Wir wollen Kanzler. Andrea Nahles

Schlecht geschmiert

Europa lässt die Chinesen russisches Öl anzapfen – damit Peking nicht bei den Iranern kauft. Doch der so entstehende wirtschaftliche Druck auf Teheran ist teuer erkauft; auch wenn Moskau sich als Freund des Westens präsentiert.

In der Ölindustrie wird selten über Preise geredet, sondern primär über das, was man aus dem Boden fördert. Es gibt gutes Öl, das leichter in Raffinerien zu verarbeiten ist und aus dem sich hochwertige Treibstoffe wie Kerosin herstellen lassen. Und es gibt Öl, das viele Verschmutzungen beinhaltet und teuer in der Verfeinerung ist. Die sogenannte „Brent“-Ölmischung, die normalerweise in Europa und im Nahen Osten gefördert wird, gehört meist zur ersten Kategorie. Die „Ural“-Mischung gehört zur zweiten. Man kann also davon ausgehen, dass Brent-Öl meistens teurer ist als Ural-Öl; das ist bisher auch immer so gewesen.

In letzter Zeit hat sich das Preisverhältnis jedoch umgekehrt: Ural-Öl war zum ersten Mal teurer als andere Mischungen aus dem europäischen Raum und dem Nahen Osten. Warum? Nehmen wir einmal an, dass man Öl als Thermometer für internationale Politik benutzen kann. China kauft mehr Öl aus Russland und verringert seine Abhängigkeit vom Iran. Das ist die Konsequenz einer Geopolitik, die ich bereits vor zwei Wochen an dieser Stelle diskutiert habe: Die Lösung für die iranische Atomkrise ist an der russisch-chinesischen Grenze zu suchen.

Russland oder Iran – das ist die Gretchenfrage

China hat sich also scheinbar entschlossen, Teheran die kalte Schulter zu zeigen. Bisher war die Regierung in Peking der wichtigste Importeur des iranischen Öls, knapp 20 Prozent der iranischen Ölexporte wurden nach China verschifft. Neben Russland freuen sich übrigens auch die Saudis über die Einkaufstour der Chinesen. Die Regierung in Riad hat ihre nationale Ölproduktion um 200.000 Barrel pro Tag nach oben gefahren und bedient damit vor allem die Nachfrage aus Asien. Das Szenario ist eindeutig: Damit China einer Drosselung seiner iranischen Ölimporte zustimmt, hat sich die internationale Gemeinschaft dazu durchgerungen, Peking mit fossilen Brennstoffen von anderswo zu versorgen.

Gleichzeitig trägt die Situation dazu bei, Russland als Garanten von Energiesicherheit zu rehabilitieren. Es gibt viel an der Lage der Menschenrechte in Russland zu bemängeln, doch bei diesem Thema zeigen sich positive Tendenzen. Zwar wird viel über russische Machtspiele diskutiert, die beispielsweise zu einem Exportstopp von Öl und Gas nach Europa führen könnten, doch die aktuellen Exporte nach China deuten auf ein anderes Bild. Wenn es zählt und sich lohnt, ist Russland bereit, energiepolitische Verantwortung zu übernehmen.

Teure Zusammenarbeit

Es wäre nicht das erste Mal. Während der Suez-Krise 1956 hatte der ägyptische Präsident Nasser die brillante Idee, den Kanal durch das gezielte Versenken einiger Schiffe zu blockieren. Plötzlich waren 50 Prozent der Öllieferungen aus dem Nahen Osten nach Europa eingefroren. Russland sprang in die Bresche und kompensierte einen Teil der Nachfrage. Während der Ölkrise der 70er-Jahre war Russland der Stachel im Fleisch der OPEC – ohne die von Moskau organisierten Lieferungen hätten die ölfördernden Nationen die europäische Wirtschaft an die Kandare legen und nachhaltig schädigen können. In den 90er-Jahren führte die Erholung der russischen Wirtschaft dazu, dass sich die Preise über Jahre hinweg auf einem stabilen Niveau einpendelten. Wenn Joseph Stiglitz also ein Buch über die „Goldenen Neunziger“ schreibt, muss er sich zumindest teilweise beim Kreml bedanken.

Natürlich würden wir ohne das iranische Regime auf jeden Fall besser dastehen – vor allem, wenn Teheran endlich seine nuklearen Ambitionen aufgeben würde. Die neue Dynamik aus Angebot und Nachfrage fossiler Brennstoffe treibt die Ölpreise gefährlich nach oben. Die Ölmischung, die in den USA gehandelt wird – bekannt als „WTI“ – kostete am 20. Februar 105 Dollar pro Barrel. Die europäische Brent-Mischung lag zur gleichen Zeit bei 120 Dollar. Für die Weltwirtschaft ist die russisch-chinesische Zusammenarbeit teuer erkauft.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefano Casertano: Das Problem ist nicht Berlusconi

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