„Frech sein ist ein guter Anfang“

von Stéphane Hessel12.11.2012Gesellschaft & Kultur

Die Piraten sind aus Empörung über das politische System entstanden. In einem seiner letzten Interviews vor seinem Tod erklärte Stéphane Hessel („Empört euch!“) Julia Korbik, warum Protest alleine nicht genügt und er die Partei für nicht effizient hält.

*The European: Mit den Piraten zieht im nächsten Jahr eine neue Partei in den Bundestag ein, die ihre Wähler zu großen Teilen aus dem Lager der Nichtwähler rekrutiert, also der „Empörten“ – diesen Begriff haben Sie geprägt. Finden Sie es gut, wenn Politikverdrossene wieder in den 
demokratischen Prozess miteinbezogen werden?*
Hessel: Das scheint jetzt überall eine wichtige Frage zu sein. Mein kleines Buch „Empört euch!“ wurde immerhin in 40 Sprachen übersetzt und weltweit rezipiert. Das bedeutet, dass es nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern eine neue Generation gibt, die Demokratie auf eine andere Art verstehen möchte, als es die traditionellen Parteien tun. Allerdings ist diese neue Generation dabei oft zu kritisch.

*The European: Warum?*
Hessel: Ich halte unsere alten sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien für sehr wichtig. Sie leisten immer noch einen positiven und essenziellen Beitrag für unsere Zukunft. Gerade für die Minderprivilegierten.

„Man darf Empörung nicht nur den Piraten überlassen“

*The European: Empörung kann aber doch wichtige 
Denkanstöße liefern.*
Hessel: Die Gefahr ist: Empörung, die sich gegen das etablierte System richtet und etwas ganz Neues hereinbringen will, hat eventuell nicht genügend Kraft, um die Politik der aktuellen Regierung tatsächlich zu verändern. Regierungen brauchen Menschen, die sie unterstützen. Diese Menschen dürfen kritisch sein, sie dürfen die Regierungspolitik verändern wollen. Trotzdem braucht Politik Menschen, die die gegebenen Institutionen 
akzeptieren, in ihnen und an ihnen mitarbeiten. Daher habe ich das Gefühl, dass neue Parteien wie die Piraten zwar interessante Ideen haben, als politische Struktur aber letztendlich nicht effizient genug sind.

*The European: Die Piraten haben sich aus einem klaren Gefühl der Empörung gebildet. Ist das nicht die Art Empörung, die Sie fordern?*
Hessel: Das ist die Frage. Ich habe mittlerweile viele Menschen getroffen, die mein Buch gelesen haben, und mit ihnen darüber gesprochen. Sie habe ich gewarnt: Vorsicht! Es ist wichtig, sich zu empören, man soll nicht einfach akzeptieren, was jetzt in unseren Gesellschaften geschieht. Wir müssen uns vor allem vor dem neoliberalen Kapitalismus und der unendlichen Ausbeutung unseres Planeten schützen. Diese Gefahren muss man kennen, sie sind ein berechtigter Grund für Empörung. Aber wenn man effizient sein will, wenn man etwas erreichen will, darf man diese Empörung nicht nur kleinen Gruppen wie den Piraten überlassen.

*The European: Sondern?*
Hessel: Man muss sich in die demokratische Politik einbringen, so wie sie sich in Europa in den letzten Jahrhunderten herausgebildet hat. Es ist ein großer Fortschritt, dass es richtige Parteien gibt. Es ist aber nicht sinnvoll, neue kleinere Parteien in dieses System hineinzubringen, die nicht genügend Unterstützung von großen Wählerschaften haben. Das klingt banal, “aber gerade in Deutschland besteht die Gefahr, dass die alten Parteien – CDU, SPD, vielleicht sogar die Linke – als zu brav empfunden werden.”:http://www.theeuropean.de/christoph-giesa/5308-die-piratenpartei-im-politischen-betrieb Und daher will man frecher sein. Frech sein ist ein guter Anfang, um nachzudenken – aber ein schlechtes Ende, um effektiv zu sein.

