Mit kleinen Jungen und Journalisten soll man vorsichtig sein. Die schmeißen immer noch einen Stein hinterher. Konrad Adenauer

Gefährliche Besuche

Im Nordosten Europas kämpfen Russland und die USA um Einfluss. Die einen wollen die Staaten im Zuge der europäischen Krise wieder stärker an sich binden. Die anderen wollen in der Region endgültig eine geschlossene Front gegen Russland formen.

Die US-Außenministerin, Hillary Clinton, hat am 27. Juni eine Reihe von offiziellen Besuchen gemacht: Erst ging es nach Finnland, dann nach Lettland, erst dann nach Russland. Der dreitägige Trip fand nicht ohne Grund statt, eine Woche nachdem Barack Obama und Wladimir Putin ein intensives Zusammentreffen auf dem G20-Gipfel hatten.

Clinton hat vielmehr sehr genau überlegt, welche Länder sie in welcher Reihenfolge besuchen sollte. Finnlands wachsender Unmut mit der Europäischen Union und seine Wiederannäherung an westliche Sicherheitsbündnisse birgt für Moskaus Einfluss in Helsinki sowohl Chancen als auch Risiken. Auch Lettland ist für die russische Strategie im Baltikum ein wichtiges Land. Clintons Stopp in den Ländern unterstreicht Washingtons Bestreben, den Einfluss des Kremls in der Region zu begrenzen.

Russland sieht seine Chance gekommen

Finnland ist das einzige nordische Euro-Mitglied und deshalb das einzige Land der Region, das die derzeitige Krise der Währung hautnah erlebt. Die Opposition im Land hat sich in den vergangenen Jahren radikalisiert und vertritt stark nationalistische und anti-europäische Standpunkte. Parteien wie die „Wahren Finnen“ nehmen an Gewicht zu.

Dem Kreml bleibt dies nicht verborgen. Russland sieht seine Chance gekommen, Finnland vor allem wirtschaftlich wieder stärker an sich zu binden und so den eigenen Einfluss zu sichern. Anzubieten hat Russland den Zugang zu seinem enormen Markt, vor allem im Bereich Telekommunikation. Erst im Juni haben sich der finnische und der russische Präsident diesbezüglich getroffen.

Und doch, Russlands Möglichkeiten in Finnland sind beschränkt. Denn unter der Oberfläche seiner nach außen hin kommunizierten Neutralität misstraut Helsinki Moskau. Deshalb zeigt Finnland in jüngster Zeit ein verstärktes Interesse an militärischen Bündnissen mit westlichen Partnern. So wird überlegt, sich Luft-Patrouillen über Island anzuschließen, was man als Annäherung an die NATO deuten kann – bislang war Finnland stets versucht, sich von dem Bündnis fern zu halten.

Auch Clintons Besuch in Lettland ist kontrovers

Finnland hat wie Georgien großen strategischen Wert für Russland und Russland hat sich immer stark gegen ein Beitritt der beiden zur NATO gestellt. Kurz nach einem Besuch von Clinton Anfang Juni sagte der ranghohe russische General Nikolai Makarow, jede Kooperation zwischen Finnland und der NATO würde die russische Sicherheit gefährden. Er drängte Finnland stattdessen zu Sicherheitsbündnissen mit Russland.

Finnlands Präsident, Niinistö, fasste Mitte Juni Finnlands Position wie folgt zusammen: „Ich glaube, dass angesichts der großen Probleme, die man in den südlichen Ländern Europas beobachten kann, die Bedeutung von Kooperationen unter skandinavischen und nordischen Ländern zunimmt. Auch Russland ist ein bedeutender Nachbar von uns, weshalb ich davon ausgehe, dass es unter dieses Prinzip fällt.“

Auch Clintons Besuch in Lettland ist aus russischer Sicht ähnlich kontrovers. In den vergangenen zwei Jahren hat Russland in den baltischen Staaten einen Großteil seines Einflusses verloren, die es aber als strategisch wichtige Front gegen die NATO sieht. In der Region haben vor allem Litauen und Estland mehr Unabhängigkeit vom großen Nachbarn erlangt, indem sie ihren Energiesektor reformierten und so Russlands Monopol auf Erdgas brachen. Beide Länder verlassen sich nun mehr auf NATO und EU, um ihre Sicherheit und Wirtschaft zu organisieren. Lettland dagegen hat seine enge Kooperation mit Russland aufrechterhalten. Diesen Hebel hat Russland bislang genutzt, um unliebsame Entwicklungen im Baltikum zu blockieren, einschließlich dem Transportprojekt „Rail Baltica” und Abkommen über gemeinschaftliche Gasimporte.

Die klassische Einschüchterungstaktik greift nicht mehr

Clintons Aufenthalt signalisiert deshalb die Schwächung der strategischen Position Russlands in Lettland. Wenn Moskau aber sein Standing in Lettland verliert, geht es in der ganzen Region zurück. Eine vereinte nord-baltische Front an seiner Grenze wird Russland dann kaum noch verhindern können.

Wie schon bei ihrem Besuch in Georgien setzt Clinton also ihren Kurs fort, Ländern Aufmerksamkeit zu schenken, die für russische Sicherheitsüberlegungen besonders relevant sind. Moskau wird sowohl in Finnland als auch in Lettland reagieren, um zu verhindern, dass diese Länder unumkehrbare Schritte gehen, die Russlands Interessen widerstreben. Doch die vorhandenen Alternativen werden dafür sorgen, dass Russland seine Aktivitäten vor allem auf positive Einflussnahme beschränken und wirtschaftliche Anreize schaffen muss. Die klassische Einschüchterungstaktik greift nicht mehr.

Der Text ist bereits in englischer Sprache bei Stratfor erschienen.

Lesen Sie mehr über die US-Strategie an der russischen Türschwelle.

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