Es ist verlockend, die Vergangenheit als geordnet und die Zukunft als chaotisch zu beschreiben. Clay Shirky

Wider die Bombe

Israels Regierung denkt laut über einen Angriff auf Iran nach, notfalls auch im Alleingang. Doch eine Attacke würde das Land vor große Probleme stellen.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat kürzlich verlauten lassen, dass er sich einen Angriff auf die iranischen Atomanlagen auch dann vorstellen kann, wenn das Programm dadurch nur verzögert, nicht aber gestoppt würde. Die Möglichkeit besteht, Fakt ist, ein israelischer Luftangriff auf den Iran wäre eine komplizierte und äußerst aufwendige Angelegenheit: Ein Großaufgebot aus Bombern, Tank- und Jagdflugzeugen wäre nötig, um die Attacke durchzuführen. Diese müssten eine sehr weite Strecke zurücklegen und den Großteil davon über feindliches Areal.

Ein Angriff im Alleingang ist deshalb nicht Israels favorisierte Variante. Wie Netanjahus Ausspruch zeigt, ist sich Israel vollkommen darüber bewusst, dass es mit seinen begrenzten militärischen Mitteln nicht in der Lage sein wird, dem iranischen Atomprogramm genügend Schaden zuzufügen. Dafür bräuchte es die Schlagkraft der USA. Am liebsten würden die Israelis deshalb die Vereinigten Staaten mit ins Boot holen. Die aber zieren sich.

Drei mögliche Angriffsrouten

Würden die Israelis den Alleingang wagen, stünden ihnen drei verschiedene Flugrouten zur Verfügung. Jede davon ist mit zahlreichen Problemen und Schwierigkeiten behaftet. Nur wenn es den Rebellen in Syrien in absehbarer Zeit gelänge, die Luftverteidigung Assads auszuschalten, hätte Israel noch eine zusätzliche Flugroute nach Iran. Die drei derzeit realistischen Routen variieren bezüglich des politischen und militärischen Risikos.

Die erste Route beinhaltet einen Flug über das östliche Mittelmeer zwischen Zypern und Syrien und einen weiteren Streckenverlauf ostwärts, entlang der türkisch-syrischen Grenze, dann über den Irak in den Iran. Dafür müsste Stand dem Dinge nach zumindest die syrische Luftverteidigung ausgetrickst werden, die jedoch genau dazu installiert worden ist, die westliche syrische Flanke gegen einen israelischen Angriff zu verteidigen.

Die zweite Route ist die kürzeste und schließt einen Flug über Jordanien und Irak ein. Wegen der kürzeren Strecke und weil der jordanische Luftraum für die israelische Flotte wohl relativ leicht überwindbar wäre, beinhaltet diese Route das wohl geringste Risiko. Auch weil Irak über keine nennenswerte Luftverteidigung verfügt – gleichwohl über Radaranlagen. Der Iran könnte also vom Nachbarn frühzeitig gewarnt werden.

Israel befindet sich in einer tiefen Krise

Die dritte Route würde die Luftflotte über Saudi-Arabien und den Persischen Golf nach Iran führen. Während der Großteil der saudischen Luftwaffe und -verteidigung nach dem Persischen Golf hin ausgerichtet ist und die größten Städte im Süden liegen, würde die israelische Flotte mit fast an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit entdeckt. Nicht sicher ist dagegen, wie die saudischen Herrscher in Riad darauf reagieren würden.

Die Risiken, die die einzelnen Routen beinhalten, verändern sich zudem je nach politischer Lage. So war die erste Route beispielsweise um einiges unproblematischer, bevor der Zwischenfall mit der Gaza-Flottille im Mai 2010 das Verhältnis zwischen Israel und der Türkei deutlich hat abkühlen lassen. Ohnehin spielen zahlreiche weitere Faktoren eine Rolle.

Sie alle wird Israel mit viel Bedacht berücksichtigen müssen – ein Land, das sich in einer Krise befindet, die sich über eine im Auflösen begriffene Regionalstrategie, mangelndes nationales Selbstvertrauen und ein gespaltenes politisches System erstreckt. Wie George Friedman in seiner Kolumne geschrieben hat, findet sich Israel heute in einer Langzeitkrise, in der es damit ringt, seine außenpolitische Strategie auf eine veränderte Realität einzustellen. Israel sieht sich in einer Position, die auf längere Sicht immer schwächer wird, weil seine Größe und Population in der Relation zu seiner derzeitigen militärischen Macht viel zu klein sind. Genauer gesagt, herrscht in Israel das Gefühl vor, dass die Zeit und ihre Ereignisse die aktuelle Stärke dahinraffen werden. Aus dieser Haltung heraus erklärt sich der unbedingte Wille des Landes, gegenzusteuern.

Übersetzung aus dem Englischen.

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