Ein Land im Dornröschenschlaf

Stefanie Müller10.06.2011Gesellschaft & Kultur, Politik

Viel reden hilft mitunter wenig. Nach den Protesten in Spanien muss jetzt der wirkliche Wandel einsetzen. Kirchen, Medien und Parteien sollten sich ihrer Verantwortung bewusst werden. Es gibt nur eine Richtung: Nach vorne!

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Die Proteste der Spanier, die genug haben von Profitgier, Korruption und einer parteiischen Justiz, sind ein wohltuender Anfang der Demokratisierung der seit zehn Jahren fast schlafenden neureichen spanischen Gesellschaft. Bis 1980 wurde nicht viel diskutiert, welche Demokratie Spanien braucht und was falsch gelaufen ist in der eigenen Geschichte. Der König und die Übergangsregierung “wollten keine alten Wunden aufreißen”:http://www.youtube.com/watch?v=n1ksCBF-wag, sondern das friedliche Ende eines autoritären Regimes und den Beginn eines freiheitlichen Systems einleiten. Somit wurde die spanische Justiz nicht von Franco-Anhängern gesäubert, die Statuen zu seinen Ehren wurden nicht entfernt. Der dann lange regierende sozialdemokratische Premier Felipe González wollte keinen neuen Konflikt zwischen Republikanern und Franco-Anhängern heraufbeschwören. Spanien trat somit ohne Vergangenheitsbewältigung der EU bei, wurde jedes Jahr sichtlich reicher und stellte sich nicht mehr viele Fragen darüber, warum.

Nach dem „Warum“ wird nicht gefragt

Dann kam 1996 eine neue Regierung an die Macht, die konservative “Partido Popular”:http://www.pp.es/, wo sich auch viele Franco-Anhänger und sogar ein ehemaliger Minister des Diktators, Manuel Fraga, zu Hause fühlten. Spanien wurde unter der Regierung von Aznar mit zunehmend schnellem Tempo reich, viele Spanier machten ein regelrechtes Vermögen mit dem Kauf und Verkauf von Apartments. Spanische Banken und die Regierung rieben sich die Hände. Spanien galt als Vorzeige-Ökonomie. Rasant nahm aber auch die Schattenwirtschaft zu sowie Schmiergeldzahlungen zwischen Gemeinden und Bauträgern. Dass ein Teil der spanischen Bevölkerung „jetzt wirkliche Demokratie“ fordert, scheint deswegen logisch, aber sie ist nicht das wirkliche Problem. Mit mehr Transparenz und Beteiligungsmöglichkeiten der Bürger sind die soziostrukturellen und wirtschaftlichen Probleme dieses Landes nicht behoben. Dass man, um Arbeit zu finden, auch mal in einer anderen Stadt leben muss, fern von den Eltern, hätten viele seiner Altersgenossen nicht verstanden, sagt der 36-jährige Finanzanalyst Borja Mateo. Mateo kommt aus dem Baskenland, er hat in Deutschland gelebt und arbeitet in London. Er kann nicht richtig nachvollziehen, dass „Democracía Real Ya“ versucht, eine globale Bewegung zu werden, und in London und anderen Städten zur Revolte aufruft, wo doch vor der Haustür so viele Probleme sind, die mit dem globalen System wenig zu tun haben, sondern mit einer „unverantwortlichen Profitgier aller Spanier und einer unglaublichen Bequemlichkeit“. Diese hat auch das Ausbildungssystem erfasst, wo nur noch auswendig gelernt wird, aber nicht nachgedacht. Ein Heer von Theoretikern entsteht, welche wenig neue Ideen in die Wirtschaft einbringen.

Die Eliten wandern ab

Wenn der gesellschaftliche Wandel, der auch von „Democracía Real Ya“ gefordert wird, nicht beginnt, dann werden immer mehr talentierte Spanier ins Ausland gehen und der Ausweg aus der Krise noch länger dauern. Die Proteste und die dadurch angeregten Debatten sind notwendig, aber jetzt muss das ganze Land schnell anpacken, um aus der schwersten Krise der spanischen Demokratie einen Ausweg zu finden, der dauerhaft ist und nachhaltig. Damit jedoch ein wirklicher Wandel stattfinden kann, müssen gemäß des spanischen Rechtsanwalts Juan Moreno Luque auch die spanischen Medien mitmachen: „Es muss endlich mal in den Zeitungen stehen, welche spanische Firmen unmoralisch verhandeln, egal wie wichtig ihr Anzeigenvolumen ist. Bei uns im Land ist nichts mehr unabhängig. Selbst in den Familien passt man seine Meinung an. Das muss sich ändern.“

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