Wir kranken daran, dass Älterwerden von anderen definiert wird. In der Regel von Jüngeren, die selbst noch keine Erfahrung damit haben. Frank Schirrmacher

Der weiße Hai

So skeptisch Silvio Berlusconi im Ausland beäugt wird, so nachdenklich stimmt die internationale Ablehnung die Italiener. Verschwörungstheoretiker vermuten, Deutschland und Frankreich wollten sein Wiederantreten verhindern.

Immer wenn Silvio Berlusconi wieder in den Medien auftaucht, fragen mich meine internationalen Freunde das Gleiche: Warum? Als ein in Berlin lebender Italiener habe ich regelmäßig die Gelegenheit, eine Antwort auf diese Frage zu suchen – zum einen, weil Berlin ganz offensichtlich von vielen Nicht-Italienern bevölkert ist. Zum anderen, weil Berlusconi die nervenaufreibende Angewohnheit hat, monatelang unter der Wasseroberfläche zu schwimmen, nur um dann so plötzlich und so gefährlich wie ein weißer Hai aufzutauchen.

Frauen, als Ronaldinho verkleidet

Um eines vorweg klarzumachen: Wir Italiener freuen uns, dass sich die Welt so intensiv für Berlusconi interessiert. Jahrzehntelang wurde Italien von Politikern regiert, die zwar einen guten Job gemacht haben, aber kaum für Aufmerksamkeit jenseits der Landesgrenzen gesorgt haben. Oder haben Sie etwa schon einmal von Giulio Andreotti gehört, unserem siebenmaligen Premierminister, von Amintore Fanfani (sechsmaliger Premier), oder von Mariano Rumor (fünf Amtszeiten)? Wenn Sie die typische Mittelklassenbildung besitzen, dann lautet die Antwort wahrscheinlich nein. Heute aber drehen sich sogar Taxifahrer in Manhattan um, wenn sie hören, dass ich aus Italien komme. Den New Yorker Verkehr aus den Augen lassend, grinsen sie mich an und verkünden: „Bunga Bunga!“ Berlusconi hat uns berühmt gemacht, im Guten wie im Schlechten.

Doch das „Bunga Bunga“-Phänomen hat gleichzeitig dazu geführt, dass Nicht-Italiener Berlusconi kaum verstehen. Enthüllungen über seine nächtlichen Darbietungen (und seine Erfolgsquoten bei den Frauen) sind hauptsächlich das Ergebnis gründlicher Recherche der Mitte-Links-Presse in Italien, und vor allem das Verdienst der exzellenten Zeitung „La Repubblica“. In fast jedem anderen Industrieland hätten Berichte über die Beziehung eines führenden Politikers zu spärlich bekleideten und minderjährigen Mädchen unweigerlich zum Rücktritt des Betroffenen geführt – nicht aber in Italien.

Warum? Italiener zitieren gerne die „dietrologia“, die Verschwörungstheorie. Viele Menschen waren aufrichtig schockiert über die Berichte – bei einer Party soll sich eine Frau beispielsweise als Fußballstar Ronaldinho verkleidet haben. Andere Italiener aber haben argumentiert, dass die Veröffentlichung solcher Details auf versteckte Interessen hindeute. Am Anfang waren Berlusconis Anhänger überzeugt, dass „die Linke“ hinter den Skandalen stecke und den Premier entblößen wolle. Sogar die Staatsanwälte seien Teil der Verschwörung und ermittelten nur deshalb so gründlich zu Berlusconis Eskapaden und wirtschaftlichen Verwicklungen.

Monti – eine Marionette von Goldman Sachs?

Seit dem Amtsantritt von Mario Monti hat sich die Situation aber noch weiter verschärft. Es gibt gute Gründe, warum Italiener der aktuellen Regierung ablehnend gegenüberstehen: Monti – ein Professor – hat nie eine Wahl gewonnen, sondern wurde 2011 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von Präsident Giorgio Napolitano für das Amt des Premiers nominiert, nachdem Berlusconi unter Missachtung parlamentarischer Prozeduren zurückgetreten war. Unter Montis Führung sind die Steuersätze auf historische Rekordhöhen geklettert (Unternehmensprofite werden beispielsweise mit bis zu 69 Prozent besteuert) und das Finanzamt hat weitreichende Machtbefugnisse erhalten. Die Behörde kann jetzt jeden Italiener der Steuerhinterziehung bezichtigen (und kann dabei unter anderem auf Untersuchungsbefugnisse zurückgreifen, die gut in Orwells Klassiker „1984“ aufgehoben wären); die Beweislast liegt beim Bürger. „Im Zweifel für den Angeklagten“ gilt in Steuerfragen nicht mehr. Außerdem sind für den Februar 2013 schon wieder Neuwahlen angekündigt. Auch Monti hat seinen Rücktritt angekündigt, ohne vorher das vorgeschriebene Misstrauensvotum im Parlament zu erzwingen.

