Wenn wir ein bisschen mehr schwäbische Hausfrau mit auf den Weg nehmen, dann können wir das System stabiler gestalten. Josef Ackermann

Das Geld ist weg

Das Image der Deutschen in Griechenland ist so unwichtig wie das Image der Griechen in Deutschland. Um die Probleme zu lösen, müssen sich beide Seiten zu längst überfälligen Eingeständnissen durchringen – auch wenn sie schmerzhaft sind.

In Griechenland ändern sich die Meinungen über Deutschland. Zuerst, als Sparmaßnahmen auferlegt wurden, wurde unsere Kanzlerin auf griechischen Plakaten in niederträchtiger Weise als Nazi-Führerin dargestellt. Seit Kurzem ist die Interpretation ein bisschen ausgeklügelter: Die Deutschen wollen das griechische Volk bestrafen. Auf irgendeine Art scheine die deutsche Einstellung von einer strengen Auslegung der protestantischen Ethik geprägt zu sein, die keine Vergebung auf Gottes Erden kennt.

Das Problem ist, dass den Deutschen nicht bewusst ist, dass sie die Griechen bestrafen. Nach deutscher Auffassung hat das schöne Land am Mittelmeer bereits genügend Möglichkeiten zu Reformen bekommen. Außerdem hätte Athen selbst darauf bestanden, den Euro einzuführen, um sich dann von Schwarzer Buchhalter-Magie verleiten zu lassen. Wenn das Land nun also untergeht, sei das bestimmt nicht Deutschlands Schuld.

Wen kümmert es?

Die Positionen sind nicht zu versöhnen, wie in allen Fällen, in denen einer einem anderen Geld schuldet und nicht zahlen kann.

Um einen Ausweg aus dieser Situation zu finden, sollte man jedoch zwischen Moral und Pragmatismus unterscheiden. Wenn wir uns für Moral entscheiden, müssen wir zu vielen Dingen „Ja!“ sagen können. Zuallererst: „Ja!“, der Euro war schlecht geplant. Griechische Salat-Restaurants am Strand mit dem BMW Alpina zusammenzuschnüren, war einfach verrückt. Dann: „Ja!“, vor 15 Jahren fanden wir den Euro alle cool und jeder, der nicht daran teilnahm, war entweder Einzelgänger (Schweiz), voll mit Öl (Norwegen) oder mit Finanzwirtschaft (UK). Darum: „Ja!“, die Verantwortung am Beitritt von wirtschaftsschwachen Staaten in die Euro-Zone war auch stark von den starken Ländern abhängig. Es ist wie der Professor, der den Schummler durch die Prüfung lässt und wenn sich der lausige Student später als eben solcher herausstellt, nur meint: „Hey, aber er wollte die Prüfung wirklich bestehen!“ Soll heißen: „Ja!“, die Tatsache, dass die Griechen dabei sind, ist nicht nur ihre eigene Schuld.

Letztlich bleibt bei diesen Fragen aber die wichtigste Überlegung: Who cares? Wem kümmert’s, wie und warum es Griechenland in die Euro-Zone geschafft hat? Wen kümmert die Wendigkeit der Staatsbuchhalter beim Umgang mit Excel-Dateien vor fünfzehn Jahren? Werden sich dadurch Lösungen leichter finden lassen? Verdammt noch mal, nein. Das sollte höchstens unser Strandgespräch beim nächsten Urlaub in Rhodos sein, nach ein paar Ouzos (ohne Eis).

Darum, bitte, lasst uns aufhören, nach Sündenböcken zu suchen. Zumindest bei diesem Thema braucht Europa ein wenig Einigkeit: Das Euro-Chaos ist kein Euro-päer-Chaos und die „päer“ sind wir alle.

Für Griechenland ist es nun zu spät

Unglücklicherweise für uns deutsche Steuerzahler gibt es auch auf anderer Seite eine Menge von Überlegungen zu machen. Nur dieses Mal müssen wir „Nein!“ sagen. Zuerst und am wichtigsten: „Nein!“, wir werden das Geld, dass wir den Griechen geliehen haben, nie wieder sehen. Das ist kein Pessimismus, das sagen uns die Zahlen: Die griechische Wirtschaft bricht zusammen. Die Korrekturen der IWF-Prognosen können nicht mit dem Tempo des fallenden Bruttoinlandsprodukts in Athen mithalten. Noch bevor die neuen PDFs veröffentlicht sind, werden die Griechen schon wieder darunter sein. Und das liegt daran, dass, „Nein!“, die Austeritätspolitik nicht funktioniert. Das Prinzip, zu sagen: Führt erst Reformen durch, dann werdet ihr weniger Steuern einnehmen, funktioniert nicht. „Nein!“, es wird niemals funktionieren.

