Zu 50 Prozent stehen wir im Viertelfinale, aber die halbe Miete ist das noch lange nicht! Rudi Völler

Der Milchtransporter bringt das Meth

Der Drogenhandel zwischen den USA und Mexiko ist kompliziert und hat viele Facetten. Im Mai wurden nun 20 Mitglieder der Mendoza-Haro-Gruppe festgenommen – die Organisation bietet interessante Einblicke in die Vertriebswege und die Geldwäsche-Taktiken von Dealern.

Am 30. Mai nahmen lokale und bundesstaatliche Gesetzeshüter in einer als „Dark Angel” bezeichneten US-Operation 20 Menschen fest, die in den illegalen Handel mit Methamphetamin (Meth) in mehr als fünf US-Staaten involviert waren.

Die zuständige Behörde bestätigte, dass der Anführer des Handels-Netzwerks, Armando Mendoza-Haro, Verbindungen nach Mexiko hat, wo die Drogen sehr wahrscheinlich produziert wurden. Die Gruppe scheint reguläre Unternehmen benutzt zu haben, um das Meth von Kalifornien in die Denver-Region und anderswo in die westlichen und mittelwestlichen USA zu transportieren. Die Gruppe schickte die Profite dann zurück nach Kalifornien, wo das Bargeld an Banken in China und auf den Kaimaninseln überwiesen wurde.

Mexikos Handel mit Meth boomt. Vor ein paar Monaten beschlagnahmte das mexikanische Militär die größte Menge (15 Tonnen, Wert ca. 1 Milliarde US-Dollar) außerhalb von Guadalajara. Die Vereinigten Staaten haben ihre Beschränkungen der pharmazeutischen Chemikalien, die zur Herstellung von Meth benutzt werden, ausgeweitet – sodass mexikanische Produzenten einsprangen, um die steigende Nachfrage zu befriedigen. Details aus der „Dark Angel“-Operation liefern Einblicke, wie Dealer in den USA ihr Produkt auf den Markt bekommen und, noch interessanter, wie sie ihre Einnahmen „waschen“.

Drogen aus mexikanischen Laboratorien

Die Mendoza-Haro-Organisation scheint eine mittelgroße Dealer-Organisation zu sein. Beamte beschlagnahmten bei einer Razzia nur 2,7 kg Meth und 715.340 US-Dollar Bargeld (was dem ungefähren Straßenverkaufswert von 7,2 kg Meth entspricht). Allerdings repräsentiert dies nur eine einzige Lieferung. Die Gruppe, so stellt es sich dar, wickelte ein Dutzend ähnlich großer Lieferungen ab, sodass der Gesamtertrag sehr wahrscheinlich mehrere Millionen Dollar betrug. Laut der „Denver Post“ glauben in die Operation „Dark Angel“ involvierte Behörden, dass die Drogen in mexikanischen Meth-Laboratorien produziert wurden. Zusätzlich sagte ein für die Operation zuständiger Sonderermittler der U.S. Drug Enforcement Administration (US-Drogenvollzugs-Behörde, DEA), die Gruppe hätte Erlöse aus dem Verkauf an Mitglieder von Drogen-Kartellen in Mexiko überführt.

Einem der Angeklagten, Miguel Angel Sanchez, gehörte das Unternehmen „Playboyz Trucking LLC“ in San Bernardino, Kalifornien. Behörden zufolge transportierten einige der Playboyz-Fahrer wissentlich Meth und Bargeld-Erträge der Gruppe zwischen Kalifornien und Colorado. Andere Fahrer hingegen wussten von dem Inhalt ihrer Fracht nichts. Die von den Behörden am 30. Mai beschlagnahmten 715.340 US-Dollar Bargeld waren beispielsweise in einem Milchtransporter versteckt.

Laut Anklage waren mehr als ein Dutzend Menschen in Colorado, Kalifornien, Utah und Iowa in den illegalen Handel mit Meth unter Führung von Mendoza-Haro und Sanchez beteiligt. Die Beweise stammen aus abgehörten Telefongesprächen zwischen Mendoza-Haro, Sanchez und den anderen Angeklagten. Diese Gespräche zeigen, dass die Angeklagten wissentlich an dem Drogenschmuggel teilnahmen. Und es gibt ein Muster in den abgehörten Gesprächen: Mendoza-Haro war offensichtlich mit fast allen der angeklagten Schmuggler in Kontakt, unter den Schmugglern selbst gab es aber nur sehr wenig Konversation. Diese Gruppe illustriert gut die Tendenz illegaler Handelsringe, ihre Unternehmungen um der operativen Sicherheit willen aufzuteilen.