*The European: Dadurch, dass die Piraten sich einer Einordnung auf der politischen Skala verweigern, sind sie ihrem Selbstverständnis nach frei von Ideologie. Glauben Sie, Politik ohne Ideologie funktioniert?*
Hessel: Nein. Natürlich ist Ideologie zunächst ein kompliziertes Wort. Es kann viel ausdrücken, für vieles stehen. Wir haben unter tyrannischen Ideologien sehr gelitten, sei es die kommunistische oder die neoliberale. Das sind tatsächlich Ideologien. Wir brauchen sie, denn sie erlauben uns, einen Blick in die Zukunft zu werfen und zu fragen: Wohin wollen wir? Wohin führt unsere Ideologie? Was ist unsere Utopie? Ohne diese Fragen, die nur Ideologien aufwerfen, geht es nicht. Tatsächlich empfinde ich sogar die Demokratie als eine aufrichtige Ideologie.

*The European: Demokratie als notwendigste aller Ideologien?*
Hessel: Ich erinnere immer wieder daran, was Churchill gesagt hat: „Democracy is a bad thing, but it’s better than all the others.“ Man braucht also schon ein Gerippe, ein Gerüst, anhand dessen man Politik aufbauen kann. Nennt man das nun Ideologie oder ist es ein Werteschatz? Darüber lässt sich streiten.

*The European: Was genau bedeutet es für die Zukunft der Demokratie, wenn Ideologie immer mehr abnimmt?*
Hessel: Ganz klar: Sie darf nicht abnehmen. Und wenn sie es dennoch tut, muss man sie wieder bekräftigen. Was kann ein junger Mensch tun, der sich als Teil einer demokratischen Umgebung empfindet? Er kann seiner Demokratie wieder mehr Kraft einflößen, möglicherweise einige ihrer Ideen verändern, Sprecher werden. All das kann und muss er aber im Einklang mit den demokratischen Werten tun.

„Die Versuchung ist groß, dass die Piraten nichts anderes wollen, als extrem zu sein“

*The European: Was ist, wenn sich entideologisierte Teile der 
Politik von den ideologischen Parteien vereinnahmen lassen? Also etwa die Piraten Koalitionen bilden – und dadurch Teil des Establishments werden?*
Hessel: Aus demokratischer Sicht wäre das geschickt. Jede traditionelle Partei braucht Erneuerung. Egal um welche Partei es sich handelt. Die französische Sozialistische Partei ist genauso auf Erneuerung angewiesen wie die französische Linke insgesamt oder die SPD und die deutsche Linke. Sie alle brauchen Erneuerungen. Da können die Piraten gut mitmachen. Keinesfalls sollten sie sich raushalten, außerhalb des Systems bleiben – sonst verlieren sie ihren Einfluss.

*The European: Theoretisch könnten die Piraten von ganz links bis ganz rechts mit jeder Partei koalieren. Könnte die fehlende Ideologie den politischen Extremen zugutekommen?*
Hessel: Das ist tatsächlich eine Gefahr. Die Versuchung ist groß, dass die Piraten nichts anderes wollen, als extrem zu sein. Damit würden sie sich selbst von demokratischen Prozessen ausschließen. Wir brauchen keine Extremisten mehr. Wir brauchen Demokraten.

*The European: Wagen wir einen Blick in die Zukunft: “Wie stellen Sie sich Europa in 100 Jahren vor?”:http://www.theeuropean.de/debatte/322-utopia Werden wir dann noch empört sein wie die jungen Menschen, die heute in ganz Europa auf die Straße gehen?*
Hessel: Das perfekte System gibt es nicht. Das würde auch dann zutreffen, wenn es mit Europa wunderbar vorwärts ginge, was ja im Augenblick nicht der Fall ist. Es könnte innerhalb der nächsten 100 Jahre aber noch passieren. Selbst wenn wir in 100 Jahren in einem perfekten Europa, in einem perfekten System leben würden, gäbe es noch viele gute Gründe, sich zu empören. Empörung ist nötig, damit es auch weiterhin positive Entwicklungen geben kann.

*The European: In „Empört euch!“ zitieren Sie Jean-Paul Sartre: „Die Hoffnung ist das eigentliche Element der Zukunft.“ Worauf können wir noch hoffen?*
Hessel: Die Botschaft meines neuen Buches „Wege der Hoffnung“, das ich mit dem Philosophen Edgar Morin geschrieben habe, ist: Man kann hoffen. Man muss hoffen. Denn die Menschheit hat ihr Potenzial noch nicht genügend ausgenutzt. Wir haben die Möglichkeit, uns zu verändern. Aus den Erfahrungen der letzten Jahrhunderte, die von Egoismus geprägt waren, können wir ein neues Jahrhundert bauen. Ein Jahrhundert, in dem wir lernen, uns besser zu verständigen und miteinander zu leben. Die Hoffnung ist da, sie darf nur nicht vergessen werden.

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