Nach uns die Sintflut

von Stefano Casertano25.02.2013Außenpolitik, Wirtschaft

Vier sehr alte Männer kämpfen um die Macht in Italien. Die Wahl wird so zur Qual, denn dem Land fehlt der politische und akademische Nachwuchs.

Warum kann Italien seine Regierungschefs nicht genauso wählen wie jedes andere Land der westlichen Welt? Während ich diese Zeilen schreibe, strömen die Italiener in die Wahllokale, um über die künftige Regierung zu entscheiden. Zur Wahl stehen unter anderem ein 76-jähriger Medientycoon (Silvio Berlusconi), ein talentierter, aber medienscheuer Politiker der Altlinken (Pierluigi Bersani, 61), ein 64-jähriger Populist und ehemaliger Comedian (Beppe Grillo) und ein 69-jähriger Wirtschaftsprofessor (Mario Monti), der die Universität verlassen hat, um die Geschicke des Staates zu lenken und der nach einer Zeit des politischen Stillstandes technokratische Reformen umgesetzt hat.

Diese Ansammlung wäre perfekt für eine Reality-TV-Sendung zur Politik. Aber die Kandidaten sind eigentlich zu alt, selbst für italienische Verhältnisse. Das Durchschnittsalter der Kandidaten liegt fast bei 68 Jahren; das sind 25 Jahre mehr als das Durchschnittsalter der italienischen Bevölkerung. Zur Wahl stehen sowohl ein ehemaliger Comedian, der jetzt Politik macht (Grillo) und ein Politiker, der sich regelmäßig als unfreiwilliger Comedian versucht (Sie wissen, wen ich meine).

Italien geht der politische Nachwuchs aus

Die Gruppe dieser Kandidaten ist ein hervorragendes Beispiel für die derzeitige Führungskrise in Italien. Die Wahl macht deutlich, dass eine ganze Generation verloren gegangen ist – vielleicht sogar zwei Generationen. In den meisten Industrienationen stammen politische Leitfiguren ursprünglich aus der Mittelschicht (die Ausnahmen sind Länder, in denen ein Coup die soziale Ordnung durcheinandergewirbelt hat: Russland im Jahr 1917 oder der Iran im Jahr 1979). Die Mittelschicht wiederum ist abhängig von wirtschaftlichem Wachstum als Existenzgrundlage. Das ist genau das Problem in Italien: Die aufstrebende Mittelschicht – also die Generation, die in die Wachstumsperiode der Nachkriegszeit in den 1950er- und 1960er-Jahren hineingeboren wurde – leidet seit etwa zwanzig Jahren unter wirtschaftlicher Stagnation. In den 1990er-Jahren wuchs die italienische Wirtschaft gemessen am Bruttoinlandsprodukt in zehn Jahren um lediglich 15 Prozent. In den 2000er-Jahren sah es sogar noch schlechter aus: ein Prozent Wachstum im Verlauf des gesamten Jahrzehnts. Seitdem ist die Wirtschaft geschrumpft. Kein Wachstum bedeutet keine Mittelschicht. Und keine Mittelschicht bedeutet, dass der politische Führungsnachwuchs ausbleibt.

In Italien sind außerdem Dynamiken gestört, die normalerweise dafür verantwortlich sind, dass neue politische Hoffnungsträger aus den Reihen der Mittelschicht aufsteigen können. Unternehmensprofite werden mit atemberaubenden 69 Prozent besteuert (und die Steuerlast liegt insgesamt bei 55 Prozent) – dadurch werden neue wirtschaftliche Impulse im Keim erstickt. Die Jahre der „New Economy“ hat Italien wie im Traum durchlebt: Es ist immer noch normal, dass Gespräche über die Wirtschaft in einem nostalgischen Lob auf die gute alte Zeit der industriellen Produktion münden und inzwischen aufgelöste Firmen wie Olivetti gepriesen werden. Ausländer reden mit viel Elan über Firmen wie Ferrari oder Vespa – aber deren Geschäftsmodelle sind Jahrzehnte alt. In den letzten fünfzig Jahren sind kaum neue Industriezweige in Italien herangewachsen. Viele der größten Unternehmen sind entweder in Staatshand, ehemalige Staatsunternehmen oder Unternehmen aus dem Finanzsektor. Das Durchschnittsalter italienischer Manager liegt bei 48 Jahren, höher als in jedem anderen Land der EU.

Berlusconi ist die Ausnahme von der Regel. Er hat es geschafft, ein erfolgreiches privates Medienimperium aufzubauen und von dort aus den Sprung in die Politik zu schaffen. Nicht Berlusconis Biografie ist das Problem, sondern die Tatsache, dass er so wenig Wettbewerber hatte. Fast kaum ein Unternehmer schafft es, in der Politik Fuß zu fassen. In den USA ist das beispielsweise ganz anders. Dort ist es durchaus normal, dass Unternehmer nach einer erfolgreichen Karriere in der Privatwirtschaft öffentliche Rollen übernehmen. Italiens Problem ist, dass es in den letzten zwanzig Jahren keinen Doppelgänger gegeben hat, der dem Original-Berlusconi hätte Konkurrenz machen können. Politik wird von althergebrachten Politikern gemacht. Ob es einem gefällt oder nicht: Berlusconi ist trotz seines Alters und seiner Ämter immer noch „der Neue“.

Wer lange genug überlebt, ist der Sieger

Eine zweite mögliche Quelle für politische Führungsfiguren ist die Universität. In Italien ist die politische Bedeutung der Universitäten allerdings marginal. Junge Forscher erhalten selten mehr als 800 Euro pro Monat. Das Durchschnittsalter, zu dem Wissenschaftler den Karrieresprung zum vollwertigen Professor schaffen, liegt bei fast 60 Jahren. Das überrascht nicht angesichts der Tatsache, dass viele Nachwuchsforscher erst im Alter von 36 Jahren ihre Dissertation beenden. Lediglich fünf Prozent der Assistenzprofessoren in Italien sind jünger als 41 Jahre. Wer eine Karriere in der Wissenschaft anstrebt, sollte also Fast Food vermeiden, regelmäßig Sport treiben und generell gesund zu leben versuchen. Akademische Führungsfiguren werden anscheinend durch die Darwin’sche Selektion bestimmt: Am Ende siegt derjenige, der lange genug überlebt.

Und noch eine Statistik dürfte überraschen: Italiener unter 30 Jahren mit Universitätsabschluss sind im Schnitt eher arbeitslos als ihre Mitbürger ohne Uni-Abschluss. Wer in seine Ausbildung investiert, darf am Ende nicht unbedingt mit einem Job rechnen – und schon gar nicht mit Führungsverantwortung.

Der einzige Weg zum Neustart der italienischen Wirtschaft führt über die Neugeburt der Mittelschicht. Das setzt wiederum niedrigere Steuern und eine Verringerung des staatlichen Einflusses auf die Wirtschaft voraus. Der in den 1990er-Jahren mit Unternehmen wie Eni, Enel und Finmeccanina begonnene Privatisierungsprozess muss irgendwann einmal abgeschlossen werden. Außerdem müssen die Universitäten reformiert werden. Auch hier ist Privatisierung vielleicht die einzige Option. Ein privater Frankenstein ist im Zweifelsfall besser als ein öffentlich finanzierter Leichnam.

Die Frage ist nur: Wo sind die politischen Vorbilder, die solche Veränderungen anschieben können?

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