Der globale Infokrieg ist nicht virtuell. Luciano Floridi

Das Medium ist die Botschaft

Revolutionen sind Elitenprojekte. Sie brauchen Wortführer und entschlossene Anführer, um im Moment des Umbruchs einen Missbrauch revolutionärer Energien zu verhindern. Soziale Medien sind dafür wenig hilfreich.

Kürzlich saß ich auf einem Panel, um zu diskutieren, welche Rolle soziale Medien für die Umbrüche in der arabischen Welt gespielt haben. Ein einziger Diskussionsteilnehmer kam aus dem Nahen Osten, der Rest von uns waren Europäer oder Amerikaner. Er war lange Zeit still; nur am Ende meldete er sich mit ruhiger Stimme zu Wort: Al-Jazeera sei wichtiger gewesen als soziale Medien, sagte er. Die Menschen redeten vor allem über die Fernsehberichterstattung, nicht über Tweets. Das sei die treibende mediale Kraft hinter der Revolution gewesen.

Inhalt der Umbrüche ist unklar

Diese Sichtweise ist nicht neu. Bereits 2005 schrieb der Islamwissenschaftler Bernard Lewis in einem Essay für die Zeitschrift „Foreign Affairs“: „Fernsehen bringt den Menschen des Nahen Ostens eine spektakuläre Neuerung: das öffentliche und lebendige Debattieren. Manchmal sehen junge Menschen sogar israelische Araber, die in der Knesset gegen israelische Minister und Regierungsentscheidungen anreden – im israelischen Fernsehen!“ Und: „Moderne Kommunikationstechnologien hatten auch einen gegenteiligen Effekt. Sie haben den Muslimen des Nahen Ostens schmerzhaft bewusst gemacht, wie schlecht die Dinge sich dort entwickelt haben.“

Das Fernsehen hat den Vorteil, dass es immer noch ein „Gesellschaftsmedium“ ist. Millionen von Menschen können zur gleichen Zeit die gleiche Sendung sehen und am nächsten Tag darüber diskutieren. Das Problem des Fernsehens ist nicht die Reichweite, sondern Kontrolle über gesendete Inhalte. Es überrascht nicht, dass die Präsidentengarde in Ägypten während der jüngsten Ausschreitungen zwischen Anhängern und Gegnern von Präsident Mursi zwei strategisch wichtige Gebäude bewachte: den Präsidentenpalast und das Gebäude des Staatsfernsehens. Während der letzten sechzig Jahre ist jeder erfolgreiche Staatsstreich in der arabischen Welt aus besetzten Fernseh- und Radiostudios in die Welt hinaus verkündet worden.

Soziale Medien sind vielleicht nicht die treibende Kraft hinter dem Arabischen Frühling, außer Acht lassen können wir sie trotzdem nicht. Die Verbreitung sozialer Medien ist höher, als wir oftmals denken. Nach einer kürzlich durchgeführten Umfrage der US-Meinungsforscher von PEW Research benutzen 34 Prozent der Tunesier soziale Netzwerke im Internet. In Ägypten sind es 30 Prozent, in Jordanien 29 Prozent. Wir können davon ausgehen, dass die meisten dieser Internetnutzer eher jung sind und in urbanen Regionen leben – also dort, wo die Revolutionen sich zuerst entzündeten. Eine relativ hohe Prozentzahl (60 bis 68 Prozent) sagte den Meinungsforschern außerdem, dass sie das Internet zur Verbreitung politischer Inhalte benutzen.

Die Revolutionen im Nahen Osten haben sicherlich von vielen verschiedenen Medien profitiert. Neben Fernsehen und sozialen Medien gehören auch Zeitungen und Mundpropaganda dazu. Die Frage heute ist aber eine andere: Welche Botschaft vermitteln uns die Revolutionen? Mit Marshall McLuhan („the medium is the message“) können wir fragen: Was ist der Inhalt des Arabischen Frühlings?

Ich glaube, das ist die zentrale Frage des vergangenen Jahres. Der Inhalt der Umbrüche ist weiterhin unklar. Jede Revolution ist primär eine „negative“ Bewegung: Sie wird getrieben von der Wut und vom Willen, Althergebrachtes zu zerstören. Die konstruktive Phase kommt später. Wir glauben zwar gerne, dass beispielsweise die Französische Revolution von den drei Idealen „Freiheit, Einheit, Brüderlichkeit“ bestimmt wurde, doch das ist eine Fehlinterpretation der Geschichte. Natürlich waren diese Werte präsent, aber die meisten Menschen auf den Straßen von Paris dürften kaum daran gedacht haben. Die Kennzeichnung der französischen Revolution erfolgte erst später durch Schulbuchhistoriker.

Die intellektuelle Diskussion über eine mögliche Entwicklung der Französischen Revolution wurde damals in Medien geführt, die wir heute als „langsam“ bezeichnen würden: Zeitungen und Bücher. Diese Publikationen wurden von der französischen Elite gelesen und weiterverbreitet – also von den Menschen, die Kontrolle über den post-revolutionären Prozess ausübten und versucht haben, die Gesellschaft neu zu gestalten.

