Wir können eine Menge von China lernen. Dmitri Medwedew

Einer für alle, alle für einen

Die Solidaritätsfrage ist falsch gestellt, denn gerade in Zeiten der Krise muss sie lauten: Wie viel Unsolidarität können wir uns eigentlich leisten? Wenn wir diesen Zusammenhang nicht sehen, fühlen sich alle als Verlierer.

In der Euro-Krise schwirrt den Europäern so langsam der Kopf. Viele fragen sich: Wie viel Solidarität können wir uns noch leisten? Die Frage ist verständlich, aber sie ist falsch gestellt.
Umgangssprachlich werden viele Dinge von der Kooperation bis zur Unterstützung als „Solidarität“ bezeichnet. In der vielfältigen Benutzung des Wortes erodiert jedoch sein Inhalt. Solidarität ist kein Schwarzwälder Schinken, von dem man sich mehr oder weniger leisten kann, und sie hat nicht nur und nicht einmal in erster Linie mit Geld zu tun. Solidarität ist das gegenseitige Einstehen füreinander – einer für alle, alle für einen, hieß das bei den Musketieren. Solidarität basiert auf dem Gefühl der Zusammengehörigkeit, die sich auch daraus ergibt, dass man gemeinsame Ziele verfolgt.
Solidarität ist kein Spendenticket.

Zu viel Solidarität kann es gar nicht geben

Sie ist also etwas anderes als Wohltätigkeit. Wer einem Bettler fünf Euro schenkt, tut wohl, aber dieses ist kein Akt der Solidarität, weil die gemeinsame Zielbestimmung fehlt. Solidarität ist durchaus auch egoistisch motiviert, sie dient dazu, die Ziele der Solidargemeinschaft, in denen sich der Einzelne mit seinen Interessen wiederfindet, zu erreichen. Die Spende an den Bettler ist auch deshalb nicht solidarisch, weil sie keine Reaktion erwartet – außer einem Dankeschön. Solidarität geht anders: Ich helfe Dir, damit Du mir/uns helfen kannst, unsere gemeinsamen Vorhaben zu realisieren. Auf die Eingangsfrage gewendet heißt das: Zu viel Solidarität kann es gar nicht geben, man müsste eher fragen: Wie viel Unsolidarität können wir uns leisten?

Nun finden diese Debatten derzeit nicht im luftleeren Raum statt, sondern beziehen sich auf die Krise im Euro-Raum. Natürlich wird den Staaten, die gemeinsam eine Bürgschaft zwischen einer halben und einer ganzen Billion Euro auflegen, schwarz vor den Augen bei der Vorstellung, die Bürgschaft könnte in Anspruch genommen werden. Dies betrifft vor allem die Länder, die als „starke“ Staaten im Zweifelsfall für die „schwachen“ werden einstehen müssen.

Das große Ganze im Auge behalten

Aber der Rettungsschirm, wie das Vorhaben allgemein genannt wird, ist ja nur Teil der Maßnahmen, die auch darin bestehen, dass die Länder, deren Schuldenstand und Wettbewerbsfähigkeit Anlass zur Sorge geben, erhebliche Anstrengungen unternehmen, um ihren Teil zum Gelingen des Projekts Währungsunion beizutragen. Und während die Deutschen Angst haben, sie könnten in Anspruch genommen werden, zahlen die Griechen, Spanier, Portugiesen, Iren und Italiener bereits den Preis des partiellen Wohlstandsverlusts, der ihnen als Gehaltskürzung, Steuererhöhung und Arbeitsplatzverlust begegnet.

Da der Solidarzusammenhang in den öffentlichen Debatten nicht klar genug gesehen wird, empfinden sich im Augenblick beide Seiten als Verlierer. Die Deutschen, Finnen und Niederländer meinen, sie müssten für die anderen zahlen, und diese anderen fürchten, von den Starken, speziell dem Größten dieser Gruppe, nämlich Deutschland, dominiert, wenn nicht domptiert zu werden. Jeder sieht nur einen Teil des Vorhabens und zieht daraus einseitige Schlüsse. Erst wenn wir Europa als Solidarraum wahrnehmen, kommt das ganze Bild zum Vorschein – und allen Aktualitäten zum Trotz ist das ja gar nicht so grau.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Volker Bouffier, Detlev von Larcher, Patricia Morales.

Leserbriefe

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