Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Ludwig Wittgenstein

Balkan in Syrien

Der Westen kann sich nicht zu einer Intervention in Syrien durchringen – jetzt dominieren die Interessen von Teheran bis Beirut die Situation im Land. Die Balkanisierung und ein langer Krieg drohen.

Ein Teil der Lethargie des Westens in Bezug auf Syrien verlangt nach nationalen Erklärungen. 2012 finden mehrere wichtige Wahlen statt; und das Stühlerücken hat in den jeweiligen Hauptstädten bereits begonnen. In den USA und in Frankreich werden neue Staatsoberhäupter gewählt. Die derzeitigen Präsidenten (die sich beide zur Wiederwahl stellen) haben Angst, die eigenen Bürger durch ungewisse und teure Militäreinsätze zu verschrecken. Das russische Politik-Karussell hat sich zwar bereits zu Ende gedreht, doch die Menschen dort sind zu beschäftigt damit, sich vor dem Zorn des neuen Zaren Putin in Sicherheit zu bringen, um sich ernsthaft für die Ereignisse in Damaskus zu interessieren. Russische Bürokraten versuchen aktuell, sich vor der Vereidigung Putins im Mai noch einen der freien Stühle im Kreml zu sichern. Auch in China steht ein Umbruch bevor. Wen Jiabao, der uncharismatischste politische Führer nach UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, wird schon bald die Macht an den derzeitigen Vize-Premier Li Keqiang übergeben.

Interessen von Teheran bis Beirut

Syrien ist in ein komplexes Netzwerk aus politischen Interessen eingebettet, das von Teheran bis nach Beirut reicht. Solange die dortigen Führer ihre nationalen Probleme nicht gelöst haben, bleibt die Pattsituation bestehen und die Syrier sind ihrem Schicksal überlassen.

Es ist bereits mehrfach daran erinnert worden, dass eine Intervention in Syrien zu weiterer politischer Unsicherheit führen würde – auch wenn es gewichtige moralische Gründe dafür gibt (zum Beispiel den Willen, den Mafioso Assad davon abzuhalten, die eigene Bevölkerung umzubringen). Wenn der Westen interveniert, dürfte das die Sunniten innerhalb Syriens stärken und könnte dazu führen, dass Schiiten und andere Minderheiten künftig keinen politischen Einfluss mehr haben. Das wiederum würde dann dazu führen, dass sich die schiitische Hisbollah aus dem Südlibanon und die iranischen Schiiten gegen Syrien stellen – Iran wiederum hat einflussreiche Verbündete in Moskau.

Nehmen wir daher einmal an, dass Assad gewinnt. Er würde nur zu gerne weitere Unterstützung aus Russland annehmen und gemeinsam mit dem Iran weiter als Stachel im Fleisch des Nahen Ostens agieren. Zehntausende Menschen würden unter Repressalien zu leiden haben. Das syrische Regime würde innerhalb der Landesgrenzen den ultimativen Polizeistaat aufbauen.

Ausgang unsicher

Doch auch wenn der Westen interveniert, sind die Konsequenzen alles andere als rosig. Nehmen wir einmal an (auch wenn es derzeit unwahrscheinlich erscheint), dass die Rebellen am Ende die Oberhand haben. Bevor die Rebellen Damaskus erreichen, dürfte Assad sich in den Iran absetzen. Seine Frau käme zur Not sicherlich als Praktikantin bei der Modezeitschrift „Vogue“ unter, bei der sie bekanntlich sehr beliebt ist. Die Rebellen würden ein sunnitisches Regime errichten und ehemalige Verbündete belohnen: Saudi-Arabien, sunnitische Organisationen und – so hört man – auch Gruppen wie al-Qaida.

Wir erleben daher momentan die Balkanisierung des Konflikts: gute, saubere Lösungen gibt es nicht. Doch anders als auf dem Balkan in den 90er-Jahren wird dieses Mal kein NATO-Bombardement helfen, den offenen Konflikt zu beenden. Dazu wird es Jahre brauchen. Angeblich sind bereits 10.000 Menschen unter den Augen der internationalen Gemeinschaft gestorben – die gleiche Gemeinschaft, die sich weiterhin nicht zu einer Intervention durchringen kann.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefano Casertano: Das Problem ist nicht Berlusconi

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