Keine Offenbarung in der Röhre

von Stephan Grätzel14.01.2011Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Sind wir unfrei, weil sich Gott uns weder im Weltall noch im Computertomografen zeigt? Wenn Neurobiologen glauben, mit ihren Forschungen das Prinzip der Willensfreiheit widerlegen zu können, dann verwechseln sie die Speisekarte mit dem Essen.

Wenn philosophisch ambitionierte Hirnforscher den freien Willen in Laboratorien experimentell widerlegen, dann haben solche Beweise den gleichen wissenschaftlichen Wert (und das gleiche Niveau) wie der angebliche Spruch von Juri Gagarin, er habe beim Blick aus dem Fenster seiner Raumkapsel keinen Gott gesehen. Die Kommunisten sammelten noch Beweise gegen Gott, der globale Kapitalismus finanziert systematisch über willfährige Wissenschaftsräte solche Forschungen, welche die Menschen als tierische und gewissenlose Maschinen darstellen. Die führenden Kulturwissenschaftler heute sind deshalb Ameisen- und Insektenforscher (E. O. Wilson).

Ein CT ist kein Ego-Tunnel

Der freie Wille ist ein sprachliches Phänomen. Wer über Drähte mit Gehirnen zu kommunizieren meint oder die Röhre eines CT für einen Ego-Tunnel hält, der verwechselt Laboratorien mit der Lebenswelt oder die Speisekarte mit dem Essen. Die Erklärung für den Erfolg solcher wissenschaftlich unhaltbaren Behauptungen liegt in der gegenwärtigen Akzeptanz, die Würde des Menschen in Forschung und Wissenschaft antasten zu dürfen, um den maßlosen Egoismus und die Korruption in Wirtschaft und Politik legitimieren zu können. Freiheit und Würde sind nämlich politische Errungenschaften. Seit der Reformation und Aufklärung wurden mit dem Ideal der Freiheit nicht nur bestehende Verhältnisse kritisch reflektiert, sondern auch die Mündigkeit des Individuums erkämpft. Mündigkeit steht aber in einem engen Verhältnis zu Schuld und Verantwortung. Beides ist in den westlichen Gesellschaften zum Tabu geworden. Schuld wird heute selbst von angesehenen konservativen Denkern (Schnädelbach, Flasch) für eine schlimme Erfindung von Theologen gehalten. Verantwortung wird von der Hirnforschung mittlerweile bestritten. Juristisch wäre dann nicht mehr der Mensch verantwortlich zu machen, sondern sein Gehirn. Das erinnert an die Tier- und Leichenprozesse des Mittelalters. Politisch wird Verantwortung zumeist durch Rücktritte übernommen. Reduktionismus und Rücktritte haben gemeinsam, dass sie rückwärtsgewandt sind. Wer Schuld und Verantwortung bezweifelt, denkt aber nicht nur primitiv, sondern ist es auch, wie Asfa-Wossen Asserate in seinem Buch “Manieren“ zeigen konnte.

Freiheit aus Pflicht

Der freie Wille kann nur dort wissenschaftlich festgestellt werden, wo das Handlungsfeld des Einzelnen zur Gesellschaft und zur Geschichte hin geöffnet wird. Die Freiheit entwickelt sich zunächst im Umfeld der Familie und des näheren sozialen Umfelds auf der Basis sprachlicher, also gesprochener Kommunikation zu Mitmenschen, Lebewesen und zur gesamten Natur. Dabei leistet die Sprache “Brückenbau“, wie Humboldt gesagt hat. Sie verbindet das einzelne, leiblich beschränkte und zeitlich begrenzte menschliche Wesen mit der Welt und der Geschichte. Sprachlich befreit es sich so von seinen biologischen Abhängigkeiten und geschichtlichen Verbindungen. Durch Entschuldigung, Verzeihung und Gelöbnis schafft es eine neue, eigene Welt. Der Wille wird aber erst dann frei, wenn er auf diesem Wege die Verbindlichkeiten zur Mitwelt und Umwelt für sich erkennt und umsetzt. Kant nannte das die Freiheit “aus Pflicht“. Obwohl die besagten Hirnforscher schon lange nicht mehr verstehen, was Kant damit eigentlich meinte, können sie das jetzt widerlegen. Das ist Weltweisheit heute. Doch wird es ihnen so gehen wie den antiken Kollegen, die am Gelben Fluss darüber berieten, ob es ihn gibt oder nicht. Während ihrer Untersuchung trat der Gelbe Fluss über die Ufer (Brecht, Turandot).

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