Das Ende des Schmiergelds

von Stefano Casertano7.07.2012Außenpolitik, Wirtschaft

Zunehmend werden Europa und die USA ihre Energie aus dem Heimatboden ziehen – lokale Gasvorkommen machen es möglich. Wer wissen will, was dies für den Nahen Osten bedeutet, muss nach Pakistan gucken.

In der Energiepolitik bricht eine neue Zeit an. Doch anstatt erneuerbarer Energien sind es vor allem unkonventionelle fossile Brennstoffe, die unsere Energiesicherheit im 21. Jahrhundert garantieren werden. Bekannte Ölreservoirs leeren sich stetig und die Entdeckung neuer gigantischer Ölfelder scheint wenig wahrscheinlich. Doch auch wenn Hydrocarbonprojekte teuer sind, wird der Löwenanteil neuer Energiereserven nicht durch Sonne und Wind gestellt, sondern durch Teersand, Schiefergas und eine ganze Reihe anderer wirtschaftlich profitabler (und umweltschädigender) Förderverfahren.

Die USA werden Gas-Selbstversorger

Die Auswirkungen für die Geopolitik sind offensichtlich: Die USA sind aufgrund der heimischen Schiefergasvorkommen in der Lage, ihre Gasnachfrage auf Jahre hinweg ohne Importe zu decken. Autohersteller bringen schon heute neue Modelle auf den Markt, die mit Gas betrieben werden können. Sie erwarten eine abrupte Umstellung von Öl auf Gas, wie sie beispielsweise in der Elektrizitätserzeugung bereits offensichtlich ist. Dort sind Gaskraftwerke wieder stark in Mode gekommen. Kanada versorgt die USA darüber hinaus mit Öl aus Teersandförderung in Alberta. Und in Europa nimmt die Nachfrage nach Gas ebenfalls zu, teilweise aufgrund der amerikanischen Investitionen in die Schiefergasförderung. Angesichts dieser Entwicklungen ist es verlockend, vom Ende der Hochzeit des Mittleren Ostens (oder sogar vom Ende der russischen Gasdominanz) zu sprechen. Paul D. Miller hat dazu gerade erst unter dem Titel “„The Fading Arab Oil Empire“(Link)”:http://nationalinterest.org/article/the-fading-arab-oil-empire-7072 einen unsäglichen Beitrag im Magazin „The National Interest“ veröffentlicht. Vielleicht hat er recht: Etablierte Ölfördernationen müssen sich auf sinkende Exportgewinne einstellen, oder – so manche Experten – auf ein sinkendes Exportvolumen. Immer mehr Staaten versuchen, Energieimporte durch lokal gefördertes Öl und Gas zu ersetzen. Trotzdem hat eine Handvoll Staaten weiterhin einige Trümpfe in der Hand – Bahrain gehört beispielsweise zu dieser Gruppe. Diese Länder werden auch weiterhin in der Lage sein, Gas auf dem Seeweg zu exportieren oder an Flüssiggasanlagen an den Küsten Europas zu liefern, auch wenn der erzielte Preis mittelfristig sicherlich sinken dürfte. Doch diese globalen Veränderungen müssen nicht notwendigerweise dazu führen, dass globale Spannungen aufgrund von Energiefragen abnehmen. Auch wenn Ölpreise durch das steigende Gasangebot sinken, sind weiterhin Ölvorräte im Boden zu finden und können gefördert und verkauft werden. China ist bereits heute ein wichtiger Kunde für die ölexportierenden Staaten des Nahen Ostens und kauft beispielsweise in Saudi-Arabien, Angola, Sudan und (bis zum Embargo) im Iran ein. In dem Maße, in dem sich Europa und die USA aus der Region zurückziehen, dürfte der Stern der Chinesen steigen. Und das Land ist interessiert daran, die Profite seines wachsenden Einflusses einzukassieren.

Neues Licht im Dunkel

Eine ähnliche Situation gab es schon einmal: am Kaspischen Meer zu Beginn der 1990er-Jahre. Die einfache Verfügbarkeit von Öl hat den Westen damals glauben lassen, dass man sich einfach im Vorbeigehen bedienen könne. In die Entwicklung des Kaukasus und der „-stan“-Länder jenseits des Kaspischen Meeres wurde kaum Geld investiert. Pakistan, damals angeführt von Ghulan Ishaq Khan, hat sich das entstehende Vakuum zunutze gemacht und für den Westen ein bis heute anhaltendes geopolitisches Dilemma geschaffen: Der westliche Einfluss ging verloren, Terrornetzwerke konnten sich festsetzen und Pakistan wurde zur Atommacht. Es hat viel Aufwand erfordert, die Region wieder neu zu organisieren, zum Beispiel im Zuge der „farbigen“ Revolutionen der vergangenen Jahre. Die Erholung ist immer noch nicht komplett, sondern stellt uns weiterhin vor große Herausforderungen. Der Westen hat zu lange daran geglaubt, dass kaspisches Öl keine Priorität sei – und die Region damit in eine dunkle Zeit gestürzt. Jetzt wieder für neues Licht zu sorgen, ist nicht gerade einfach.

Der Nahe Osten droht zu kollabieren

Wenn der Westen den Nahen Osten heute aufgrund eines „mangelnden Interesses“ aufgibt, ist mit noch weitreichenderen Konsequenzen zu rechnen. Sinkende Ölerlöse dürften die regionalen Spannungen verstärken und revolutionäre Bewegungen hervorbringen, deren Weg nicht zwangsläufig in Richtung Demokratie führt. Der Westen dürfte dann nicht mit aufoktroyierten demokratischen Reformen reagieren, sondern mit der entschlossenen Unterstützung – auch finanziell – für politische Reformen auf Basis der Wünsche der jeweiligen Bevölkerung. Ansonsten könnten die Gesellschaften kollabieren, und ethnische Sektierer könnten die Macht mit Gewalt an sich reißen. Der Westen muss sich zum Nahen Osten bekennen: Ob wir es wollen oder nicht, wir werden auf absehbare Zeit vom Öl abhängig sein, vor allem dann, wenn Schiefergas sich als Eintagsfliege erweisen sollte.

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