Nirgendwo sieht man so viele Menschen, die öffentlich in Trainingsanzügen rumschlurfen wie in Berlin. Thilo Sarrazin

Im Schwebezustand

Ai Weiwei ist ein freier Mann – und hält die Kommunistische Partei gefangen.

Am 21. Juni endet die Bewährungszeit für den chinesischen Dissidenten und Künstler Ai Weiwei. Er war im vergangenen Jahr wegen Steuerhinterziehung zu 81 Tagen Haft verurteilt worden und musste im Anschluss daran eine Bewährungsstrafe absitzen. Die Behörden wurden auf Weiwei aufmerksam, nachdem er mit einer ganzen Reihe mehr oder weniger expliziter Kunstaktionen das politische System der Volksrepublik als inhuman und unfair gebrandmarkt hatte. Manche dieser Aktionen waren eher subtil, wie beispielsweise im Tate-Modern-Museum in London 2010. Weiwei bedeckte den Boden der großen Eingangshalle mit Millionen von Sonnenblumensamen aus Porzellan (Unilever hat das Ganze gesponsort), auf denen die Besucher herumlaufen konnten (die Samen wurden irgendwann abtransportiert, nachdem Bedenken über die gesundheitlichen Risiken durch Porzellanstaub laut wurden). Während seiner ersten öffentlichkeitswirksamen Performance fotografierte Weiwei sich selbst dabei, wie er chinesische neolithische Vasen auf den Boden fallen ließ oder sie mit Coca-Cola-Logos bemalte. Auf Twitter äußert er außerdem explizit Kritik an der kommunistischen Führung.

Das System ist Teil der Kunst

Seine neu gefundene Freiheit hat Weiwei jetzt zelebriert, indem er ein Foto von sich ins Netz stellte, auf dem er seine Entlassungspapiere auf den Boden wirft. Dann schrieb er in der britischen Zeitung „The Guardian“ einen Artikel, in dem er die emotionale Leere beschrieb, die ihn nach der Entlassung beschlichen hat. Es scheint fast, als ob das Justizsystem zum Teil der künstlerischen Agenda und der Persönlichkeit von Ai Weiwei geworden ist. Er ist der Sohn des Dichters Ai Qing, der während der Kulturrevolution ebenfalls politisch verfolgt wurde und mit dem Ai Weiwei die ersten Jahre seines Lebens in einem Arbeitslager verbracht hat. „Never Sorry“, ein Dokumentarfilm der US-Filmemacherin Alison Klayman über Ai Weiwei, beinhaltet folgende eindrucksvolle Szene: Weiwei ist mit einigen Fans und Bekannten am Trinken, als er in der Nähe ein weißes Auto bemerkt, aus dem heraus er beobachtet wird – natürlich von einem Polizisten in Zivil. Weiwei geht auf den Mann zu und fängt an, ihm Fragen zu stellen. Der Polizist ergreift beschämt die Flucht, während Ai Weiwei sich zur Kamera umdreht und seinen Triumph zelebriert.

Wir kennen diese sonderbare Beziehung zwischen Dissidenten und Offiziellen auch aus anderen Fällen. Während seines siebenmonatigen Hausarrests hat der chinesische Aktivist Hu Jia einen 31-minütigen Film über seine Wächter gedreht, deren Lebensaufgabe es zu sein schien, ihn zu bewachen. Der Film mit dem Titel „Prisoners in the Freedom City“ erinnert uns an das universelle Paradox aller Diktaturen: Gefangene und Wärter pflegen oftmals enge, symbiotische Beziehungen zueinander. George Orwell hat davon in seinem Roman „1984“ geschrieben, und auch der deutsche Film “Das Leben der Anderen” setzt sich mit genau dieser Thematik auseinander. Doch im Vergleich zu anderen Dissidenten hat Ai Weiwei es geschafft, sich eine Reihe von Privilegien zu sichern, die zumindest seine permanente Inhaftierung verhindern.

Er ist eine Ikone der Popkultur und ein offener Verfechter des Kapitalismus in einem (politisch) sozialistischen Staat. Er tritt ein für westliche Moral und Interessen. In seiner „totalen Kunst“, in der das Leben selbst zur Vorführung wird, ist der Kontrast zwischen dem „System“ und der Freiheit des Einzelnen immer präsent.

Munition für Kunst

In Klaymans Dokumentation gibt es eine Szene, in der die chinesischen Behörden ein neues Studio für Ai Weiwei beauftragen. Der Künstler baut sich dann eine Art gotisches Schloss mit kleinem Innenhof – ein architektonisches Spiel, das den Individualismus auf die Spitze zu treiben scheint. Doch Weiwei hat nicht einmal genug Zeit, um sich dort einzurichten, denn die Partei veranlasst die Zerstörung des Studios. Doch anstatt lautstark dagegen zu protestieren, feiert der Künstler die Entscheidung der Behörden mit einem großen Abendessen. Das Ziel ist es, die Absurdität der chinesischen Behörden zu demonstrieren; und die Zerstörung des „Schlosses“ war ein kalkulierter Teil der Handlung.

Weiwei kann China immer noch nicht verlassen. Die Polizei hat angedeutet, dass er seinen Reisepass nicht brauchen werde. Der Künstler ist also immer noch im Schwebezustand zwischen Osten und Westen, während die Behörden weiterhin versuchen, ihn und seine Anhänger durch permanente Untersuchungen zu bändigen. Doch genau das ist die Munition, die Ai Weiwei für seine Kunst benötigt. Chinas Regierung hat nicht realisiert, dass Weiwei im eigenen Land deutlich mehr Schaden anrichtet, als er es aus dem Exil im Westen jemals tun könnte.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefano Casertano: Das Problem ist nicht Berlusconi

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