Das alles reicht aus, um Millionen von Italienern davon zu überzeugen, dass irgendwo eine graue Eminenz die Fäden zieht. Sogar gebildete Menschen bekräftigen inzwischen an Stammtischen und im Fernsehen, dass Monti eine Marionette von Goldman Sachs sei, ein Mitglied der Trilateralen Kommission oder sogar ein Gesandter des „Aspen Institute“ (ich selbst bin ein Aspen Junior Fellow und kann bei mir keine Superheldenkräfte feststellen – abgesehen von der Fähigkeit, ab und zu eine edle rote Krawatte tragen zu können).

Im Kern besagt diese Verschwörungsdebatte, dass Berlusconi von deutschen und französischen Banken zum Rücktritt gezwungen wurde, nachdem diese Banken italienische Staatsanleihen abgestoßen und die Wirtschaft destabilisiert hatten.

Ein Aspekt dieser Geschichte stimmt: Als Berlusconi wieder ans politische Tageslicht trat, haben die Banken tatsächlich Anleihen verkauft. Das allein reicht schon aus, um die Verschwörungstheoretiker zu bestätigen: Irgendjemand will nicht, dass Berlusconi bei den kommenden Wahlen antritt. Auf Webseiten ist zu lesen, dass die deutsch-französische Achse dahinter steckt. Ziel sei es, die italienische Wirtschaft zu zerstören, die Vermögenswerte des Landes abzuwerten und dann billig aufzukaufen. Manche erinnern sogar an einen Vorfall aus dem Jahr 1992: Damals befand sich Italien in einer leichten Wirtschaftskrise. Auf der königlich-britischen Yacht „Britannia“ trafen sich vor der Küste Italiens internationale Investoren mit einigen Italienern, um Privatisierungspläne zu besprechen. Viele Unternehmen wurden damals unnötigerweise und zu schlechten Konditionen privatisiert. Manche befürchten, dass die „Britannia“ bald wieder im Mittelmeer vor Anker geht.

Italiener fühlen sich also angegriffen und sind daher auch willens, den einen oder anderen Berlusconi-Skandal zu ignorieren. Manche sind der Meinung, dass Berlusconi die Verschwörung schon längst durchschaut hat und daher während seiner Amtszeit versucht hat, die Beziehungen zu Putin (in Russland), zu Gaddafi (in Libyen) und zu Aznar (in Spanien) zu intensivieren. Clausewitz und Sun Tzu hätten an dieser Wirtschaftspolitik ihre helle Freude gehabt: Wenn der Gegner zu mächtig ist, hilft manchmal nur ein Angriff auf die Flanke.

Behandelt Italien nicht wie Griechenland

Wenn es also Europas Ziel ist, eine erneute Regierungszeit Berlusconis zu verhindern, hilft die konstante Wiederholung der „Bunga Bunga“-Geschichten wenig. Es führt lediglich dazu, die Theorie einer internationalen Verschwörung gegen Italien glaubwürdiger zu machen. Kritik an seinen nicht jugendfreien Hobbys spielt Berlusconi in die Hände. Die einzige Lösung: Behandelt Italien nicht wie Griechenland. Verständigt euch auf ein wirtschaftspolitisches Programm, das nicht nur von Steuererhöhungen lebt. Ansonsten hat Europa vielleicht sogar eine erneute Amtszeit Berlusconis verdient.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefano Casertano: Das Problem ist nicht Berlusconi

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Italien, Wirtschaftskrise, Silvio-berlusconi

Debatte

Deutsche bezahlen bitter für den Euro

Medium_c4328d59b4

Europäischer Gerichtshof hält den EZB-Wahnsinn am Laufen

Mittlerweile dämmert es immer mehr Bürgern, dass der Euro uns offensichtlich nicht das bringt, was uns von der Politik versprochen wurde. Dennoch halten die Protagonisten in Brüssel, Straßburg und ... weiterlesen

Medium_6083f5294c
von Matthias Weik
03.01.2019

Debatte

Schuldenkrise in Italien

Medium_18539de3e9

Mit TARGET2 macht sich Deutschland erpressbar

TARGET2 Forderungen haben weder ein Fälligkeitsdatum noch sind sie nach oben hin gedeckelt. Während Deutschland Forderungen in Höhe von 907 Mrd. Euro verbucht, hat Italien Verbindlichkeiten in Höhe... weiterlesen

Medium_27fd48473d
von Joachim Starbatty
22.11.2018

Debatte

Leitindex fällt auf Zwei-Jahres-Tief

Medium_626463b400

DAX stürzt ins Bodenlose

Die Verkaufswelle an den Börsen hält an. Aus Sorge vor starken Konjunktureinbrüchen sowie politischen Unruhen schmeißen Anleger Aktien panisch aus ihren Depots. Doch die Talfahrt des deutschen Leit... weiterlesen

Medium_8064503704
von Florian Spichalsky
23.10.2018
meistgelesen / meistkommentiert