Eine Kopie ist nie so gut wie das Original

Stefan Wolpers19.10.2011Politik, Wirtschaft

Kann Berlin ein neues Silicon Valley werden? Nicht auf absehbare Zeit, denn es fehlt dafür etwas Essenzielles.

Ich denke dabei weniger an die Unsummen, mit denen das Pentagon zur Zeit des Kalten Krieges die Grundlagen- und Auftragsforschung an den kalifornischen Universitäten gepäppelt hat. Der Flecken heißt deswegen heute ja auch nicht Social Media Valley, sondern ist nach einer wichtigen Zutat für Waffensysteme aller Art benannt. Es geht auch nicht um die sehr deutsche Klon-Debatte (oder den daraus vermeidlich resultierenden Mangel an Kreativität), die den meisten US-Entrepreneuren und -Investoren in ihrer hochstilisierten Grundsätzlichkeit so oder so unverständlich ist. Jedes Start-up ist mehr oder weniger ein Remix von Technologien und/oder Geschäftsmodellen – bei Automobilen stört sich auch niemand daran, dass diese in der Regel vier Räder haben.

Deutschland steht sich selbst im Weg

Es fehlt etwas anderes und genau genommen steht sich die deutsche Mentalität in diesem Fall wieder einmal selbst im Weg. Ein ukrainischer Einwanderer, mittlerweile ein US-Bürger, hat das Problem, welches Berlins Potenzial so limitiert, einmal wie folgt umschrieben: bq. The very first company I started failed with a great bang. The second one failed a little bit less, but still failed. The third one, you know, proper failed, but it was kind of okay. I recovered quickly. Number four almost didn’t fail. It still didn’t really feel great, but it did okay. Number five was PayPal. Bei dem Herrn handelt es sich um Max Levchin, den ehemaligen CTO von PayPal. und seine Worte stammen von der “FailCon 2009”:http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=114271856 – einer undeutschen Konferenz, die sich nur um das Scheitern dreht. Womit wir das Fehlende identifiziert haben: Während sich in unserem Land Selbsthilfegruppe wie die “Anonymen Insolvenzler”:http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,786368,00.html formieren, bezieht das Silicon Valley aus diesem Phänomen seine Stärke, wie es “Steve Blank formuliert”:http://gigaom.com/2011/03/27/steveblank/: bq. The biggest thing that makes this area technology cluster is, you know what we call a failed entrepreneur in Silicon Valley? Experienced. Nowhere else in the world do we say that. Anywhere else in the world if you failed you embarrassed your family, your community, your state. Not here. Failure is accepted as experience. And that changes this culture. Screwed it up? Great, as long as you don’t blame it on someone else and you say: listen, let me tell you what I learnt. I’ll never do that again. You can play this game forever here. Step outside the Bay Area and try that anywhere else in the United States – let alone anywhere in the world – and you’ll never get another job.

Ein Kapitän geht nicht mehr unter

Für Berlin bedeutet dies zweierlei: (1) Der Versuch, das Valley kopieren zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt – die Verdichtung von Menschen, Ideen und (etwas) Kapital an einem Ort ist für die Clusterbildung notwendig, aber nicht hinreichend. Hierzu bedarf es (2) noch einer Änderung unseres kulturellen Selbstverständnisses über die sprachliche Trennung von Schuld („debt“) und Schuld („guilt“) hinaus: Im 21. Jahrhundert geht der Kapitän mit seinem havarierten Schiff nicht mehr unter und gehört ebenfalls nicht mehr in einen (virtuellen) Schuldturm. Wir sollten m.E. ganz pragmatisch damit anfangen, die Insolvenzordnung wettbewerbsfähig zu machen, damit „erfahrene“ Entrepreneure im Blank’schen Sinne nicht nach UK oder ins Elsass ausweichen müssen. Dann klappt das vielleicht einmal mit dem Start-up-Hub in Berlin.

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