Im Schwebezustand

von Stefano Casertano23.06.2012Außenpolitik, Wirtschaft

Ai Weiwei ist ein freier Mann – und hält die Kommunistische Partei gefangen.

Am 21. Juni endet die Bewährungszeit für den chinesischen Dissidenten und Künstler Ai Weiwei. Er war im vergangenen Jahr wegen Steuerhinterziehung zu 81 Tagen Haft verurteilt worden und musste im Anschluss daran eine Bewährungsstrafe absitzen. Die Behörden wurden auf Weiwei aufmerksam, nachdem er mit einer ganzen Reihe mehr oder weniger expliziter Kunstaktionen das politische System der Volksrepublik als inhuman und unfair gebrandmarkt hatte. Manche dieser Aktionen waren eher subtil, wie beispielsweise im Tate-Modern-Museum in London 2010. Weiwei bedeckte den Boden der großen Eingangshalle mit Millionen von Sonnenblumensamen aus Porzellan (Unilever hat das Ganze gesponsort), auf denen die Besucher herumlaufen konnten (die Samen wurden irgendwann abtransportiert, nachdem Bedenken über die gesundheitlichen Risiken durch Porzellanstaub laut wurden). Während seiner ersten öffentlichkeitswirksamen Performance fotografierte Weiwei sich selbst dabei, wie er chinesische neolithische Vasen auf den Boden fallen ließ oder sie mit Coca-Cola-Logos bemalte. Auf Twitter äußert er außerdem explizit Kritik an der kommunistischen Führung.

Das System ist Teil der Kunst

Seine neu gefundene Freiheit hat Weiwei jetzt zelebriert, indem er ein Foto von sich ins Netz stellte, auf dem er seine Entlassungspapiere auf den Boden wirft. Dann schrieb er in der britischen Zeitung „The Guardian“ “einen Artikel , in dem er die emotionale Leere beschrieb, die ihn nach der Entlassung beschlichen hat. Es scheint fast, als ob das Justizsystem zum Teil der künstlerischen Agenda und der Persönlichkeit von Ai Weiwei geworden ist. Er ist der Sohn des Dichters Ai Qing, der während der Kulturrevolution ebenfalls politisch verfolgt wurde und mit dem Ai Weiwei die ersten Jahre seines Lebens in einem Arbeitslager verbracht hat. „Never Sorry“, ein Dokumentarfilm der US-Filmemacherin Alison Klayman über Ai Weiwei , beinhaltet folgende eindrucksvolle Szene: Weiwei ist mit einigen Fans und Bekannten am Trinken, als er in der Nähe ein weißes Auto bemerkt, aus dem heraus er beobachtet wird – natürlich von einem Polizisten in Zivil. Weiwei geht auf den Mann zu und fängt an, ihm Fragen zu stellen. Der Polizist ergreift beschämt die Flucht, während Ai Weiwei sich zur Kamera umdreht und seinen Triumph zelebriert. Wir kennen diese sonderbare Beziehung zwischen Dissidenten und Offiziellen auch aus anderen Fällen. Während seines siebenmonatigen Hausarrests hat der chinesische Aktivist Hu Jia einen 31-minütigen Film über seine Wächter gedreht , deren Lebensaufgabe es zu sein schien, ihn zu bewachen. Der Film mit dem Titel „Prisoners in the Freedom City“ erinnert uns an das universelle Paradox aller Diktaturen: Gefangene und Wärter pflegen oftmals enge, symbiotische Beziehungen zueinander. George Orwell hat davon in seinem Roman „1984“ geschrieben, und auch der deutsche Film Das Leben der Anderen , die Ai Weiwei für seine Kunst benötigt. Chinas Regierung hat nicht realisiert, dass Weiwei im eigenen Land deutlich mehr Schaden anrichtet, als er es aus dem Exil im Westen jemals tun könnte.

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