Alternativlosigkeit ist immer zutiefst undemokratisch. Ranga Yogeshwar

Trotz allem, abwärts

Der demografische Wandel lässt den europäischen Binnemarkt schrumpfen, was bleibt, ist der Export. Hier steht Deutschland über allem. Frankreich kann dem deutschen Kurs nicht einfach folgen.

George Friedman schreibt in seiner kürzlich erschienenen Analyse zur französischen Strategie, dass neue Führungspersonen eher dazu tendieren, nationale Strategien zu adaptieren, als völlig neue zu erfinden. Auch wenn Europa derzeit vor allem über die Politik der Austerität debattiert, über die Probleme der Euro-Zone in Gänze und Griechenland im Speziellen – als der neue französische Präsident Hollande Mitte Mai Angela Merkel besuchte, hatte er vor allem ein strategisches Ziel im Kopf: Eine dominante französische Rolle in Europa in Zeiten des deutschen Übergewichts.

Friedman argumentiert, die Nachfolger von Charles de Gaulle akzeptierten zwar dessen Paradigma, Frankreich müsse soweit wie möglich seine eigenen Interessen verfolgen, glauben aber nicht an de Gaulles Obsession in Sachen größtmöglicher Souveränität. Sie folgen einer Strategie, die sich zumindest teilweise von de Gaulles entfernt hat. De Gaulle ging davon aus, dass Frankreich in der Welt globaler Supermächte nur bestehen kann, wenn es sich mit anderen europäischen Ländern verbindet – allen voran mit Deutschland. Die Grundlage dieser Allianz sollte sowohl eine militärische als auch ökonomische sein. Als die Sowjetunion zusammenbrach, verlor die militärische Komponente ihre Bedeutung. Seit dem Ende des Kalten Krieges folgten Frankreichs Präsidenten, Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy, der Prämisse, dass Frankreich die de Gaulle’sche Vision einzig durch wirtschaftliche Verbindungen realisieren könne.

Europa ist zu alt

Das ist der Kontext, in dem Hollande Deutschland besucht hat. Aus der Sicht von Stratfor ist die Zukunft der deutsch-französischen Partnerschaft wichtiger als alles andere in und für Europa. Diese Partnerschaft war der Anstoß und die treibende Kraft hinter der Gründung der EU genau wie bei der Bewältigung der Wirtschaftskrise. Doch auch, wenn der deutsch-französische Konsens so zentral für Europa ist – seine demografische Entwicklung ist fast noch wesentlicher.

Der Europäische Altersreport 2012 erschien just an dem Tag, als Präsident Hollande Kanzlerin Merkel besuchte. Er zeigt, dass Europas Wirtschaft weiter strapaziert werden wird. Überall in Europa übertreffen die 50- und 60-Jährigen deutlich die Anzahl der Teenager. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kosten für Renten- und Gesundheitssysteme weiter steigen und die Europäer nicht in der Lage sein werden, diese zu decken, steigt hierdurch deutlich an. 20- bis 30-Jährige haben zudem in allen Gesellschaften den größten Einfluss auf das wirtschaftliche Wachstum, weil sie am meisten konsumieren.

Diese Gruppe schrumpft rapide in Italien, Griechenland und Spanien, wo die Ära des konsumgetriebenen Binnenwachstums längst zum Erliegen kam. Fällt diese Form des Wachstums jedoch weg, wird der Export zur einzigen Möglichkeit, diesen Verlust auszugleichen. In Sachen Export kann in Europa jedoch kein Land mit Deutschland konkurrieren. Die Option gilt deshalb einzig für Berlin.

Ausblick für Europa düster

Verbesserte Buchhaltung und eng geschnürte Gürtel werden Europas ökonomische Probleme deshalb nicht beheben. Um Europas normale Demografie wieder herzustellen, müsste die Geburtenrate für mindestens ein Jahrzehnt drastisch wachsen. Auch dann würde es noch mindestens 30 Jahre brauchen, bis die Kinder erwachsen sind, sich selbst um ihre Eltern kümmern und so das System entlasten können. Es ist leicht zu verstehen, dass all das – auch bei optimistischen Prognosen – in weniger als 60 Jahren kaum eintreten kann.

Selbst wenn Frankreich und Deutschland sich auf eine gemeinsame Wirtschaftsstrategie einigen können, ist der Ausblick für Wachstum in Europa düster.

Auf kurze Sicht kann Einwanderung die Situation zu einem Teil entschärfen, vor allem in den Ländern der europäischen Peripherie. Seit 2007 traten in Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien zwei gesonderte Phasen der Wanderung auf. Zuerst begannen Einwanderer, in ihre Herkunftsländer in Lateinamerika, Nordafrika und Osteuropa zurückzukehren. Die meisten von ihnen waren schlecht ausgebildete Arbeiter. Als sich die Finanzkrise zuspitzte, verloren viele dieser Arbeiter ihre Jobs in der Bau- oder Serviceindustrie.

Die Arbeitsplätze verschwanden gleichsam mit den Arbeitslosen. Zusätzlich wurden von den Regierungen kurzfristig die Sozialausgaben reduziert. In einer zweiten Phase begannen dann, einheimische besser Ausgebildete ihre Länder zu verlassen.

Große wirtschaftliche Herausforderung

In der Tat kann Abwanderung die Wirtschaft eines Landes enorm belasten. Erstens besteht das Risiko, das eine große Zahl an gut ausgebildetem Personal verloren geht. Zweitens wird dadurch das demografische Gefälle in Europa weiter verschärft, erst recht in Kombination mit niedrigen Geburtenraten und alternder Bevölkerung.

Eine gesunde Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland ist immanent wichtig, um den wirtschaftlichen Abschwung in Europa zunächst abzuwehren. Doch selbst mit einer reibungslosen Kooperation der beiden Staaten, Wachstumsinitiativen und Austeritätsmaßnahmen wird der demografische Wandel die Wirtschaft vor Herausforderungen stellen, die über den aktuellen Rahmen hinaus gehen werden. Hollande wird deshalb nicht unbedingt empfänglich sein für Deutschlands Antworten auf die Fragen Europas.

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