Europas Innovationsarmut gegenüber den USA | The European

Wir Wasserträger

Stephan Scherzer13.08.2014Wirtschaft

Die europäische Technologiefeindlichkeit hat uns zu Inhaltelieferanten für amerikanische Angebote gemacht. Doch gemeinsam können wir erneut innovativ werden.

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Gettyimages

Weder Deutschland noch Europa sind in der globalen Digitalwirtschaft relevant. Spielt die „German Angst“ – die Deutsche Zögerlichkeit – in diesem Zusammenhang eine Rolle, ist Europa davon befallen? In den Innovationszentren in Tel Aviv, dem Silicon Valley oder Peking weht jedenfalls ein anderer Wind: dort ist das Glas ist halbvoll, Lust und Chuzpe, Neues auszuprobieren, mit globalem Anspruch, sind enorm, die Talentdichte und das verfügbare Wagniskapital ebenfalls.

In Europa ist man augenscheinlich der Fehleinschätzung von Ken Olson, Präsident Digital Equipment, aus dem Jahre 1977 gefolgt: „There is no reason for any individual to have a computer in his home.“ Der Mann saß auf einem Schatz und konnte nichts mit ihm anfangen. Um das besser zu versehen, ein Blick auf die Entwicklung der Massenmedien zeigt die Skalierungsfähigkeit digitaler Plattformen: Print benötigte noch Jahrhunderte, um global 50 Millionen Menschen zu erreichen, Radio 38 Jahre, TV 13, Internet 4, Facebook 2 und Twitter weniger als 12 Monate.

Ergebnis einer Technologiefeindlichkeit

Deutschland und Europa sind aktuell nur Inhaltelieferanten für Apps und Suchmaschinen. Unternehmen wie SAP und Spotify sind Ausnahmen. IT-Hardware aus Europa ist Geschichte, und einen Start-up-Standort wie Tel Aviv sucht man vergebens. Das Consumer Internet ist wirtschaftlich und geopolitisch hochrelevant – und die alte Welt sieht in diesem Zusammenhang so aus, wie sie genannt wird. Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Menschen und die Budgets der Werbetreibenden tobt – Kunden(daten) und Inhalte sind der Treibstoff der Digitalwirtschaft. Nur deshalb konnte Facebook für 19 Milliarden Dollar – damit rettet man in Europa Staaten – WhatsApp mit seinen 450 Millionen Nutzern übernehmen – ohne Intervention irgendeines Kartellamtes.

Während Google mit seinen Moon-Shot-Projekten die Zukunft ins Jetzt katapultiert, China seinen Markt so abgeschottet hat, dass dort die zweite Riege der globalen Digitalkonzerne mit Baidu, Alibaba oder WeChat entstehen konnte, ist Europa auf der globalen Digital-Landkarte auf die Größe von Liechtenstein geschrumpft. Das globale Oligopol im Netz ist Realität. Die Europäer geben sich damit zufrieden, Gastgeber der globalen Megaplayer zu sein. Die Unternehmen aus dem Silicon Valley haben sich im Wettbewerb durchgesetzt. Fast 50 Prozent der globalen Online-Werbegelder landen bei Google und Facebook. Google macht in Deutschland rund 3 Mrd. Euro Umsatz – alle Verlage zusammen erzielen im Online-Anzeigengeschäft etwa 300 Millionen Euro.

Die entstandenen Ungleichgewichte sind nicht das Ergebnis einer Technologiefeindlichkeit. Deutschland ist gerade durch seine Techniker und Ingenieure in der Automobilindustrie, beim Maschinenbau Weltklasse und hat hunderte von Weltmarktführern hervorgebracht. Auch die Verlagsbranche hat in den vergangenen Jahren enorme Abrufzahlen der redaktionellen Inhalte auf allen Plattformen erreicht und gleichzeitig das klassische Rubrikengeschäft und dessen Wertschöpfung ins Digitale übertragen. Die Verlage sind deshalb früher aufgewacht als andere Branchen, weil viele Konzerne aus dem Silicon Valley ihre Geschäfte auf Basis von frei verfügbaren Inhalten machen. Die Auseinandersetzung um Urheber- und Leistungsschutzrechte hat das gezeigt.

Im globalen Wettbewerb geht es um noch mehr. Facebook und Co. machen das Netz zu ihrem Spielfeld, das auf alle Lebensbereiche ausgedehnt wird: die Autoindustrie, das vernetzte Haus, Gesundheitswesen oder intelligente Maschinen vom Haushaltsroboter bis zur Drohne befinden sich im Portfolio. Immer im globalen Maßstab gedacht, durch Technologie und das Ignorieren nationaler Standards bestens skalierbar. Während sich deutsche und europäische Unternehmen bürokratischen und regulatorischen Herausforderungen stellen müssen, setzen die Digitalkonzerne – ohne ernsthaften Wettbewerb – ihre Strategien um.

Die Stärke des Silicon Valley oder des Silicon Vadi in Tel Aviv liegt in einer Kombination aus Wissenschaft, internationalem Talent, Risikokapital, politischer Unterstützung und der Haltung: „We launch products and ask for forgiveness later”. Start-ups suchen sich immer die Schwachstellen etablierter Geschäftsmodelle und attackieren diese mit enormem Fokus. Dieses aggressive Denken und Handeln, der dem Entwurf „Sicherheit mit Dividende“ diametral entgegensteht, fehlt in Europa häufig. Die Dominanz der außereuropäischen Unternehmen ist ein Zeichen von Wettbewerbsstärke und guten politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Keine konsequente europäische Strategie

In Europa fehlt es an einer konsequenten Digitalstrategie in der Wirtschaft und unterstützenden politischer Rahmenbedingungen, die dem internationalen Wettbewerb standhalten. Wir brauchen eine EU-Politik, die Europa stärkt, ein gemeinsames Handeln im Digitalen. Das neue EU-Parlament, die neue EU Kommission müssen dieses Thema auf die Agenda setzen. Vor der Kür gibt es noch einmal ein minimales Pflichtprogramm:

# Keine Duldung digitaler Monopole auf allen Plattformen
# Chancengleichheit für europäische Unternehmen beim Datenschutz
# Ein Ende der Möglichkeit nicht-europäischer Wettbewerber, sich den Steuerzahlungen in Europa weitgehend zu entziehen.

Die EU hatte einst beschlossen, Europa zum wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Wenn sie das Ziel noch verfolgt, wird dies nur mit einer wettbewerbsfähigen digitalen Struktur, die die eigene Wirtschaft nicht benachteiligt und einem tragfähigen Entwurf für ein europäisches Silicon Valley, gehen! Dass solch gestaltendes gemeinsames Handeln gelingen kann, hat Europa mit der Erfolgsgeschichte Airbus bewiesen.

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