Die Anklage bringt zwei Personen in Kalifornien in Verbindung mit einem Großteil der Geldwäsche-Aktivitäten: Ricardo Paniagua-Rodriguez und Carlos Martin Segura Chang. Es gibt keine öffentlichen Unterlagen für Paniagua-Rodriguez, die erklären, wie er in die Schmuggler-Gruppe hätte involviert sein können. Er wurde in der Nähe der amerikanisch-mexikanischen Grenze im kalifornischen San Ysidro festgenommen – ein Ort, der es ihm mühelos erlauben würde, finanzielle Transaktionen mit Gruppen in Mexiko zu vereinfachen. Was Chang betrifft, so weisen öffentliche Unterlagen darauf hin, dass er einen „Schang Import/Export Service“ besaß (und vielleicht immer noch besitzt), der in Downey, Kalifornien gemeldet ist, wo die Polizei Chang festnahm.

Kein standardisiertes Vorgehen

Die Anklageschrift erwähnt die Import/Export-Firma nicht namentlich als Teil der Operation. Öffentlichen Unterlagen zufolge öffnete die Firma im August 2008 ihre Türen und meldete Handelstätigkeiten nur im November 2008. Es ist somit schwierig, endgültig zu sagen, ob die Firma benutzt wurde, um bei der Wäsche von Drogengeld zu helfen. Allerdings war das einzige Land, für welches Schang eine Import-Lizenz hatte, China – was bedeutet, dass die Firma sehr wahrscheinlich Bankkonten für den Geldtransfer nach China besitzt, um Güter zu kaufen. Da ein Teil des gewaschenen Geldes des Dealer-Rings nach China ging, ist es wahrscheinlich, dass Chang als eine Art internationale Leitung für den chinesischen Geldwäsche-Teil der Operation fungierte.

Die Details dieses Falles sind nicht unbedingt eine normale Vorgehensweise für Drogen-Dealer in den Vereinigten Staaten. Viele mittelgroße, in den USA angesiedelte Dealer-Gangs, wie die Mendoza-Haro-Gruppe, beziehen Drogen en gros von Zwischenhändler-Gruppen in der Grenzregion. Diese haben bereits die Kartelle in Mexiko bezahlt und beziehen den Großteil ihres Profits einfach daraus, die Drogen über die Grenzen zu bekommen. Aber DEA-Beweise, die die Verbindung der Mendoza-Haro-Gruppe nach Mexiko und die Wege, auf denen die Profite der Gruppe gewaschen wurden, bestätigen, zeigen: Die Gruppe hatte vermutlich nicht nur mit Grenz-Mittelsmännern zu tun.

Der Grenz-Drogenhandel ist kompliziert und facettenreich. Es gibt nicht unbedingt ein standardisiertes Vorgehen, dem jeder folgt. In diesem Fall ist es wahrscheinlich, dass die Mendoza-Haro-Gruppe ihre Ware von einem Kontakt in Mexiko bezog. Sollte das so sein, wäre es sinnvoll, die Gewinne aus dem Drogenhandel durch China zu leiten. Viele Geldwäsche-Fälle beinhalteten in den USA ansässige Geldwäscher, die Schwarzgelder nach China überführten, um Konsumgüter wie Kühlschränke und Fernseher zu erwerben. Diese wurden dann nach Mexiko verschifft und legal verkauft, um den Profit aus dem Meth-Verkauf wieder herzustellen. Ein anderes mögliches Motiv für den Geldtransfer nach China wäre der Erwerb von chemischen Ausgangsstoffen in China selbst, die dann wieder nach Mexiko exportiert würden, um mehr Meth herzustellen. Die Gruppe könnte außerdem das Banksystem der Kaimaninseln – bekannt für seine Geheimhaltung – genutzt haben, um Geld an Drogenbosse überall auf der Welt zu überweisen.

Zerstückelungstaktik zur Geldwäsche

Es scheint, dass die Anführer der Mendoza-Haro-Gruppe den Geldwäsche-Teil der Operation zerteilt haben, ebenso wie die Transport-Vereinbarungen. Die Anklage bezichtigt Paniagua-Rodriguez und Chang nur der Geldwäsche. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass sie tatsächlich am Drogenhandel beteiligt waren. Ein rechtmäßiges Unternehmen zu besitzen, ist häufig ein Segen für Geldwäscher, denn es bietet einen legalen Deckmantel für illegale Aktivitäten – so wie Sanchez’ legale Transportfirma ihm einen Weg bot, Meth diskret zu bewegen.

