Ich bin kein gemäßigter Sozialist, auch nicht mäßig sozialistisch – ich bin einfach Sozialist. François Hollande

Excellent daneben

Die grauen Eminenzen der Excel-Tabellen haben sich mit dem Facebook-Börsengang kräftig verhoben. Dabei hätten die Banker ein aufpoliertes Image doch so dringend nötig gehabt.

Sehen Sie mir bitte die starken Worte nach, aber der Börsengang von Facebook lässt mich glauben, dass Banker dumm sind. Dabei war der Börsengang für die Banken doch eigentlich eine einmalige, einzigartige Gelegenheit, ihr ramponiertes Image aufzubessern. Es ging schließlich um nichts Geringeres, als die revolutionärste Webseite der letzten vierzehn Jahre (Google wurde 1998 gegründet) an die Börse zu bringen. Die Banken hätten vom Marketing profitieren können, das zu erwarten war, wenn die Durchschnittsfamilie sich Aktien einer Webseite besorgen kann, auf denen heute schon der Durchschnittsmensch – von der Tochter bis zum Opa – überdurchschnittlich viel Zeit verbringt.

Und was haben die Banken gemacht? Mist gebaut. Sie haben versucht, die Tochter und den Opa auszunehmen. Der Preis für die Anteilsscheine war mit 38 Dollar zu hoch und ist daher auch schnell auf 31 Dollar abgesackt. Manche Investoren beklagen auch, dass Morgan Stanley (die Bank, die für das Marketing-Desaster verantwortlich ist) und Facebook negative Informationen unterdrückt hätten, um den Ausgabepreis nicht nach unten zu drücken. Der Vater der Tochter hat sein Geld jetzt verloren und muss sich vom Opa anhören, er sei verschwenderisch damit umgegangen.

Die Menschen unten im Park sind keine Grill-Enthusiasten

Wir können den Vater mit dem Hinweis verteidigen, dass er gar nicht der Schuldige ist. Die Schuld liegt bei Morgan Stanley, und vielleicht auch beim „Chief Financial Officer“ von Facebook, David Ebersman. Er hatte die brillante Idee, die Anzahl der für Privatinvestoren reservierten Anteile kurzfristig nach oben zu setzen und hat damit ein Klima geschaffen, in dem ein Sturzflug der Preise nach dem Läuten der Glocke an der New Yorker Börse geradezu zu erwarten war. Es überrascht, dass kein Berater von Morgan Stanley ihn von diesem Plan abgebracht hat. Eigentlich sollte man doch erwarten, dass es die Aufgabe einer Bank ist, gute Ratschläge zu verteilen.

Banker haben keinen Grund, diese Verantwortung abzulehnen. Marketing ist immerhin sehr eng mit der Finanzwelt verwandt: Beide haben innerhalb der Gesamtwirtschaft eine helfende Funktion. Während die Finanzwelt das Geld bereitstellt, um damit Dinge zu produzieren, stellt das Marketing sicher, dass wir auch Geld für die produzierten Dinge ausgeben. Beide sollten eigentlich der Realwirtschaft dienen. Der Unterschied ist lediglich, dass in der Finanzwelt astronomische Gehälter gezahlt werden, während sich Marketing-Experten mit deutlich weniger zufriedengeben müssen.

Natürlich ist es nicht unsere Aufgabe, Banker um ihre hart erarbeiteten Millionenboni zu bringen. Immerhin haben sie dazu die geradezu heilige Aufgabe übernommen, Zahlen in Excel-Tabellen einzutragen. Aber es drängt sich doch der Eindruck auf, dass die ständige Fixierung auf Computerbildschirme die Finanzwelt etwas blind für das gemacht hat, was vor den Fenstern ihrer glitzernden Paläste passiert. Die Menschen unten im Park sind keine Grill-Enthusiasten und auch keine gestrandeten Rucksackreisenden. Sie sind wütend auf die Banken, und sie wissen, wie Facebook funktioniert. Wenn es das Ziel der Banken war, uns ein weiteres Argument an die Hand zu geben, das den gesellschaftlichen Wert der Finanzwelt infrage stellt, dann haben sie dieses Ziel voll erreicht.

Gleichgewicht zwischen Gier und Kommunikation

Der Facebook-Flop ist nicht der erste fehlgeschlagene IT-Börsengang in der Geschichte. Eine Anwaltskanzlei, die kürzlich von der Nachrichtenagentur Reuters interviewt wurde, hat in den Dot-Com-Jahren Klienten in 300 Fällen vertreten. Schon damals war es nicht gut um Transparenz und Management von Börsengängen bestellt. Doch die Wut auf Banken hat sich zum Anfang des Jahrhunderts noch in Grenzen gehalten. Aktivisten haben lieber gegen den Internationalen Währungsfonds demonstriert als gegen Goldman Sachs. Heute ist das Klima anders: Das Marketing-Versagen fällt in eine Zeit, in der die Gier sowieso am Pranger steht und der Hass auf Banken weit verbreitet ist. Banker sollten sich daher nicht wie die Herren der Welt fühlen, sondern lieber eine Lektion von ihren Kollegen im Marketing lernen: Es gibt ein Gleichgewicht zwischen Gier und Kommunikation.

Viel ist in den Tagen vor dem Börsengang auch darüber geredet worden, ob Mark Zuckerberg seinem Job als Chef einer börsennotierten Firma gewachsen sei. Eine Reihe von Meinungsbeiträgen argumentierte, dass der brillante und ewig im Schlabberlook auftretende Millionär noch nie eine Niederlage erlebt habe und dass es daher schwer vorherzusagen sei, wie er auf wirkliche Schwierigkeiten reagieren würde. Zuckerbergs größte Herausforderung war die Klage der Winklevoss-Brüder, die sich nach einem millionenschweren Vergleich aber wieder glücklich in ihr Ruder-Trainingslager verabschiedet haben. Der fehlgeschlagene Börsengang ist neben einem Bankversagen auch Zuckerbergs großer Fehler: Er hat sich die falschen Geschäftspartner ausgesucht.

Alle Optionen sind jetzt auf dem Tisch. Zuckerberg könnte zurücktreten, einen erfahreneren CEO das Ruder übernehmen lassen und sich auf die Produktentwicklung konzentrieren (so wie Brin und Page es bei Google gemacht haben). Er könnte sich mit wachsender Kritik konfrontiert sehen und aus dem Amt gedrängt werden, so wie es Apple einst mit Steve Jobs gemacht hat. Das ist allerdings aufgrund von Zuckerbergs Aktienanteilen und der allgemein soliden Situation von Facebook sehr unwahrscheinlich. Er könnte auch weiterhin an der Spitze von Facebook bleiben und seine Kritiker mit neuen Erfolgen verstummen lassen.

Facebook ist ein Bildungsroman mit einer milliardenschweren Geschichte und einem fantastischen Erfinder und Manager. Eine Geschichte, die nur interessanter wird durch die Tatsache, dass ein Versagen von Facebook ein jahrelanges Echo nach sich ziehen würde. Herr Zuckerberg: Wir sind hier, um zuzusehen und zu diskutieren.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefano Casertano: Das Problem ist nicht Berlusconi

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