Ein Traum von Meer

von Stefano Casertano16.06.2012Außenpolitik, Wirtschaft

Das neue Ägypten stellt die Energielieferungen nach Israel infrage. Jetzt hat Jerusalem allen Grund, sich nach neuen Partnern umzuschauen. Aus politischen Gegnern könnten so Wirtschaftspartner werden und das Rote Meer dabei eine wichtige Rolle spielen.

Die politischen Entwicklungen in Ägypten gefährden eine wichtige Infrastruktur, die das nordafrikanische Land mit Israel verbindet. Pro Jahr liefert Ägypten durch eine Pipeline bis zu zwei Milliarden Kubikmeter Gas an Israel. Die Pipeline ist ständig von Terrorangriffen bedroht und steht seit einiger Zeit auch in der Öffentlichkeit in der Kritik. Ägypter verstehen nicht, warum ihr Land das Gas mit Preisnachlass an Israel verkauft.

Spielball des Populismus

Solche Rabatte sind jedoch im internationalen Energiegeschäft an der Tagesordnung. Etwa 300 Millionen US-Dollar sind bisher in die Pipeline investiert worden. Ein langfristiger Vertrag mit Preisnachlass ist daher gut dafür geeignet, Verkäufer und Abnehmer aneinander zu binden: Ägypten hat Investitionssicherheit, Israel Preisstabilität. Wie so oft sind die Klauseln des Vertrages im ägyptischen Wahlkampf allerdings verzerrt dargestellt worden und zum Spielball des Populismus geworden. Darüber hinaus ist die Pipeline wieder einmal attackiert worden und aktuell nicht in Betrieb. Aus all diesen Gründen ist es wahrscheinlich, dass Israel seine Energie-Strategie in den kommenden Jahren umstellen wird. Eine Entfernung von Ägypten dürfte die Isolation Israels innerhalb der Region weiter vorantreiben und das Land stattdessen enger an internationale Märkte binden. Israel hat im vergangenen Jahrzehnt bereits gezeigt, dass es zu Richtungsänderungen bereit ist. Und es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass die israelische Regierung ihre Energiepolitik neu ausrichten muss. Bis zur Iranischen Revolution 1979 war Iran der wichtigste Öllieferant Israels. Der Deal war das Ergebnis einfacher Kalkulationen des Schahs in Teheran: Die beiden Länder waren zum damaligen Zeitpunkt die beiden wichtigsten Verbündeten der USA im nahen Osten und daher politisch bereits eng miteinander verbunden. Nachdem die Revolution den Schah entmachtet hatte, musste sich Israel nach anderen Ölquellen umsehen. Heute kommt ein Großteil der Lieferungen über internationale Märkte aus Russland, Mexiko, Kolumbien oder Angola. Israels neue Strategie ist Energieunabhängigkeit. Erreicht werden soll dieses Ziel durch die Erschließung von Gasreserven im Inland, vor allem auf den beiden Feldern „Leviathan“ und „Tamar“. Dort sollen nach Schätzungen insgesamt 700 bis 750 Milliarden Kubikmeter Gas zu fördern sein – das ist so viel, wie Israel in 30 Jahren aus Ägypten geliefert bekäme. Der internationale Markt kann den Rest liefern, und auch in Energiesparprogramme und erneuerbare Energien soll investiert werden. Aus technischer und organisatorischer Sicht sollte uns das israelische Ziel von Energieunabhängigkeit also keine Kopfschmerzen bereiten.

Der Ölpreis fällt

Doch der politische Richtungswechsel hat auch politische Konsequenzen, die uns etwas mehr zu denken geben sollten. Andere Staaten in der Region verändern ihre Energiepolitik ebenfalls und auch die USA bewegen sich in Richtung einer (teilweisen) Energieunabhängigkeit. Die Entdeckung großer Mengen Schiefergas in Nordamerika und die Lieferung von Rohöl aus Kanada hat den Preis für die „WTI“-Rohölmischung (das ist die amerikanische Rohölvariante) 15 Dollar unter den Preis der europäischen „Brent“-Mischung gedrückt. Dazu kommt, dass die Verunsicherung der globalen Märkte insgesamt für einige Preisfluktuationen und -senkungen verantwortlich ist. Im Februar und März dieses Jahres lag der „WTI“-Preis um die 110 Dollar pro Barrel, im Juni waren es plötzlich nur noch 80 Dollar. Das Gleiche gilt auch für die „Brent“-Mischung: In kurzer Zeit ist der Preis von 125 auf 95 Dollar abgesackt. Sollte uns das bekannt vorkommen? Vielleicht. Der bisher größte Preisverfall der Geschichte passierte zwischen 1985 und 1986, als ein Barrel Rohöl bei 10 Dollar die Talsohle erreicht hatte. Verantwortlich dafür waren die Rezession der vorangehenden Jahre (auch dank der Ölkrise der 1970er), eine Ergänzung des Energiemixes durch Erdgas und Atomkraft und vor allem die Erschließung neuer Ölfelder in Alaska, im Golf von Mexiko und in der Nordsee. Heute können wir nicht einfach neue Ölfelder erschließen, sondern verlassen uns primär auf eine Steigerung von Erdgas-Fördermengen. Mittelfristig wird Gas eine immer wichtigere Rolle für unsere Energieversorgung spielen – in den USA ist das derzeit gut zu beobachten. Die Wirtschaftskrise sorgt dann dafür, dass die Nachfrage nicht weiter ansteigt (oder dass, wie in China, zumindest die Wachstumsrate gebremst wird).

Isolation Israels

Zurück zur Politik: Eine Energieunabhängigkeit der USA dürfte auch die Haltung Washingtons zum Nahen Osten nachhaltig verändern. Das dürfte für Israel der wichtigste Aspekt der ganzen Geschichte sein. Da US-Truppen sich aus dem Irak zurückgezogen haben, dürfte die Regierung der USA – geplagt von Geldmangel und dem weiterhin andauernden Einsatz in Afghanistan – versuchen, ihre Verpflichtungen im Nahen Osten zu verringern. Das dürfte die Isolation Israels vorantreiben und dazu führen, dass das Land stärker als in der Vergangenheit dazu gezwungen ist, auf eigenen Füßen zu stehen. Doch noch hat Israel gute Karten in der Hand. Energieunabhängigkeit ist eine davon. Die Gasfelder „Leviathan“ und „Tamar“ sind außerdem gute Ansatzpunkte für Kooperationen mit Griechenland und Zypern in Energiefragen. Und wenn Israel seine politischen Meinungsverschiedenheiten mit der Türkei beerdigen kann, wird auch ein weiteres Projekt wieder realistisch: Der Bau einer Pipeline für den Gasexport durch das Rote Meer. Eine solche Pipeline wäre nicht bloß ein erster Lösungsansatz, sondern das finale Ergebnis, wenn alle Umstände sich zum Vorteil Israels entwickeln.

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