Die Behörden behaupten, die Mendoza-Haro-Gruppe habe Geld gewaschen, indem sie die „Zerstückelungstaktik“ anwendete: Das Aufteilen eines Pauschalbetrags – vermutlich mehrere Tausend Dollar – in kleinere Einzel-Geldanlagen unter 10.000 US-Dollar, die dann auf verschiedenen Konten angelegt werden (typischerweise sind Banken gegenüber Einlagen von 10.000 US-Dollar oder mehr misstrauisch). In diesem Fall informierte die Polizei Denver die DEA im Juli 2011 über die Aktivitäten der Gruppe, sodass die Behörden die Taktik verfolgen konnten, auch wenn die Einlagen zu klein waren, um automatisch von den Banken markiert zu werden. Die Polizei hat wahrscheinlich auch Bankerklärungen ausfindig gemacht, um die eingegangenen Summen zu belegen.

Die Anklageschrift unterstützt die These von der „Zerstückelungstaktik“: Der Anklage zufolge waren die Gruppen-Mitglieder typischerweise für ein, zwei Tage in ein Durcheinander finanzieller Aktivitäten involviert, gefolgt von einer Woche ohne jegliche Aktivität – bevor dann wieder hektische Aktivitäten und Einlagen folgten. Die finanzielle Aktivität stimmt wahrscheinlich mit der Ankunft von Bargeld-Lieferungen überein, von Colorado zurück nach Kalifornien transportiert auf Sanchez’ „Playboyz“-LKW.

Während die Mendoza-Haro-Gruppe es schaffte, eine rechtmäßige Transport-Firma (vermutlich „Schang’s Import/Export“) zu nutzen, scheint es nicht so, als ob sie viel legale Hilfe dabei hatte, das Geld in Depots anzulegen. Größere Schmuggel- und Geldwäsche-Unternehmungen gründen üblicherweise Strohfirmen mit hohen Bargeld-Umsätzen, wie Restaurants oder Kasinos, um durch Frisieren der Kassenbücher illegales mit legalem Kapital zu mischen. Dieser raffiniertere Ansatz macht „Zerstückelung“ überflüssig, benötigt aber auch mehr Organisation und ein größeres Netzwerk an Personen. Ist das Geld einmal sauber auf einem Bannkonto angelegt, kann es durch gesetzliche Finanzkanäle bewegt werden, um seine vorgesehenen Empfänger zu erreichen.

Eine kleine Gruppe wie die Mendoza-Haro-Organisation besaß vermutlich einfach nicht genügend Finanzmittel für ein elaboriertes System des Verbergens von Zahlungen. Wenn eine Gruppe statt Millionen nur Hunderttausende Dollar aus Einnahmen gleichzeitig bewegt, ist „Zerstückelung“ sehr viel praktikabler als die Gründung und Benutzung von Strohfirmen.

Hilfe von korrupten Bankern

Das Mendoza-Haro-Unternehmen ist eine von Hunderten, wenn nicht Tausenden, mittelgroßen, US-ansässigen Dealer-Gruppen, die wahrscheinlich rechtmäßige Firmen nutzen, um ihre Drogen zu transportieren und ihre Einnahmen zu waschen. In diesem Fall scheinen eine Transportfirma und möglicherweise ein Import/Export-Unternehmen den Deckmantel für die illegalen Aktivitäten der Gruppe geboten zu haben. Diese bestimmte Organisation scheint keine legal gegründeten Strohfirmen benutzt zu haben, um ihr Geld anzulegen – viele andere Dealer-Gruppen hingegen verfügen über die Ressourcen für ausgeklügelte Geldwäsche-Operationen, die die rechtmäßige Wirtschaft nutzen. Die größten kriminellen Organisationen sind mächtig genug, um die Hilfe von korrupten Bankern und anderen finanziellen Dienstleistern in Anspruch zu nehmen.

Während die mit dem mexikanischen Drogenhandel assoziierte Gewalt für die Gesellschaft in höchstem Maße sichtbar ist, passieren die aus dem Drogenhandel herrührenden weniger sichtbaren Finanz-Verbrechen täglich – und erfahren sehr viel weniger Aufmerksamkeit durch die Medien. Das Ausmaß der Gewalt in Mexiko hat es noch nicht über die Grenze geschafft. Die Finanz-Verbrechen, die die Gewalt finanzieren, sind jedoch bereits in den USA angekommen.

Der Text ist bereits auf Englisch auf der Seite von Stratfor erschienen.

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