Wer nicht denken will, fliegt raus. Joseph Beuys

Die falsche BRICS-Analogie

Ist Deutschland ein heimlicher BRICS-Staat, wie zuletzt immer wieder behauptet? Wohl kaum, sind die Probleme im Verlgeich zu China oder Indien doch gänzlich andere.

Im Februar sorgte Wolfgang Münchau in seiner Financial Times Kolumne für Aufregung, als er vorschlug, dass Deutschland als BRICS-Staat gesehen werden sollte. Vergleichbar mit China oder Indien, verzeichne Deutschland ähnliche Export-Erfolge und könne sich dabei auf seine Firmen verlassen, die von den (relativ) geringen Lohnstückkosten profitieren (ob die Arbeitnehmer das auch so sehen, ist eine andere Frage). Es ist überrascht also wenig, dass in Berichten über die neuerlichen Probleme der BRICS-Staaten ebenso über mögliche Probleme der Deutschen gesprochen wird.

Das würde bedueten, dass es Deutschland in guten wie in schlechten Zeiten ähnlich wie den BRICS-Staaten erginge. Mit genau dieser Frage beschäftigt sich Daniel Altman in seinem ziemlich peinlich betitelten Artikel für Foreign Polics („No Special Sauce on This Currywurst“). Nach den üblichen Lobgesängen auf die Agenda 2010, stellt Altmann die These auf, dass sich Deutschlands Wirtschaftswachstum deswegen verlangsamen könnte, weil die Löhne in den Neuen Bundesländern fast auf dem Niveau der Alten Bundesländer angekommen seien.

Deutschland genießt den Vorteil des Euros

Altmans Analyse ist der klassische Blick auf Wirtschaft, wo alles in Determinismen gesehen wird. Eine Verlangsamung des Wachstums aufgrund von steigenden Arbeitskosten bedeutete das Ende von Italiens Wirtschaftsboom in den Fünfziger Jahren, ähnlich wie es auch Deutschland mit seinem Wirtschaftswunder erging. Nun glaube ich aber nicht, dass dies auf Deutschland im Jahre 2012 zutrifft.

Warum? Ganz einfach: Deutschland ist kein BRICS-Staat. Die Firmen hierzulande sind größer, die Arbeitnehmer besser ausgebildet und so können die Firmen auch Produkte herstellen, die in der Wertschöpfungskette viel weiter oben angesiedelt sind. Deutschland dieser Tage ist in einer ganz anderen Situation als vor 60 Jahren. Damals konnte über die Löhne noch viel mehr Einfluss auf die Lohnstückkosten genommen werden, was hauptsächlich an den halbmaschinell produzierten Produkten lag. Heute machen die Arbeitskosten pro produzierte Einheit ein viel geringeren Anteil aus. Bei Autos sind es gerade mal zehn Prozent. Ähnliches gilt für die Maschinenbau- und die Chemiebranche.

Man darf außerdem nicht vergessen, dass die Arbeitsmarktbemühungen in Ostdeutschland nicht primär der Exportindustrie zu Gute kamen. Obwohl einige Firmen neue Werke in der ehemaligen DDR eröffneten (z.B. BMW und Mercedes) befindet sich der Kern der Exportwirtschaft immer noch in Bayern und Baden-Württemberg. Eine Studie kam 2010 zu dem Ergebnis, dass die fünf ostdeutschen Bundesländer im Jahr Waren im Wert von 3100 Euro pro Kopf exportieren – in Westdeutschland sind es 8000 Euro.

Dazu kommt, dass Deutschland bisher immer noch den enormen Vorteil des Euros genießt. Die BRICS-Staaten können nur teilweise von ihren Währungen profitieren (man denke an Chinas Bemühungen, den Yuan möglichst niedrig bewertet zu halten). Man kann es auf die fehlenden Reformbemühungen der südlichen Länder schieben, Deutschland mit seiner Arbeitslosenquote von 6,5 Prozent profitiert jedenfalls von seinen Bemühungen seit den 1990ern. Auch die Infaltionsrate ist trotz der angespannten Situation in Europa relativ niederig geblieben.

Luxus-BRICS

Die wirklichen Gefahren für Deutschlands Wirtschaft drohen aus dem Ausland. Ein deutlich verringertes Wirtschaftswachstum in den BRICS-Staaten oder in der EU wäre fatal für Deutschland. Da sich die Euro-Frage in der politischen Sackgasse befindet, sollte Deutschland ein erhöhtes Interesse daran habe, die Nachfrage im eigenen Land hoch zu halten – erste Umfragen zeigen, dass der Versuch gelungen sein könnte. Ein weiteres deutsches Interesse sollte sein, noch mehr auf hochwetige Produkte zu setzen und die Herstellungskosten der Produkte (nicht durch die Arbeitskosten) weiter zu senken.

Letztlich also genaus das, was auch China macht. Wenn man den Kreis zu den BRICS-Staaten alos schließen möchte, dann muss man Deutschland schlussendlich als „Luxus-BRICS“ bezeichen: unterschiedliche Probleme zwar, die aber mit den gleichen Lösungen angegangen werden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefano Casertano: Das Problem ist nicht Berlusconi

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