Ich bin nur ein einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn. Joseph Ratzinger

Supermächte in Lauerstellung

Im westlichen Pazifik ringen China und die USA um Einfluss. Die USA richten ihren Fokus wieder stärker auf die Region und bauen ihr militärisches Netzwerk aus. Ein unmittelbarer Konflikt steht jedoch nicht bevor.

Die Vereinigten Staaten halten seit dem Zweiten Weltkrieg eine starke Militärpräsenz im westlichen Pazifik aufrecht. Sie haben ein immenses Interesse an der Region: Die asiatischen Länder im Pazifik generieren einen größeren Anteil am weltweiten Brutto-Inlandsprodukt als Europa. Deshalb wenden die USA seit jeher viele Ressourcen auf, um die Seewege offen und die Region zugänglich zu halten.

In den letzten 70 Jahren haben Truppenstationierungen in Japan und auf anderen pazifischen Inseln den Großteil der US-Präsenz im westlichen Pazifik ausgemacht. Doch nun will sich Washington nicht nur auf seine bereits existierenden Stützpunkte konzentrieren und diese ausbauen, sondern auch neue erschließen. Ein ausgebautes Netzwerk aus Militärbasen soll helfen, ein Areal so gigantisch wie den Pazifik besser zu kontrollieren.

Außenministerin Hillary Clinton hat im November 2011 eine neue Politik im Pazifik angekündigt. Die neue Strategie besteht aus mehreren Komponenten. Darunter: diplomatische und wirtschaftliche Deals wie die Trans-Pazifische-Partnerschaft. Der größte Teil aber schließt das US-Militär mit ein.

Korea und Vietnam prägen die US-Präsenz bis heute

Die USA haben nie gezögert, Truppen in die Region zu senden, wenn amerikanische Interessen bedroht zu sein schienen. Während des Kalten Krieges ging es den USA bei ihrer strategischen Ausrichtung in erster Linie darum, die Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern. Auch wenn die größte Furcht in dieser Zeit durch eine russische Offensive in Europa ausgelöst wurde, hat Washington massiv Ressourcen in zwei große Kriege in der Region gesteckt: Korea und Vietnam.

Die Militärpräsenz der USA wird durch diese Einsätze bis heute geprägt. Washington erhöhte die Kontingente, wann immer es in einen Konflikt verwickelt zu werden drohte, und zog sich zurück, wenn diese beendet waren. Staaten waren oft dann für eine Stationierung von US-Truppen empfänglich, wenn sie sich von regionalen Mächten bedroht fühlten – in Friedenszeiten wurden die Bevölkerungen dieser Staaten häufig weniger gastfreundlich. Weil das Engagement im mittleren Osten nachlässt und die chinesische Militärmacht wächst, schicken die USA nun mehr Truppen in die Region. Viele Staaten begrüßen dies, weil sie die chinesische Unberechenbarkeit mehr fürchten als die Anwesenheit der USA.

Das bedeutet nicht, dass die USA davon ausgehen, dass ein Konflikt mit China unmittelbar bevor stünde. Mehrere Faktoren, darunter die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit, verhindern direkte Zusammenstöße zwischen den Großmächten. Doch Washington nimmt ein steigendes Risiko für regionale Konflikte wahr, seit China die militärische Kapazität besitzt, seine Streitkräfte z.B. auf den Ryukyu-Inseln (südwestlich von Japan) oder in der Südchinesischen See einzusetzen.

Chinesische Doktrin zur Konterintervention

Die USA stehen im Zuge ihrer Erweiterung vor zwei zentralen Problemen: Zunächst ist die Region von den USA schlichtweg sehr weit entfernt. Operationen benötigen lange Kommunikations- und Versorgungswege und zahlreiche logistische Knotenpunkte. Zweitens machen maritime Operationen in der Region die große Mehrheit aus, weshalb See- und Luft-Einheiten eine wichtigere Rolle spielen, als sie dies in landbasierten Konflikten tun würden.

