Nirgendwo sieht man so viele Menschen, die öffentlich in Trainingsanzügen rumschlurfen wie in Berlin. Thilo Sarrazin

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Europa guckt gebannt auf Berlin und den wirtschaftlichen Erfolg der Deutschen. Der Wunsch nach Wachstum ist groß, das teutonische Modell lässt sich aber nicht ohne Weiteres kopieren.

Europas wirtschaftspolitische Diskussion wird von einem paranoiden Mantra dominiert: Lässt sich das „deutsche Modell“ auf andere Ländern übertragen, um dieselben beneidenswerten wirtschaftlichen Resultate zu erreichen? Deutschland weist beeindruckende Wachstumsraten vor – 3,7 Prozent 2010 bzw. 3 Prozent 2011. Und es wird erwartet, dass dieses Wirtschaftswachstum auch 2012 anhält – dem vermeintlichen Jahr der Maya-Apokalypse. Die Arbeitslosigkeit pendelt zwischen sechs und sieben Prozent und regt somit das Konsumverhalten der Verbraucher an. Außerdem war Deutschland das erste Land in Europa, das sich in seiner Wirtschaftsstrategie stark auf Asien konzentrierte, und somit unternehmerische Präsenz und Wissen bereits Jahre vor allen anderen aufgebaut hat.

Der Protest hat eine Kant’sche Wende genommen

Das ist nur eine kurze Liste der jüngsten Wirtschaftsleistungen Deutschlands. Jede Erfolgsperiode bringt natürlich auch Missstände mit sich; und wir sollten die negativen Seiteneffekte der aktuellen deutschen Wirtschaftsreformen nicht herunterspielen: Die Einkommensunterschiede sind gestiegen. Die Lebenshaltungskosten in Deutschland gehen nach oben, und die Invasion von Touristen hat in einigen Städten zu heftigen „Anti Tourismus“-Demonstrationen der Bewohner geführt. Der Protest hat eine Kant’sche Wende genommen, als 2011 in Berlin-Kreuzberg Anwohner und Touristen gemeinsam gegen die steigenden Immobilienpreise demonstriert haben.

Bislang bemühen sich Analysten, auf die Tugenden des deutschen Wirtschaftsmodells hinzuweisen: langfristige Planung, ein Fokus auf Forschung und Bildungsinvestitionen, Industrie statt Finanzwirtschaft und eine angemessene Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt – obwohl einige Gewerkschaften sie als „zu angemessen“ beschreiben würden. Die entscheidende Frage lautet: Kann diese Mischung in anderen europäischen Ländern funktionieren? Nein. Das Modell könnte funktionieren, wenn die anderen Länder wie Deutschland wären. Aber weil sie anders sind, würde es schlicht nicht reichen, das deutsche Modell von oben aufzuoktroyieren.

Teutonische Effizienz

Fernab der gewöhnlichen Tautologien gibt es dafür drei wesentliche Gründe. Der erste Grund, warum ein „Copy and Paste“ nicht funktionieren würde, ist, dass Deutschlands Erfolg nicht an einem Tag entstanden ist. Im US-Magazin „The Daily Beast“ erinnert uns Andy Kessler daran, dass „Deutschlands industrielle Ikonen – Mercedes, BMW, Siemens, ThyssenKrupp – in den achtziger Jahren entstanden sind. Die teutonische Effizienz dieser Industriegiganten kann nicht einfach auf moderne wissensbasierte Wirtschaftszweige übertragen werden. Trotzdem sind es diese großen Unternehmen, die Deutschlands Expansion auf den asiatischen Märkten angeführt haben. Sie machen noch immer große Profite – außer ThyssenKrupp, das nicht zu Kesslers spitzer Bemerkung passt. Solche unternehmerischen Champions lassen sich nicht über Nacht entwickeln.

Der zweite Grund ist, dass eine breite Reihe von Arbeitsmarktreformen – wie sie in Deutschland seit 2000 umgesetzt wurden –, von der politischen Führung einige Opfer einfordern. Gerhard Schröders Amtszeit als Bundeskanzler ging zu Ende, als er flexible Tarifverträge und eine Verringerung der Sozialausgaben durchsetzen wollte. Die Arbeitslosigkeit blieb damals unverändert hoch und Reformen wurden schlecht verwaltet. Doch das vergangene Jahrzehnt war auch eine Wendezeit für Deutschlands nationale Identität, in der sich das Land mit der eigenen Wiedervereinigung arrangiert hat. Für die Politik bot sich die Möglichkeit für weitreichende Sozialreformen, die die deutsche Regierung ausgenutzt hat.

Es braucht Elite mit Vision

Der dritte Grund ist, dass die grundlegenden Machtstrukturen in Europa in Stein gemeißelt sind. Sogar in einem einheitlichen Markt, einer Währungsunion (und unter dem Deckmantel der politischen Koordination) ist es normal, dass eine Region gegenüber den anderen die Oberhand gewinnt. Dieser Machtunterschied lässt sich nicht einfach überspringen. Innerhalb Europas sind es oftmals nicht einzelne Länder, sondern Regionen, die sich als wirtschaftliche Motoren hervortun: in Deutschland beispielsweise der produktive Südwesten, von Bayern bis zum Ruhrgebiet. Eine Verlagerung dieser Regionen verändert heute die Landkarte Europas: Produktion konzentriert sich eher auf Polen und andere osteuropäische Länder als auf Italien, Frankreich oder Griechenland.

Obwohl das deutsche Modell nicht als Ganzes nachzubauen ist, kann Deutschland dennoch bis zu einem gewissen Grad als Vorbild für Veränderung fungieren. Langfristige Visionen und Investitionen in Bildung bewahrheiten sich als wichtige Hebel für Wachstum. Statt einem bloßen „Copy and Paste“ des deutschen Modells sollten sich die Staaten der Euro-Zone überlegen, wie sie besser in die von Deutschland geführten Wirtschaftsstrukturen integriert sein können – indem sie Komponenten für hochwertige Produktionen liefern, notwendige Investitionen in Infrastruktur anpassen, Deutschland direkte Investitionen in ihrem Staatsgebiet erlauben – und umgekehrt.

Um all dies zu erreichen, brauchen die Länder eine verantwortungsvolle Elite mit einer Vision. Auch normale Bürger sind darin einbezogen: Die Menschen bekommen keine besseren Politiker als die, die sie fordern – und deutsche Politiker unterliegen einer andauernden und sorgfältigen Kontrolle durch Journalisten und Nachrichtenleser.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefano Casertano: Das Problem ist nicht Berlusconi

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