Geliebte Kinder

von Steffen Bockhahn18.02.2011Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Zivildienststellen waren zwar oft vom Sozialsystem nicht ausfinanziert, aber dennoch unverzichtbar. Es stellt sich die Frage, wie diese Stellen in Zukunft finanziert werden. Der neue Bundesfreiwilligendienst kann eine gute Sache werden. Er wird das entstehende Loch nicht füllen können, aber das muss er auch nicht. Der Beginn einer neuen Ära.

Angefangen hat er als ungeliebtes Kind. Wer anders als im Grundgesetz erwartet keinen Kriegsdienst an der Waffe leisten wollte und das auch in einer Gewissenskontrolle glaubhaft machen konnte, durfte ihn leisten: den Zivildienst. Sein Ende findet er nun als geliebtes Kind. Finanzverantwortliche im sozialen Bereich wissen den Wert der Zivis als preiswerte und gute Arbeitskräfte zu schätzen. Kaum ein Altenheim, Krankenhaus, Kindergarten, städtisches Grünflächenamt oder Essenbringdienst ohne sie.

Wie zusätzlich waren die Zivis tatsächlich?

Doch damit ist es nun vorbei. Solange die Wehrpflicht ausgesetzt ist, braucht niemand den Ersatzdienst zu leisten. Jetzt erst wird deutlich, wie wichtig die Arbeit der zehntausenden jungen Männer gewesen ist. Trotz anders lautender Aussagen steht die Frage, wie zusätzlich die Zivis denn tatsächlich gewesen sind. Vom Gesetz her hätten sie keinen einzigen regulären versicherungspflichtigen Arbeitsplatz ersetzen dürfen. Die Realität dürfte regelmäßig eine andere gewesen sein. War der Zivi, der sich im Rahmen einer individuellen Schwerstbehindertenbetreuung um ein Kind gekümmert hat, wirklich zusätzlich? Nein, es handelte sich viel zu oft um eine Stelle, die von den Sozialsystemen nicht ausfinanziert gewesen, aber dennoch unverzichtbar ist. Nun geht es also auch um die Frage, wie diese Stellen künftig finanziert werden. Müssen die Kolleginnen, denen nun der Zivi abhanden kommt, die Arbeit mit erledigen oder finden sich Finanzierungsmodelle? Es steht ein weiteres Mal die Entscheidung auf der Tagesordnung, wie gesellschaftlich notwendige, aber nicht profitträchtige Arbeit bezahlt werden soll. Der neue Bundesfreiwilligendienst kann eine gute Sache werden. Er wird aber schon wegen der Anzahl der Stellen das entstehende Loch nicht füllen können. Nach der eben geübten Kritik am Zivildienst wäre das auch nicht wünschenswert. Er kann aber für mindestens 35.000 junge Menschen im Jahr eine echte berufliche Orientierung oder ein Jahr zur Selbstfindung sein. Dazu muss aus meiner Sicht ein Einstieg in diesen Dienst schon ab 16 Jahren möglich sein. Wenn wir wollen, dass er helfen soll, junge Menschen zu einer Ausbildung in Pflegeberufen zu motivieren, dann brauchen wir auch die Schulabgänger dieser Altersgruppe. Die rechtlichen Fragen sollten dabei das kleinste Problem darstellen. Von immenser Bedeutung ist, dass der Bildungsaspekt gestärkt wird. Im Zivildienst ist der doch eher nebenbei gelaufen. Das kann und das sollte anders werden, um den staatsbürgerlichen Gedanken und damit die Demokratie zu stärken. Hier wäre es ratsam, mit den Ländern über gemeinsame Programme für deren Freiwilligendienste zu sprechen. Es hat wenig Sinn, dass das FSJ und FÖJ in diesem Bereich teuere Parallelstrukturen aufrechterhalten, wo beim Bund nun Kapazitäten in den Zivildienstschulen frei werden. In diesen Gesprächen sollte auch die Vergütung eine Rolle spielen. Um unnötige gegenseitige Konkurrenz zwischen den Angeboten zu vermeiden, muss es eine vergleichbare Entlohnung geben.

Der Beginn einer neuen Ära

Das Ende des „Ersatzzwangs“ Zivildienst kann der Beginn für eine neue Ära sein. Die Freiwilligendienste könnten jungen Menschen berufliche Perspektiven bieten, Selbsterfahrung ermöglichen und zudem helfen, wichtige Arbeit zu leisten. Sie könnten tatsächlich zusätzlich sein. Für diese Dienste sollte aktiv in Schulen geworben werden, denn sie sind Dienste am Frieden. Damit würden sie dem Ursprung wieder entsprechen: Der bewussten Entscheidung für Frieden und gegen Waffen.

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