Wer 1989 bewusst erlebt hat, weiß, dass Veränderungen und die Befreiung aus hoffnungslosen Situationen möglich sind. Marianne Birthler

Wir brauchen Russland dringender denn je

Wladimir Putin profitiert von einer gewissen Demokratiemüdigkeit sowie von einem antiamerikanischen Ressentiment. Er ist Projektionsfläche für eigene Vorstellungen, historische Schuldgefühle, politische Erwägungen, Überheblichkeiten, Machtfantasien und Vorurteile. Mit seiner tatsächlichen Politik und seiner Persönlichkeit hat all das wenig zu tun.

Eine kleine Szene, Jahre her – und dennoch typisch: Wladimir Putin empfängt 2007 Angela Merkel, von der jeder, und vor allem der russische Geheimdienst, weiß, dass sie sich mit Hunden nicht wohl fühlt. Putin lässt dennoch seine Labradorhündin in dem Raum kommen, die sich natürlich dem Gast ihres Herrchens widmet. Angela Merkel ist es unbehaglich – und Putin genießt die Situation. Damit nicht genug. Er „beruhigt" die Kanzlerin, der Hund beiße nur Journalisten.

Wladimir Putin, ein Mann der Grenzen überschreitet, der Macht ausspielt und der gerne Scherze macht, wenn sie auf Kosten anderer gehen. Putin, ein autoritärer Herrscher, voller Verachtung für alle, die nicht ausschließlich in den Machtkategorien des 19. Jahrhunderts denken, jemand, der sich schamlos bereichert und jede Opposition weitgehend ausgeschaltet hat – so ein Mann ist eigentlich kein Sympathieträger.

Und dennoch: Unter den AfD- und den Linksparteisympathisanten gibt es mehr Menschen, die Putin vertrauen als solche, die Vertrauen zu Angela Merkel haben. Hier sind die Powerfrauen der Extreme, Frauke Petry und Sahra Wagenknecht sich völlig einig.

Woraus entsteht die Faszination der einen, die Blauäugigkeit der anderen im Hinblick auf Putin und das von ihm geprägte politische Russland? Ganz unterschiedliche Gründe werden sichtbar.
Da ist zum einen – gerade bei den autoritären Charakteren, die sich vom Nationalpopulismus von links und rechts angesprochen fühlen – die Sehnsucht nach dem starken Mann, die einher geht mit einer Verachtung für die Demokratie der komplizierten Aushandlungsprozesse und der nötigen Kompromisse.

Putin erscheint da als das Gegenbild. Seine virile Präsentation mit nacktem Oberkörper und Goldkettchen in der Natur, beim cross country Fahren mit dem Lada, beim Judo und beim Boxen demonstrieren Kraft und Entschlossenheit.

Putin ist der Gegenentwurf zur Demokratie

Der russische Präsident wirkt wie jemand, der sich energisch für sein Land einsetzt, der klare Kante zeigt und so Macht nicht nur symbolisiert, sondern auch ausübt. Demokratie ist kompliziert, langwierig und oftmals uneindeutig. Putin ist der Gegenentwurf zur Demokratie, das macht ihn – bedauerlicherweise – auch für Menschen in Deutschland attraktiv.

Und Putin wirkt ja nicht nur so. Die autoritäre Struktur des Staates, den er beherrscht, eröffnet ihm machtpolitische Möglichkeiten. Sein Eingreifen in Syrien ist ein gutes Beispiel hierfür. Während der Bundestag wochenlang diskutiert, ob die Zahl der Bundeswehrsoldaten im Irak von 100 auf 150 erhöht wird, kann Putin mit einem kurzen Befehl Bombergeschwader in Marsch setzen – und er ist skrupellos genug, dieses auch zu tun.

Eine ganz andere Schichtung hat mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu tun. Die Sowjetunion hat unter dem von Deutschland geplanten und begonnenen Angriffskrieg, der im Osten zudem als rassistisch motivierter Vernichtungsfeldzug geführt wurde, in ungeheurem Maße gelitten.

Rund 20 Millionen Sowjetbürger haben dabei ihr Leben verloren. Viele Menschen in Deutschland sind (zu Recht) der Überzeugung, diese historische Schuld verpflichte uns zu guter Zusammenarbeit mit den Nachbarn im Osten.

Russland ist es als dem offiziellen Nachfolgestaat der Sowjetunion gelungen, das historische Erbe der UdSSR alleine zu vereinnahmen. So sagt unsere Erinnerung heute oft: „Russland war das Opfer der deutschen Aggression." Das ist auch nicht falsch, blendet aber aus, dass die anderen Völker der damaligen Sowjetunion, beispielsweise die Ukrainer oder die Belarussen, in gleichem Maß, zum Teil (in Zahlen ausgedrückt) noch schlimmer Leidtragende des deutschen Krieges waren. Sowjetunion = Russland, Russland = Putin, so funktioniert die Gleichung, die die historische Verantwortung der Deutschen ummünzt in eine Unterstützung für Wladimir Putin.