Jede US-Strategie muss in der Region zudem mit der chinesischen Doktrin zur Konterintervention fertig werden, welche die USA als „anti-access/area-denial“ (A2/AD) bezeichnen. China hat A2/AD entwickelt, nachdem die USA 1995 und 1996 während der Taiwan-Krise zwei Flugzeugträger durch die Straße von Taiwan geschifft haben. Der Zwischenfall verdeutlichte damals die Unfähigkeit Chinas, US-Interventionen zu stoppen. Seitdem hat Beijing von U-Booten bis hin zu Anti-Schiffsraketen eine ganze Reihe von Waffensystemen entwickelt, um US-Flotten entgegentreten zu können.

Um wiederum den chinesischen Maßnahmen zu begegnen, haben die USA ihrerseits ein neues Konzept für Luft- und Seeschlachten entworfen, das eine enge Zusammenarbeit der U.S. Air Force und der U.S. Navy vorsieht.

Das Pentagon hofft darauf, die chinesische Strategie durch Plattformen ausstechen zu können, von denen aus entweder Tarnkappen-Einheiten die Verteidigung durchbrechen können, oder Raketenangriffe von Orten gestartet werden, die außerhalb der Reichweite der Verteidigung liegen. Die Notwendigkeit solcher Basen im Einsatzgebiet könnte durch die Entwicklung neuer Waffensysteme gesenkt werden. Bomber der nächsten Generation, das „Prompt Global Strike“-Programm (Washington wäre damit in der Lage, kurzfristig sehr weit entfernt liegende Ziele anzugreifen), moderne Aufklärungsgeräte und Langstreckenraketen sind hier zu nennen. All diese Waffen brauchen jedoch Jahre der Entwicklung, genau wie eine Strategie, die sie effektiv koordiniert.

Präsenz auch um ihrer selbst willen

In der Zwischenzeit muss sich das US-Militär auf Kräfte verlassen, die im Pazifik selbst operieren können. Denn das Konzept zu Luft- und Seeschlachten beinhaltet zwar eine enge Koordinierung von Luft- und Seestreitkräften, eliminiert aber selbstverständlich nicht die Angewiesenheit auf Häfen und Flugplätze in der Region. Das prominenteste Beispiel einer solchen Basis ist der Luftwaffenstützpunkt Kadena in Okinawa. Berücksichtigt man die Reichweite der US-Luftwaffe, ist Kadena der einzige Stützpunkt, von dem aus die US-Militärs halbwegs komfortabel die Straße von Taiwan erreichen können. Flugzeuge könnten zwar auch von anderen Basen in Korea, Japan oder Guam starten, diese müssten dann allerdings in der Luft betankt werden, was jedes Vorhaben ungleich komplexer und weniger flexibel macht. Die Distanz macht regionale Stützpunkte unumgänglich und erklärt Washingtons besonderes Interesse.

Präsenz ist um ihrer selbst willen ein weiterer wichtiger Faktor. In verbündeten Ländern oder in deren Nähe stationiert zu sein, eröffnet den USA und ihren Verbündeten alternative Kommunikationskanäle und bekräftigt Washingtons Engagement gegenüber den befreundeten Ländern. Die langfristige und eher symbolische Stationierung in Südkorea unterstreicht die Wichtigkeit dieses Aspekts: Während die dort stationierten Kräfte nur stark genug wären, um die südkoreanischen Kräfte etwas zu unterstützen, sind sie im wesentlichen deshalb vor Ort, weil mit ihrer Anwesenheit klargestellt wird, dass jeder Konflikt in Südkorea auch ein Konflikt der USA ist. Manila und Hanoi haben genau aus diesem Grund gesteigertes Interesse an einer US-Präsenz – sie könnte helfen, sich gegenüber China besser zu behaupten.

Während die USA ihren Fokus also wieder verstärkt auf den westlichen Pazifik legen, wird die Strategie des US-Militärs weiter hauptsächlich darin bestehen, Zugang zu freundlichen Häfen und Flugplätzen zu sichern oder zu erlangen. Mehr Stützpunkte würden Washington die nötige Flexibilität geben, um größeren Druck auf einzelne Punkte zu vermeiden, selbst wenn die Masse der US-Streitkräfte innerhalb der Reichweite des chinesischen Arsenals liegen sollte.

Der Text ist bereits in englischer Sprache bei Stratfor erschienen.

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