Weg vom reinen Animationsprogramm

Steffen Greschner6.03.2010Medien, Wirtschaft

Verlage sollten sich in Zukunft zu Dienstleistern wandeln und vor allem ihre lokalen Communitys ausbauen und diese mit allem bedienen, was sie sich wünschen. Eins passt da ganz sicher nicht dazu: Geld für Inhalte verlangen.

Die Apps von Bild und Welt wurden im ersten Monat zusammen 100.000 Mal verkauft. Abzüglich 30 Prozent Provision für Apple bleiben also grob geschätzte 75.000 Euro für Springer. Im Monat. Eine ganzseitige Werbung in der gedruckten Bild bringt, laut Preisliste, knapp 379.904 Euro. Am Tag. Das Dilemma der Zeitungshäuser: Der Versuch, die Leser online zum Zahlen zu bringen, spült auch in Zukunft nie genug Geld in die Kassen. Zumindest nicht genug, um einbrechende Werbeerlöse auszugleichen. Am Ende bleibt immer ein großes finanzielles Loch. Und schlimmer noch: eine Schar verprellter User. Die meisten Verlage übersehen in der Paid-Content-Debatte ihr wertvollstes Gut: die Zeit Ihrer Leser sowie bestehende, Jahrzehnte alte Communitys. Anstatt sie mit Pay Walls und Abogebühren zu vergraulen, sollten Verlage mit ihren Lesern neue Wege beschreiten und sich kreative Erlösmodelle erschließen.

Satte Rabatte

Im E-Commerce entstehen neue Konzepte, die gerade für Tageszeitungen großes Potenzial haben: Groupon, als nur ein Beispiel, ist prädestiniert für jede Tages-, Regional- und Lokalzeitung. Beim sogenannten Gruppenkauf schließen sich viele Käufer zusammen, um ein Produkt oder eine Dienstleistung zu erwerben. Haben sich genug Käufer gefunden, kann zugeschlagen werden – mit satten Rabatten, versteht sich. Erfolgsfaktoren sind in erster Linie Reichweite, Kontakte zu lokalen Händlern und das Vertrauen der Leser in den Anbieter der Online-Plattform. Start-ups investieren große Summen in Marketing und Werbung, um sich Kontakte und Vertrauen aufzubauen. Zeitungen haben beides von Haus aus: die richtigen Kontakte zu Händlern und das Vertrauen ihrer Leser.

Zeit für neue Allianzen

Den Zugriff auf oft mehrere Hunderttausend Menschen nur für den Verkauf von Werbefläche zu nutzen ist zu wenig. Sich einfach zurücklehnen, die Anzeigenabteilung ans Telefon setzen und auf Buchungen warten, wird in Zukunft nicht mehr ausreichen. Zeitungen müssen zu Technologieanbietern werden, lokale (Online-)Communitys aufbauen und lernen, diese zu kapitalisieren. Menschen sind nicht nur Werbepreise, Abonnenten und Artikelleser, sondern eine Gemeinschaft, die unterhalten, versorgt und unterstützt werden will. Nach dem letzten großen Herbststurm ist bei mir der ortsansässige Dachdecker mit dem Megafon durch die Straßen gelaufen und hat “Dachziegel austauschen zum Sonderpreis” angeboten – warum vermittelt mir das nicht meine Zeitung? Konzertveranstalter machen Werbung in der Tageszeitung – warum veranstaltet nicht die Tageszeitung das Konzert? Versicherungsvertreter schalten Anzeigen im Lokalteil – warum verkauft nicht die Lokalzeitung die Versicherungen?

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