Die Sehnsucht nach Einfachheit

von Steve Kennedy Henkel26.01.2015Gesellschaft & Kultur

Laizismus wird als Lösung für die Pluralisierung der Gesellschaft gepriesen. Dahinter verbirgt sich jedoch nur der kleinbürgerliche Wunsch nach Einfachheit und Uniformität.

Religion ist ein Thema. Überall in der Gesellschaft. Von den Reformen Papst Franziskus’ bis hin zum ganz aktuellen islamistischen Terrorismus oder der weihnachtsliedersingenden Sorge um das „christliche Abendland“. Deutschland ist längst ein religiös plurales Land geworden, zu Christen und Juden sind Muslime, Indifferente und Bekenntnis-Atheisten hinzugekommen. Obwohl dieser Prozess weitestgehend unscheinbar vonstattenging, gab es immer wieder Reibungspunkte, seien es Kruzifixe in Klassenzimmern, Moscheebauten oder das Thema Kopftuch. Solche Veränderungen, erst recht Pluralisierungsprozesse, führen zu Ängsten. Und solche Ängste sind es, die zumindest einen Teil der Pegida-Demonstranten auf die Straße treiben. Mit der kulturell-religiösen Pluralisierung kann man unterschiedlich umgehen. In vorauseilendem Gehorsam gegenüber denen, die Angst vor zu viel Islam haben, schlägt etwa Simon Urban vor, gleich alle Religion aus der Gesellschaft zu verbannen. Laizismus heißt das Zauberwort, mit dem er alle Probleme religiöser Pluralisierung lösen möchte.

Der Laizismus – eine Lösung von vorgestern für Probleme von heute?

In seiner aktuellen Ausprägung, “im nahezu einzigen laizistischen Land Frankreich”:http://www.theeuropean.de/julia-korbik/9439-charlie-hebdo-und-die-prinzipien-der-republik, geht er auf das Jahr 1905 zurück, als die Republik ein religiös homogenes, katholisches Land war. Diese Zeiten sind lange vorbei. Inzwischen verfügt Frankreich über eine große muslimische Minderheit sowie Juden, Agnostiker und Atheisten, kurz: Aus einem religiös homogenen Land ist ein weltanschaulich plurales Land geworden.

Dem hat der Laizismus keine Rechnung getragen und erweist sich als eines der größten Integrationshemmnisse und Ursachen für religiöse Radikalisierung. Wer Religion aus der Öffentlichkeit verbannt, der zwingt sie hinter Kirchentüren und in Hinterhofmoscheen – wo sie dem Zugriff des öffentlichen Diskurses entzogen ist. Dort, im Winkel frommer Zurückgezogenheit, liegt der Nährboden für religiöse Radikalisierung. Gerade das, was durch den Laizismus vermieden werden soll, wird so kultiviert – religiöse Bildungsferne und Intoleranz. Nicht zufällig gab es gerade in Frankreich, als einzigem westlichem Land, bei der Einführung der „Homoehe“ Massendemonstrationen und sogar Straßenschlachten. Getragen waren diese Proteste größtenteils von einem Bündnis aus religiösen Rechten aller Religionen. Etwas Vergleichbares in Deutschland? Undenkbar.

Nachdenklich machen müsste auch, dass sich nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ muslimische Gefängnisseelsorger zu Wort meldeten, die beklagten, dass sie nicht die Kapazitäten hätten, um auch nur annähernd das Problem der Radikalisierung junger Muslime in Gefängnissen anzugehen. Doch vom laizistischen Staat, der 1905 solche Radikalisierungsprozesse noch nicht kannte, können sie keine Hilfe erwarten, hier geht Prinzipientreue über Pragmatismus.

Wer meint, die Probleme religiöser Pluralisierungsprozesse lösen zu können, indem er sie schlicht aus der Öffentlichkeit verbannt, der irrt. Der Dreck, den man unter den Teppich kehrt, ist nicht weg. Man sieht ihn nur nicht – bis der Haufen groß genug ist. Nicht umsonst ist der Laizismus kein Exportschlager geworden.

Der laizistische Staat verliert seine weltanschauliche Neutralität

Auch die gerne vertretene Auffassung, der Laizismus fördere die religiös-weltanschauliche
Gleichberechtigung, erweist sich bei näherem Hinsehen als Trugschluss. Der weltanschaulich-neutrale Staat der BRD ergreift keine Partei, er ist offen für religiöse-weltanschauliche Mitwirkung in der Zivilgesellschaft – ob mit Jesus, Allah oder ohne Gott. Der laizistische Staat hingegen schließt die Religion aus und erhebt die areligiöse Weltanschauung zur allgemeinen Staatsnorm. Damit ist er nicht mehr neutral, sondern ein Weltanschauungsstaat. Das aufgeklärte Gegenteil einer Staatsreligion liegt jedoch nicht im areligiösen Weltanschauungsstaat, das ist das gleiche in Grün, sondern im neutralen Staat, der Religionen und Weltanschauungen in gleichem Maße Raum zur Entfaltung gibt.

Viele Laizisten gehen selbstverständlich davon aus, dass Religion etwas Schlechtes sei, das die Gesellschaft zurücklassen müsse, um zu einer besseren zu werden. Empirisch gesehen – und man würde meinen, dass es aufgeklärten Menschen wichtig ist, nicht in der Gemütlichkeit der eigenen Vorurteilspflege zu verharren – kann dies nicht bestätigt werden. Im Gegenteil: Religion wird in der Soziologie weithin als integrative gesellschaftliche Kraft wahrgenommen. Somit wäre es hilfreich, missionarische Visionen über die bessere, gottlose Gesellschaft zu Gunsten einer neutralen Position zurückzustellen, um so nach einer pragmatischen Lösung zu suchen, die der Realität einer pluralen Gesellschaft Rechnung trägt.

Diskurs als Konfliktlösung

Als aufgeklärte, moderne Gesellschaft, lösen wir Konflikte durch Diskurs, durch den Versuch, sich gegenseitig zu verstehen und durch Kompromisse, nicht durch Ausgrenzung. Das gilt auch für den Umgang mit der religiösen Pluralisierung. Dazu ist etwa eine aufgeklärte, akademische Theologie, auch eine islamische, wichtig, um angemessen, ohne Fundamentalismus, ins Gespräch kommen zu können. Und ein Religionsunterricht mit wissenschaftlich ausgebildeten Lehrern, damit Kinder und Jugendliche sprachfähig werden, mit anderen über ihre eigene Religion zu sprechen und nicht extremistischen Rattenfängern auf den Leim gehen. Man kann Religion integrieren und in die Verantwortung nehmen oder sie an den Rand drängen – im Wissen, dass sich an den Rändern des gesellschaftlichen Spektrums die Extremisten tummeln.

Pluralität führt zuweilen, aufgrund der Zunahme an Komplexität, zu Unsicherheit und Befremden, aber die Antwort des liberalen, demokratischen Verfassungsstaats kann nicht vermeintlich einfache, laizistische Uniformität sein, sondern das Ermöglichen von religiöser Pluralität und den Diskurs über ihre Grenzen. Das mag nicht der einfachere Weg sein, aber es hat ja niemand behauptet, dass Demokratie einfach sei.

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