Kann Facebook heute eine ähnliche Rolle übernehmen? Leider lautet die Antwort „nein“. Ich bin inzwischen relativ pessimistisch in Bezug auf das revolutionäre Potenzial von Facebook. Soziale Medien sind großartig geeignet, um Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Thema zu erzeugen. Aber wir sollten eine Portion Skepsis an den Tag legen, wenn es darum geht, revolutionäre Gedanken und intellektuelle Diskussionen über soziale Medien zu steuern. Twitter und Facebook sind instinktiv, schnelllebig: Ein einzelner Beitrag kann innerhalb weniger Stunden enorm populär werden, doch der Hype hält meistens nicht lange an. Am nächsten Tag hat sich die Diskussion meisten schon wieder auf ein anderes Thema fokussiert. Klicks, Likes und Retweets sind keine revolutionären Unternehmungen – es sind Einzelaktionen ohne größere gesellschaftliche Bedeutung: Klicks, Klicks, Klicks, und noch mehr Klicks.

Ich habe bisher keine einzige Unterhaltung entdeckt, die es geschafft hat, innerhalb von 140 Zeichen einen wirklichen Mehrwert zu schaffen und Aufmerksamkeit zu generieren. Für wirkliche Diskussionen stellen soziale Medien nicht die passenden Formate bereit, sondern lediglich die Plattform für die Veröffentlichung schnell artikulierbarer Gedankenfetzen. Die alltäglichen Kleinkriege auf Twitter sind lächerlich: Es ist unmöglich, auf 140 Zeichen zu einer wirklichen Einigung zu kommen. Wenn das doch passiert – was manchmal vorkommen soll – ist das Problem meistens nicht wirklich gelöst.

Soziale Medien und traditionelle Medien sind eng miteinander verwoben. Die Gefahr während einer Revolution ist, dass der Umbruch von Eliten missbraucht werden kann, die weiterhin die Kontrolle über Radio und Fernsehen ausüben (also über Medien, die nicht einfach durch die Massen kontrolliert werden können). Revolutionen sind fragile Gebilde und bereits eine kleine Richtungskorrektur kann weitreichende Konsequenzen haben. Große Entscheidungen – wie beispielsweise die Ausübung von Kontrolle über die Massenmedien eines Landes – können den Verlauf einer Revolution auf dramatische Weise beeinflussen. Facebook mag hilfreich darin sein, die Machtbasis alter Eliten zu untergraben – doch das Fernsehen kann gleichzeitig dazu benutzt werden, etablierte Machtstrukturen zu schützen.

Das gilt nicht nur im Nahen Osten, sondern auch im Westen. Was bleibt heute noch von der Occupy-Bewegung? Ich glaube, dass die meisten Menschen nichts mehr davon spüren. Die Aktivisten haben versucht, eine Massenbewegung auf den Straßen zu inszenieren, aber darin waren sie erfolglos. Occupy war getrieben von der Idee, eine Klick-Mentalität auf die reale Welt anzuwenden. Doch es wird immer einfacher sein, einmal auf dem Bildschirm zu klicken, als seinen Partner davon zu überzeugen, dass man auf unbestimmte Zeit in einem Stadtpark zelten muss. Die meisten arbeitenden Menschen haben es vorgezogen, zu Hause zu bleiben und nicht in die Protestcamps zu ziehen.

Dazu kommt ein weiteres, ideologisches Problem. Die Occupy-Bewegung hatte zwar eine gemeinsame Protest-Botschaft, doch die horizontalen und führungslosen Organisationsstrukturen haben letztendlich zur Stagnation geführt und nicht zu konkreten Handlungen. Natürlich gab es den Versuch, Gedanken durch Handzettel, Videos und Bücher zu verbreiten – aber ich bezweifele, dass viele Leute das gelesen oder gesehen haben.

Eine Revolution braucht Anführer

Am Ende bleibt die Frage: Wer hängt eigentlich noch an Occupy? Hat die Protestbewegung es geschafft, einen Führer zu nominieren? Einen Robespierre, einen Lenin, einen Che Guevara, oder sogar einen neuen Daniel Cohn-Bendit? Ich glaube nicht. Die Proteste haben zwar für einige eindrucksvolle Bilder gesorgt, doch die in ihnen porträtierten Menschen waren nicht in hierarchische Strukturen eingebunden. Man muss sich nur Wikileaks-Frontmann Julian Assange als Beispiel nehmen. Facebook ist eine nicht-hierarchische Plattform, die sich hervorragend zur Verbreitung kurz formulierter Ideen eignet. Eine auf Facebook basierende Revolution kann diesen Einschränkungen nicht entkommen.

Es gibt keine Revolution ohne Anführer. Soziale Medien können zwar Meinungsführer gebären, doch ihre Amtszeiten sind meistens auf wenige Stunden begrenzt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefano Casertano: Das Problem ist nicht Berlusconi

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