Sarrazin ist ein unterbeschäftigter Bundesbanker mit ausgeprägter Profilneurose Andrea Nahles

Stabilität durch Wohlstand

Ägypten hat eine lange Tradition versteckter Oppositionsarbeit. Für einen demokratischen Wandel stehen die Chancen nicht schlecht. Doch Stabilität wird auch durch Wohlstand geschaffen. In diesem Punkt braucht der Nahe Osten unsere Unterstützung.

Die Ägypter selbst waren von der ägyptischen Revolution und der Eigendynamik, die die Ereignisse entfaltet haben, am meisten überrascht. Auch in deutschen Medien konnte man zuvor lesen, warum eine Entwicklung wie in Tunesien in Ägypten unmöglich sei. Da hat man sich offensichtlich gründlich geirrt. Geschichtliche Ereignisse unterliegen eben der Kontingenz und lassen sich nur begrenzt vorhersehen. Und deshalb hinken auch alle Vergleiche, sei es mit 1989 oder mit der islamischen Revolution 1979 im Iran.

Warum knallt es erst jetzt?

Weniger überraschend hingegen sind die Gründe, warum die Menschen auf die Straße gehen. Gefälschte Wahlen, Korruption, steigende Preise, fehlende Partizipationsmöglichkeiten und mangelnde Perspektiven für die junge Generation (die Mehrheit der Bevölkerung), politische Unterdrückung und Polizeiwillkür, das ist Alltag in vielen arabischen Staaten. Seit 2004 waren die Ägypter dafür schon mehrfach auf die Straße gegangen, es kam zu Streiks und Demonstrationen. Im Nachhinein erkennt man die Genealogie des Umbruchs und man wundert sich eher, warum es nicht schon früher geknallt hat.

Offensichtlich fehlte bisher der Katalysator, im Falle Ägyptens war das der Sturz von Ben Ali und die Organisation über Facebook. Doch „Zündpunkt“ und Rahmenbedingungen müssen stimmen, und da unterscheiden sich die arabischen Staaten sehr. Beispiellos allerdings ist die Ausstrahlung der Ereignisse auf die Region; das ist ein prinzipieller Unterschied zu allen früheren großen Umwälzungen. Noch nie waren so viele Menschen so detailliert über Geschehnisse in anderen Ländern informiert, gerade auch in der arabischen Welt, in der Hunderte von arabischen Satellitenkanälen miteinander konkurrieren und Handys in Ägypten selbst in den einfachsten sozialen Schichten verbreitet sind.
Für Ägypten stehen die Chancen auf einen demokratischen Wandel nicht schlecht. Die oft vertretene Ansicht, dass die Ägypter keine Erfahrung mit Demokratie hätten, greift zu kurz. Schon immer gab es einen Spielraum in den Medien, es gab Oppositionspresse und deren Umgangston, selbst gegenüber Ministern, war nicht immer zimperlich. Natürlich gab es rote Linien und Journalisten und Blogger mussten dafür büßen, wenn sie diese übertraten. Jetzt formieren sich die oppositionellen Kräfte und sie sind so divers, wie es einem demokratischen Wandel gut ansteht. Im Parteiengründen sind die Ägypter ganz groß, nur ließ das Regime bisher keine dieser Parteien erstarken. Dazu kommen die Anhänger der Protestbewegungen und die angesehenen Intellektuellen und Geschäftsleute, die sich jetzt im „Rat der Weisen“ zusammengefunden haben. Auch die Muslimbrüder sind dabei, aber auch diese teilen sich in mindestens zwei Lager.

Perspektiven aufzeigen

Die demokratische Entwicklung kann aber nur dann Bestand haben, wenn sie zu einer spürbaren Verbesserung der Lage der Menschen beiträgt. Konnte sich nicht auch die Einführung der Demokratie in Deutschland durch die ökonomische Prosperität stabilisieren, wenn nicht legitimieren? Und hier können wir unterstützen. Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, nicht mit einer Haltung, die viele Araber als „Arroganz des Westens“ bezeichnen, sondern in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft und den Institutionen des neu entstehenden Ägyptens, mit gezielten Maßnahmen, die den Menschen Perspektiven aufzeigen und ihnen größere ökonomische und politische Partizipation ermöglichen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kristin Jankowski, Dirk Emmerich, Andreas Püttmann.

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