien, das Ethanol durch die Verarbeitung von Zuckerrohr erfolgreich zu einer Haupttreibstoffquelle ausbauen konnte. In den 1970er-Jahren begann Brasilien als Reaktion auf hohe Ölpreise, Ethanol in seine Kraftstoffversorgung zu integrieren. Momentan schafft es das Land, den eigenen Verbrauch zu decken und gleichzeitig zu den weltweit größten Exporteuren von Ethanol zu gehören. Allerdings ist Brasilien nicht in der Lage, den gesamten US-Markt in ausreichender Menge zu beliefern, sollte die dortige Ethanolproduktion signifikant sinken.

Die großen Unterschiede zwischen auf Mais und Zuckerrohr basierendem Ethanol ermöglichen es Brasilien, seine Biokraftstoffproduktion wesentlich effizienter zu gestalten. Das tropische Klima erlaubt es, ganzjährig Zuckerrohr anzubauen, was die Belieferung der Industrie mit dem Ausgangsmaterial steigert. Das gemäßigte Klima in den USA hingegen beschränkt den Maisanbau. Zudem benötigt die Produktion von Ethanol auf Zuckerrohrbasis einen Arbeitsschritt weniger, weil die dafür gewonnene Stärke nicht erst reduziert werden muss. Weiterhin stellt Mais ein Grundnahrungsmittel dar; Zucker hingegen kann in Zeiten von Engpässen leicht aus der Nahrung entfernt werden.

Beide Länder, Brasilien und die USA, suchen daher nach Möglichkeiten, cellulosische Ethanoltechnologien zu verbessern, die Lebensmittel in der Produktion überflüssig machen würden. Momentan haben die Raffineriekosten von cellulosischem Ethanol noch verhindert, dass dieser neue Treibstoff kommerziell erfolgreich sein könnte. Zwar laufen bereits Musterraffinerien, allerdings gibt es momentan keine Anlagen von kommerzieller Größe in den Vereinigten Staaten. Maisstärke ist damit die einzig Quelle für die US-Ethanolindustrie und bis die Technologie für eine Celluloseethanolproduktion vorangeschritten ist, werden die Vereinigten Staaten weiterhin Mais – eine globale Nahrungsquelle – verwenden, um Treibstoffe zu produzieren.

Pause für die Ethanolverordnung

Mais wurde von der Dürre des Jahres 2012 besonders betroffen. So wird erwartet, dass die US-Dürrewelle den Maisertrag im Vergleich zum Jahr 2011 um drei Prozent verringern wird, während der globale Maishandel um bis zu acht Prozent zurückgehen wird. Da Preise in Ländern mit Dürre anstiegen, wuchsen sowohl im In- als auch im Ausland die Sorgen über die US-Ethanolverordnung.

Biotreibstoffe waren jedoch nur ein Faktor in dem langsamen Trend steigender Nahrungsmittelpreise in den letzten zehn Jahren. Der Preisindex der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation stieg zwischen den Jahren 2000 und 2012 um 300 Prozent – ziemlich in dem gleichen Zeitpunkt, in dem die USA ihre Biokraftstoffproduktion steigerten. Allerdings sind Nahrungspreise von diversen Faktoren abhängig, unter anderem Bevölkerungswachstum, Finanzspekulation, Politikwechsel, Änderungen im Konsumverhalten und Wetter.

Da mehr als 30 Prozent des in den USA produzierten Maises für die Futtermittelindustrie verwendet wird, kann davon ausgegangen werden, dass höhere Maispreise in Zukunft auch zu höheren Fleischpreisen führen werden. In Zeiten von geringem Angebot und hohen Preisen konkurrieren Ethanol- und Futtermittelhersteller um Mais, doch Abfallstoffe von der Ethanolproduktion können auch als Futtermittelergänzung verwendet werden.

Die US-Maisproduktion hat auch einen globalen Einfluss: Die Vereinigten Staaten exportieren mehr als 10 Prozent des von ihnen produzierten Maises, eine Steigerung der Maispreise beeinflusst somit auch jene Länder, die große Mengen davon importieren, um die eigene Bevölkerung zu versorgen oder Tiere zu füttern. Oftmals sind die Preise dieses Nahrungsmittels jedoch subventioniert, was den Effekt der Preissteigerung abfedern könnte.

Die Vereinigten Staaten, Mexiko und Frankreich trafen sich am 27. August, um über Optionen zu beraten, wie diese mögliche Nahrungsmittelkrise verhindert werden könnte. Anfang August forderte der Vorstand der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation eine sofortige, temporäre Pause für die Ethanolverordnung, um größere Mengen Mais für Nahrung und Futtermittel bereitzustellen. Dies hatte allerdings keine konkreten Handlungen zur Folge.

Ein trockenes Jahr unterstreicht die zahlreichen Faktoren, die die Nahrungsmittelpreise beeinflussen – sowohl in kurz- als auch in langfristiger Hinsicht. Die US-Ethanolproduktion ist ein solcher langfristiger Faktor, für die Krise ist dennoch eher die Trockenheit verantwortlich. Schlechte Erträge werden sich aufgrund der Rolle der Vereinigten Staaten als Exporteur unausweichlich in der Weltwirtschaft niederschlagen. Quoten, die Mais für die Produktion von Kraftstoffen vorsehen, stehen so weiterhin im kritischen Fokus – zumindest bis technische Neuerungen den Wettbewerb zwischen Nahrungsmittel- und Kraftstoffherstellung beseitigen.

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