Wer Visionen hat, sollte zum Augenarzt gehen. Helmut Schmidt

Gute Krise, schlechte Krise

Was die Regierungschefs der G20 sagen und wollen, ist im Grunde egal. Die Geschichte bahnt sich – von widerstrebenden Interessen geleitet – ihren eigenen Weg. Während Russland und China ein starkes Europa wollen, können die USA mit der Krise ganz gut leben.

Die Regierungschefs der G20 haben sich vergangenen Montag in Mexiko getroffen. Warum, war nicht so ganz klar: Der primäre Fokus lag auf Europa, und es gab eine generelle Übereinkunft, dass Europa etwas tun müsse. Was genau das sei, war schwerer zu sagen. Es schien eine Stimmung zu geben, die sagte, Europa solle seine Wirtschaft stimulieren. Das ist natürlich eine gute Idee, vor allem für jene Nicht-Europäer, die von dem Stimulus profitieren würden, ohne etwas dafür zu tun und ohne die Konsequenzen zu tragen.

Zwei Länder mit einem besonders großen Interesse an einem möglichst vitalen Europa sind China und Russland. Europa ist Chinas größter Kunde, und wenn es in die Rezession schlittert, wird es weniger Sachen kaufen. In einer Zeit, in der Chinas Ökonomie bereits unter Druck steht, mag China natürlich ein möglichst warenhungriges Europa. Das widerspricht allerdings einem Stimulus, der den Konsumenten mehr Geld in die Hand gibt. Denn anstatt europäische Produkte zu kaufen und die dortige Wirtschaft anzuregen, kaufen die Konsumenten vielleicht chinesische Sachen. Das würde aus der ganzen Angelegenheit dann ein riesiges Konjunkturprogramm für China und nicht für Europa machen.

Die Russen erinnern sich an Krieg und Vernichtung

Auch die Russen freuen sich an einem gesunden Europa. Die Grundlage der russischen Wirtschaft sind Rohstoffe, und seinen wichtigsten Rohstoff – Gas – exportiert Russland nach Europa. Rutscht der Kontinent in die Rezession, verkauft Russland weniger. Das wäre schlecht für die russische Wirtschaft.

Doch Russland hat eine tiefere Sicht auf die Ereignisse in Europa. Die Russen erinnern sich an das Europa, das der Krieg fast vernichtet hat. Sie erinnern sich an die Konsequenzen des europäischen Nationalismus, der auch zur Invasion ihres Landes führte. Die Russen glauben nicht, dass so etwas nie wieder passieren kann – vor allem, weil es mehr als einmal vorgekommen ist. Sie haben eine eher pessimistische Idee von Geschichte. Russland hat in dem heutigen Europa den idealen Nachbarn gesehen: ein wirtschaftlich vereinter Kontinent, gierig nach Prosperität und ablehnend gegenüber Militärausgaben. Wenn die Europäische Union fällt, kann sich Russland nicht sicher sein, was kommen mag. Sicher würde Russland sich den Deutschen zuwenden – und diese sich möglicherweise erkenntlich zeigen. Doch ein Europa, erneut geteilt in eine kaum berechenbare Masse von Nationalstaaten mit unterschiedlichsten Interessen, führt zu Problemen. Die Russen haben also einige Gründe zu wollen, dass Europa wieder zurück in die Spur findet.

Eine Krise bietet auch Vorteile

Die US-amerikanische Position ist noch komplexer. Ob die amerikanische Führung es zugeben möchte oder nicht, richtig glücklich war sie mit der Entstehung eines geeinten Wirtschaftsraums größer als dem der USA nie. Von einem potenziell ähnlich schlagfertigen Militär einmal abgesehen.

Gleichzeitig wollen die USA keine europäische Kernschmelze. Eine Finanzkrise in Europa hat signifikanten Einfluss auf die USA. Doch es gibt auch Vorteile einer weltweiten Wirtschaftskrise und zwar in der Phase, bevor es kritisch wird. Riesige Summen europäischen Geldes suchen nach sicheren Häfen und schließen sich dem chinesischen Geld an, das lange schon die amerikanischen Märkte flutet. Zum Teil hat dieser Effekt den amerikanischen Finanzmarkt stabilisiert. Das Geld fließt, weil die USA – relativ gesehen – noch immer sicherer sind als zurzeit China und Europa.

Was die G20 sagen, ist völlig egal

Abgesehen von diesen Gründen, wegen denen die USA ein Auseinanderbrechen der EU wollen könnten, befürchtet Washington natürlich in erster Linie eine Destabilisierung der USA, falls der Ernstfall wirklich eintreten sollte. Trotzdem ist es für die Amerikaner durchaus akzeptabel, wenn Europa in einem Zustand dauerhaften Unbehagens verharrt.

Klar, die Wahrheit über Versammlungen von Regierungschefs ist, dass das, was die Chefs wollen, eigentlich recht egal ist. Was sie bekommen, basiert auf der harten Realität und nicht auf ihren Wünschen. Es gibt wenig Spielraum, um die europäische Krise zu lösen – wenn man sie lösen könnte, wäre es längst getan worden. Es geht nicht darum, das richtige Positionspapier zu schreiben. Die europäische Krise wird ganz profan aus widerstrebenden Interessen gespeist. Egal wie viele kleine und große Treffen abgehalten werden oder wie viele Statements die 20 Mächtigsten der Welt abgeben – sie alle wissen um deren geringe Relevanz. Die Geschichte wählt in wichtigen Fragen ihren ganz eigenen Kurs.

Der Beitrag ist bereits auf Englisch auf der Seite von Stratfor erschienen.

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