Wer sich nicht verbiegt, muss auch mit Kritik leben. Björn Böhning

Spekulation mit der Angst

Der Preis für Öl und damit Benzin wird wieder sinken – für diese Vorhersage braucht es keine Glaskugel, sondern nur einen rationalen Blick auf den Markt.

Die Ölpreise werden sinken. Das ist keine schwarze Magie, sondern das Ergebnis geopolitischer und industrieller Tatsachen. Die amerikanische „WTI“-Rohöl-Mischung kostet heute etwa 105 Dollar pro Barrel, während die europäische „Brent“-Mischung mit 125 Dollar deutlich teurer zu Buche schlägt. Die Konflikte im Nahen Osten haben ihre Spur hinterlassen: Immerhin kommt etwa ein Drittel des weltweit geförderten Öls aus der Konfliktregion. Die Kosten der aktuellen Spannungen zwischen Iran und Israel haben sich direkt im Preis niedergeschlagen: Die Differenz zwischen heutigen Preisen für WTI-Öl und den Preisen am Terminmarkt (bei dem man beispielsweise heute schon für ein Barrel Öl bezahlt, das erst 2018 geliefert wird) liegt bei atemberaubenden 30 Dollar.

Je länger man zu warten bereit ist, desto billiger wird das Öl. Wenn wir Inflation und den Schluckauf der Finanzmärkte grob herausrechnen, können wir sagen, dass die Kosten der aktuellen Spannungen also mit etwa 30 Dollar pro Barrel beziffert werden können. Oder, anders ausgedrückt: Mit Angst lässt sich gut spekulieren. Investoren kaufen Öl-Optionen nicht nur auf, um ordentlich Kasse zu machen (das auch), sondern um sich gegen den Ausbruch eines neuen Konfliktes zu wappnen.

Irak und Libyen fördern mehr

Andere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle und lassen uns auf sinkende Preise hoffen. Einige ölproduzierende Länder sind entweder wieder am Fördern oder schlagen sich unerwartet gut. In Libyen hat die Fördermenge einiger Unternehmen schon wieder den Wert von vor 2011 erreicht. Schätzungen gehen davon aus, dass die tägliche Fördermenge von derzeitig 1,6 Millionen Barrel auf bis zu drei Millionen Barrel im Jahr 2020 ansteigen könnte. Auch im Irak boomt die Ölindustrie. Im Dezember 2011 hat das Land ein 20-Jahres-Hoch bei der Produktion erreicht: Drei Millionen Barrel pro Tag wurden gefördert. Ölminister Noor Al-Maliki hat kürzlich angekündigt, dass diese Zahl in der Zukunft auf 13 bis 14 Millionen Barrel anwachsen könnte. Das ist nur realistisch, wenn neue Ölreserven entdeckt werden – eine Wunderlampe für den Irak –, aber selbst eine konservative Schätzung von sieben Millionen Barrel pro Tag würde eine Absenkungen der weltweiten Ölpreise bewirken.

Auch in anderen Teilen der Welt kommt die Ölindustrie in Schwung. In Angola hat das Ende des jahrelangen Bürgerkriegs dazu beigetragen, dass die tägliche Fördermenge von 0,7 auf mehr als zwei Millionen Barrel gestiegen ist. Positive Entwicklungen werden auch aus Südamerika und Zentralasien gemeldet. Und auch der Mittlere Westen der USA fördert wie verrückt – so stark, dass die Zeitung „The Globe and Mail“ der Region kürzlich den Spitznamen „Saudi-Amerika“ verpasst hat.

Kein Schmetterlingseffekt beim Gas

Und dann dürfen wir auch die Gasindustrie nicht vergessen. Gas aus Schiefergestein hat in letzter Zeit für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Anders als „traditionelles“ Gas – das in konzentrierten Vorkommen beispielsweise unter dem Meeresboden zu finden ist – ist diese Form von Gas in porösem Schiefergestein unter großen Landmassen gelagert. Wenn man es schafft, das Gestein mit Druck anzubohren und das Gas aus dem Schiefer herauszulösen, kann es profitabel gefördert werden. In den USA gibt es große Vorkommen – und immerhin 25 Prozent der US-Energieversorgung basieren auf Gas. Noch vor zehn Jahren hat Schiefer-Gas nur zwei Prozent zur jährlichen US-Fördermenge beigetragen, heute liegt der Anteil bei 30 Prozent. Die neuen Gasvorkommen und Fördertechniken erklären zumindest teilweise die Differenz von 20 Dollar pro Barrel zwischen der amerikanischen und der europäischen Ölmischung.

Wird sich die Steigerung der amerikanischen Gas-Fördermengen auch auf europäische Gaspreise auswirken? Eher nicht. Gas wird nach wie vor in lokalen oder regionalen Märkten gehandelt, der Transport über große Distanzen hinweg ist aufwendig und teuer. Im Vergleich dazu ist der Ölmarkt global deutlich stärker integriert. Der Schmetterlingseffekt findet beim Gas eigentlich nicht statt: Ein Schmetterling, der in den USA mit seinen Flügeln schlägt, wird in Europa keinen Sturm verursachen (es müsste schon ein enorm großer Schmetterling sein, um überhaupt einen Effekt zu erzielen). Außerdem verstehen wir immer noch nicht ganz genau, wie Gas- und Ölpreis eigentlich zusammenhängen. US-Investoren haben begonnen, weniger WTI-Öl zu kaufen. Sie sind überzeugt, dass wir künftig verstärkt auf Gas setzen werden und weniger Rohöl in westliche Länder importieren müssen – ein Fall von rationaler Spekulation.

Weniger Spielraum für alternative Fördermethoden

Wichtiger als Schiefer-Gas ist daher die Entwicklung bei alternativen Ölvorkommen und Fördertechniken. Nachdem die OPEC-Staaten über Jahre hinweg den Druck erhöht haben – und zum Teil bis zu 97 Prozent der Profite für sich beansprucht haben – suchen Investoren heute nach alternativen Ölquellen. Öl in Schiefergestein oder Sand – sogenannter „Teersand“ – hat den Vorteil, dass es meistens in politisch stabilen Regionen der Welt zu finden ist: im schläfrigen Norden von Kanada, in der Wüste von Kasachstan und in den Weiten Russlands. Auch in Venezuela gibt es große Vorkommen – und Commandante Hugo Chavez ist erpicht darauf, auch weiterhin 40 Prozent der nationalen Fördermenge in die USA zu exportieren. Das dürfte sich auch mit neuen Fördertechniken nicht ändern.

Eine Einschränkung zum Schluss: Wenn traditionelle Fördertechniken wachsen, bleibt weniger Spielraum für den Ausbau alternativer Fördermethoden und für die Erkundung neuer Vorkommen. Und auch die hohen finanziellen Kosten und Umweltfragen sollten wir nicht vergessen. Unkonventionelle Ölvorkommen sind gewissermaßen eine „alternative Energie“ in Zeiten von Förder-Engpässen, um exzessive Preisanstiege zu vermeiden. Wenn sich die Lage wieder beruhigt – das wird sie tun – verlieren sie auch wieder an Attraktivität. Es gibt Schöneres, als Teersand zu sieben oder Schiefergestein zu zertrümmern.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefano Casertano: Das Problem ist nicht Berlusconi

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