Wir können Gott nicht einfach abschreiben. Martin Walser

Vater Staats Spendierhosen

China gründet sein immer noch beispielhaftes Wirtschaftswachstum unter anderem auf gigantische staatliche Investitionen. Staatskapitalismus nennt sich das. Dieses Modell taugt nicht für die Weltwirtschaft.

Die Zukunft der Weltwirtschaft liegt im Staatskapitalismus – zumindest, wenn wir dem britischen Historiker Eric Hobsbawm Glauben schenken dürfen. Also in dem wirtschaftlichen Modell, das aktuell in China vorgelebt wird: Fünfzig Prozent des nicht-agrarischen BIP wird dort von staatseigenen Betrieben verwaltet. Irgendwie unterstützen wir also alle das Aufkommen dieser neuen Ideologie. Doch der Erfolg wirtschaftlicher und politischer Konzepte hängt nicht unbedingt vom Ergebnis akademischer Debatten ab, sondern von der Entwicklung der Staaten, die diese Konzepte vertreten. Die USA sind immer noch die stärkste Macht, aber der abnehmende Einfluss Amerikas zieht auch einen ideologischen Wandel nach sich. Chinas Geschichte ist im Vergleich das genaue Gegenteil.

Erste Risse in Chinas Fassade

Aber ist das hier wirklich der ganz große Umbruch, der Moment der Geschichte, in dem sich das ideologische Gleichgewicht aus dem Westen nach Asien verlagert? Sollten wir also den Ängsten Glauben schenken, die beispielsweise das Magazin „The Economist“ erst im vergangenen Januar in einem Sonderbericht unter dem Titel „The Rise of State Capitalism“ zusammengefasst hat? Die größte Frage ist, ob China einer Wirtschaftskrise wirklich widerstehen kann. Doch das, was Analysten als „Abschwung“ für den asiatischen Giganten bezeichnen, kann immer noch ein Wirtschaftswachstum von 7,5 Prozent vorweisen. In den USA hat man solche Zahlen seit 1984 fast nicht mehr gehört. Allgemein wird davon ausgegangen, dass China auch künftig mit mindestens vier Prozent pro Jahr wachsen muss, um politisch stabil zu bleiben. Ein solch immenser Staatsapparat lässt sich nun einmal besser rechtfertigen, wenn die Menschen in der Lage sind, sich trotzdem iPads zu kaufen. Wir haben die Möglichkeit eines chinesischen Abschwungs fast komplett ausgeblendet, obwohl die ersten Risse in der sonst glatten Fassade Chinas sichtbar werden.

Viel ist über das Problem einer chinesischen Immobilienblase geschrieben worden (es gibt inzwischen sogar eine eigene Wikipedia-Seite dazu), oder über die inflationär wachsenden Kosten von Arbeit, Rohstoffen und Energie. Aber es wäre falsch, nur die wirtschaftliche Dimension der chinesischen Probleme zu beleuchten und die politische Komponente zu vernachlässigen. Auch wenn Staatskapitalismus oft als aufkommende Ideologie bezeichnet wird, hat China immerhin schon mehr als zwanzig Jahre Erfahrung damit. Wir sehen heute allerdings Probleme, die typisch sind für staatliche Projekte: Effizienz und intelligente Investitionsentscheidungen werden oftmals für persönliches Prestige und bürokratische Sturheit geopfert. Staatliche Planer maßen sich an, zu wissen, was am besten sei. Das ist ein generelles Problem, das allerdings dadurch verschärft wird, dass persönliches Machtstreben oftmals dazu führt, dass „ambitionierte“ Projekte auf Kosten der Allgemeinheit durchgesetzt werden. Chinas BIP-Wachstum wird vor allem von Infrastrukturprojekten getrieben (45,5 Prozent des BIP), während der private Konsum immer noch hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Es zeigen sich Auflösungserscheinungen

Der jüngste Skandal um Bo Xilai, Vorsitzender der Kommunistischen Partei in der boomenden Metropole Chongqing, ist repräsentativ für tief sitzende Probleme. Unter seiner Führung fuhr Chongqing von 2007 bis 2011 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 15,8 Prozent ein. Selbst im Vergleich mit der Provinz Guangdong (mit der Chongqing im Wettstreit steht, und deren durchschnittliches Wachstum immerhin bei 11,5 Prozent lag) sind das beeindruckende Zahlen. Doch Infrastrukturinvestitionen sind in Chongqing für 76,2 Prozent der Wirtschaftsleistung verantwortlich. Welcher Analyst würde heute schon darauf wetten, dass die damit gebauten Häuser und Brücken auch in der Zukunft noch produktiv sind? Genauso wie die Hochfinanz zeigen sich auch im Staatskapitalismus Auflösungserscheinungen, wenn Egos eine größere Rolle zu spielen beginnen als langfristige Planung. Chinesische Parteigrößen dürften dann unter Umständen genauso enden wie einst die sowjetischen Generäle: Mit Staatsgeldern hatte die Führung der Roten Armee damals ihre Waffenbestände ausgedehnt und sich politische Macht zu sichern versucht – und dabei dringend benötigte Gelder verschwendet.

Zukunft lässt sich nicht extrapolieren

Der größte Fehler, den wir heute machen können, ist es, China nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu bewerten. Denn eine Wirtschaft kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie in Politik und Gesellschaft eingebettet ist. Das Beispiel Japans aus den 80er-Jahren sollte als Warnung vor zu viel Wachstumsoptimismus genügen. Zwei einflussreiche US-Ökonomen aus Harvard und Stanford veröffentlichten 1981 ein Buch unter dem Titel „The Art of Japanese Management“, in den sie schrieben: „Im Jahr 1980 war Japans BIP das drittgrößte weltweit. Wenn wir aktuelle Trends extrapolieren, wird Japan im Jahr 2000 das wirtschaftsstärkste Land der Erde sein.“

Doch diese Hochrechnung hat weder die japanische Immobilienblase noch das Erstarken Chinas mit in die Kalkulation einbezogen. In den frühen 1980ern war Tokio die größte Bedrohung für die Vormachtstellung des Westens, denn „Japan hat seine Dominanz auf eine Industrie nach der anderen ausgedehnt … Japan hat trotz steigender Ölpreise eine niedrige Inflation, hat seine Produktivität gesteigert, und ist nach den meisten Einschätzungen in den letzten fünf Jahren im internationalen Handel so wettbewerbsfähig gewesen wie niemals zuvor.“ Die gleichen Worte könnten wir heute benutzen, um die Situation Chinas zu beschreiben. Doch die Zukunft lässt sich daraus nicht einfach extrapolieren, im Guten wie im Schlechten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefano Casertano: Das Problem ist nicht Berlusconi

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