Der weiße Hai

von Stefano Casertano16.01.2013Wirtschaft

So skeptisch Silvio Berlusconi im Ausland beäugt wird, so nachdenklich stimmt die internationale Ablehnung die Italiener. Verschwörungstheoretiker vermuten, Deutschland und Frankreich wollten sein Wiederantreten verhindern.

Immer wenn Silvio Berlusconi wieder in den Medien auftaucht, fragen mich meine internationalen Freunde das Gleiche: Warum? Als ein in Berlin lebender Italiener habe ich regelmäßig die Gelegenheit, eine Antwort auf diese Frage zu suchen – zum einen, weil Berlin ganz offensichtlich von vielen Nicht-Italienern bevölkert ist. Zum anderen, weil Berlusconi die nervenaufreibende Angewohnheit hat, monatelang unter der Wasseroberfläche zu schwimmen, nur um dann so plötzlich und so gefährlich wie ein weißer Hai aufzutauchen.

Frauen, als Ronaldinho verkleidet

Um eines vorweg klarzumachen: Wir Italiener freuen uns, dass sich die Welt so intensiv für Berlusconi interessiert. Jahrzehntelang wurde Italien von Politikern regiert, die zwar einen guten Job gemacht haben, aber kaum für Aufmerksamkeit jenseits der Landesgrenzen gesorgt haben. Oder haben Sie etwa schon einmal von Giulio Andreotti gehört, unserem siebenmaligen Premierminister, von Amintore Fanfani (sechsmaliger Premier), oder von Mariano Rumor (fünf Amtszeiten)? Wenn Sie die typische Mittelklassenbildung besitzen, dann lautet die Antwort wahrscheinlich nein. Heute aber drehen sich sogar Taxifahrer in Manhattan um, wenn sie hören, dass ich aus Italien komme. Den New Yorker Verkehr aus den Augen lassend, grinsen sie mich an und verkünden: „Bunga Bunga!“ Berlusconi hat uns berühmt gemacht, im Guten wie im Schlechten.

Doch das „Bunga Bunga“-Phänomen hat gleichzeitig dazu geführt, dass Nicht-Italiener Berlusconi kaum verstehen. Enthüllungen über seine nächtlichen Darbietungen (und seine Erfolgsquoten bei den Frauen) sind hauptsächlich das Ergebnis gründlicher Recherche der Mitte-Links-Presse in Italien, und vor allem das Verdienst der exzellenten Zeitung „La Repubblica“. In fast jedem anderen Industrieland hätten Berichte über die Beziehung eines führenden Politikers zu spärlich bekleideten und minderjährigen Mädchen unweigerlich zum Rücktritt des Betroffenen geführt – nicht aber in Italien.

Warum? Italiener zitieren gerne die „dietrologia“, die Verschwörungstheorie. Viele Menschen waren aufrichtig schockiert über die Berichte – bei einer Party soll sich eine Frau beispielsweise als Fußballstar Ronaldinho verkleidet haben. Andere Italiener aber haben argumentiert, dass die Veröffentlichung solcher Details auf versteckte Interessen hindeute. Am Anfang waren Berlusconis Anhänger überzeugt, dass „die Linke“ hinter den Skandalen stecke und den Premier entblößen wolle. Sogar die Staatsanwälte seien Teil der Verschwörung und ermittelten nur deshalb so gründlich zu Berlusconis Eskapaden und wirtschaftlichen Verwicklungen.

Monti – eine Marionette von Goldman Sachs?

Seit dem Amtsantritt von Mario Monti hat sich die Situation aber noch weiter verschärft. Es gibt gute Gründe, warum Italiener der aktuellen Regierung ablehnend gegenüberstehen: Monti – ein Professor – hat nie eine Wahl gewonnen, sondern wurde 2011 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von Präsident Giorgio Napolitano für das Amt des Premiers nominiert, nachdem Berlusconi unter Missachtung parlamentarischer Prozeduren zurückgetreten war. Unter Montis Führung sind die Steuersätze auf historische Rekordhöhen geklettert (Unternehmensprofite werden beispielsweise mit bis zu 69 Prozent besteuert) und das Finanzamt hat weitreichende Machtbefugnisse erhalten. Die Behörde kann jetzt jeden Italiener der Steuerhinterziehung bezichtigen (und kann dabei unter anderem auf Untersuchungsbefugnisse zurückgreifen, die gut in Orwells Klassiker „1984“ aufgehoben wären); die Beweislast liegt beim Bürger. „Im Zweifel für den Angeklagten“ gilt in Steuerfragen nicht mehr. Außerdem sind für den Februar 2013 schon wieder Neuwahlen angekündigt. Auch Monti hat seinen Rücktritt angekündigt, ohne vorher das vorgeschriebene Misstrauensvotum im Parlament zu erzwingen.

Das alles reicht aus, um Millionen von Italienern davon zu überzeugen, dass irgendwo eine graue Eminenz die Fäden zieht. Sogar gebildete Menschen bekräftigen inzwischen an Stammtischen und im Fernsehen, dass Monti eine Marionette von Goldman Sachs sei, ein Mitglied der

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