Ohne Russland können wir unsere Probleme nicht lösen

Es gibt keine Lösung der europäischen Probleme ohne Russland, egal ob es um die Ukraine, um die Republik Moldau (mit der von den Russen am Leben gehaltenen Abspaltung Transnistrien), Georgien (mit der Separation von Abchasien und Südossetien), Kosovo (mit der Verweigerung der Anerkennung) oder am geografischen Rand des Kontinents um Syrien geht. Daraus entsteht die Überlegung, mit
Russland ins Gespräch und zu Einigungen kommen zu müssen.

Die große Zeit der Sozialdemokraten in Deutschland war die Epoche Willy Brandts und der Entspannungspolitik. Diese bedeutete eine Abkehr von der Verteufelung des Gegners und die Aufnahme von Gesprächen mit der anderen Seite. Brandt und Breschnew, das war kein Traumpaar, aber eine Arbeitsbeziehung, die auch Ergebnisse gebracht hat.

Mittlerweile ist der Umgang mit autoritären Herrschern in der öffentlichen Debatte moralisch stark aufgeladen, was in der Forderung kulminiert, mit diesen Personen entweder gar nicht oder Tacheles zu reden, das heißt, sie wegen ihrer Menschenrechtsverletzungen öffentlich an den Pranger zu stellen.

Die Befürworter von Gesprächen mit Russland reagieren darauf, indem sie Putin umwerten. Wenn man mit den „bösen Buben“ nicht reden soll, mit Putin aber reden muss, darf er kein „böser Bube" sein.

Man darf ihn nicht verdammen, kritisieren oder verurteilen. Gerade die Sozialdemokraten und die Linken neigen daher dazu, den russischen Präsidenten weich zu zeichnen. Das ist allerdings eine Verkennung des tatsächlichen Konzepts der Entspannungspolitik, die ja gerade darauf basierte, dass diejenigen miteinander redeten, die keine gemeinsamen Werte teilten.

Und vielleicht haben wir ja – neben der grausamen Geschichte des 20. Jahrhunderts – doch etwas gemeinsam. Es war Gerhard Schröder, Putins guter Freund, der einst von der Achse „Paris – Berlin – Moskau" schwadronierte. Dahinter steht eine bestimmte Vorstellung von Macht.

Wir müssen wieder auf die Pauke hauen

Wir Deutschen, soll das wohl heißen, müssen in Europa wieder auf die Pauke hauen, damit die im Takt der Großen erklingt. Dazu braucht der – vergleichsweise machtlose, weil institutionell eingebundene – Bundeskanzler zwei starke Partner, den französischen und den russischen Präsidenten. Nun, der Franzose schwächelt gerade, umso wichtiger ist also der Russe, sprich Putin. Er, so die Vorstellung, kann deutschen Machtprojektionen zur Realisierung verhelfen.

Schließlich kann man in unserer Gesellschaft einen erstaunlichen Antiamerikanismus feststellen, der mal arrogant, mal nationalistisch, mal imperialismuskritisch, mal globalisierungsfeindlich daher kommt. Und in diesem Zusammenhang gibt es eine einfache Überlegung: Wenn die Amerikaner und ihre Führung schlecht sind, sind die Russen und ihre Führung gut.

Die Gleichung lautet also: USA schlecht = Russland gut, Russland = Putin. So demonstrieren in Berlin Zehntausende gegen das geplante Freihandelsabkommen mit den USA und kein einziger gegen das russische Bombardement von Aleppo.

Die Menschen in Syrien wären allerdings froh, wenn man ihnen die Wahl ließe, welches dieser Übel sie auf sich nehmen wollten. Interessanterweise geht der Antiamerikanismus Hand in Hand mit dem Denken der „Russlandversteher", denen es ja nicht wirklich ums kritische Verstehen, sondern ums wohlwollende Verständnis für Putins autoritäre Herrschaft geht.

Zusammengefasst: Wladimir Putin profitiert von einer gewissen Demokratiemüdigkeit in Deutschland, von dem deutschen Verantwortungsgefühl für die Gräuel des Zweiten Weltkriegs, von der realpolitischen Notwendigkeit, Russland in die europäische Politik einzubeziehen, von der Nostalgie vieler Sozialdemokraten und Linker, die ihrer großen Zeit der Entspannungspolitik nachtrauern, sowie von einem antiamerikanischen Ressentiment.

Er ist Projektionsfläche für eigene Vorstellungen, historische Schuldgefühle, politische Erwägungen, Überheblichkeiten, Machtfantasien und Vorurteile. Mit seiner tatsächlichen Politik und seiner Persönlichkeit hat all das wenig zu tun.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Simone Belko, Rudolf Kamlew, Andreas Umland.

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