Griechenland ist kein Land des Nordens. Wenn man Löhne kürzt und Steuern erhöht, irritiert das die Menschen zu sehr, um Reformen zu akzeptieren. Das ist eine Erfahrung, die Deutschland eigentlich gut kennen sollte: Die deutschen Reformen von 2004 wurden mit Budgetdefiziten vorangebracht, nicht mit Kürzungen. Bis zu diesem Zeitpunkt wuchs sogar Italien schneller als Deutschland (Italien!). Irgendwer veröffentlichte ein Buch über Deutschland, über den „Niedergang eines Superstars“ – und die Menschen glaubten es. Dennoch begann Deutschland, mit den Reformen schneller zu wachsen als seine Standesgenossen.

Wie auch immer: Für Griechenland ist es nun zu spät. Dadurch, dass wir („Nein!“) unser Geld ohnehin nicht mehr sehen werden, wird das Problem vielleicht zu einer einfacheren Lösung. Im Speziellen geht es nämlich nur um die Wahl zwischen „schwerer Krise“ und „Apokalypse“. Der eine Ausdruck bezieht sich auf ein Szenario, indem die Austerität weitergeführt wird, der andere Ausdruck bezieht sich auf das Szenario eines Schuldenschnitts. Ich bin leider nicht sicher, welcher Ausdruck sich auf welches Szenario bezieht. Lasst uns ein bisschen darüber nachdenken.

Tiefe Krise oder Apokalypse

Wenn die Schulden nachgelassen werden, verlieren die Geber ihr Geld. Das gäbe ein schlechtes Beispiel für die schlimmen Jungs Italien und Spanien (und, ah, bienvenue au club, France!). Doch vielleicht könnten die Griechen dann etwas anderes machen, wie zum Beispiel aus eigenen Stücken zur Drachme zurückkehren und damit verhindern, zweimal in der Woche für die Titelseite der „Bild“ gesetzt zu sein (um nicht zu sagen, diese Kolumne bei The European neueren Themen zu widmen). Das könnte den Verlust von ein paar griechischen Generationen abwenden. Außerdem würden Santorini und Mykonos dann auch wieder billiger (ok, vielleicht nicht Mykonos).

Wenn die Schulden nicht nachgelassen werden, verlieren die Geber ihr Geld. Die Griechen könnten zu einem geopolitischen Chaos knapp unter dem Balkan werden. Arbeitslosigkeit und das organisierte Verbrechen würden aufblühen. Das Land könnte von China gerettet werden, das Geld für Reformen in die Hand nimmt und die Reichen ausnehmen würde.

Noch immer ist also unklar, wo die tiefe Krise und wo die Apokalypse liegt. In beiden Fällen werden wir aber unser Geld verlieren. Im zweiten Fall verlieren wir nicht nur das Geld, sondern China wird auch einsteigen. Meine Überlegung ist daher: Warum sollten wir China die Reform Griechenlands überlassen? Wäre es nicht cleverer, Griechenland aus dem Euro raus zu helfen, ihnen die Schulden zu erlassen und beim wirtschaftlichen Wiederaufbau zu unterstützen?

China ist kein „Evil Empire“

Das sind harte Worte. Dennoch gleicht der Euro einem Währungskrieg – und Griechenland hat ihn verloren. Wir können die Griechen nicht weiter bestrafen. Nach dem Zweiten Weltkrieg unternahmen die USA alles, um Westdeutschland und Italien wieder aufzubauen, um die Sowjetunion davon abzuhalten, den Job für sie zu erledigen. China ist kein „Evil Empire“ im sowjetischen Sinne – dennoch wäre ich glücklich, wenn Griechenland im Einflussbereich des Alten Kontinents bleiben könnte.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Frank Schäffler, Volker Wissing, Markus Söder.

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