2011 war ein schlechtes Jahr für böse Jungs. Srdja Popovic

Hochleistungsmedizin statt islamkritische Wunderheiler

Pegidas Parolen waren nicht neu, aber die gesellschaftliche Reaktion darauf muss es sein. Der Islam muss endlich kritisch und produktiv betrachtet werden.

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So kometenhaft Pegida am deutschen Himmel aufgetaucht ist, so kometenhaft ist die Bewegung beim Eintritt in die Sphäre der Realpolitik verglüht. Wer die Islamdebatte der letzten Jahre verfolgt hat, musste sich sowieso wundern: Die Meinungen, die Pegida vor sich hergetragen hat, sind doch längst bekannt, genauso wie die Ängste vor einer angeblichen Islamisierung, vor Flüchtlingsströmen, vor Terrorismus und einem Missbrauch der Sozialsysteme.

Alles das konnten wir schon in den Büchern von Thilo Sarrazin und vielen anderen lesen. Jeder Buchhändler kann ein Lied davon singen, welches Geschäft die Kritik am Islam geworden ist. Doch zwischen Pegida und diesen Autoren gibt keinen Unterschied außer, dass die einen bei Regen und Schnee auf die Straße gehen, während die anderen in der warmen Stube ihre Bücher schreiben.

Die Ideen sind dieselben

Früher hätte man Letztere Schreibtischtäter genannt. Ich muss gestehen: Im Zweifelsfall sind mir die Demonstranten sympathischer als die, die ihre Fremdenfeindlichkeit hinter der Maske des Bildungsbürgertums verbergen.

Wenn man sich wirklich gegen Pegida abgrenzen will, muss man sich auch gegen ihre Vordenker abgrenzen. Gegen sie als Personen, aber vor allem gegen die Ideen, die sie propagieren. Gegen die Art und Weise, wie sie von oben herab und voller Vorurteile über Muslime und andere Fremde sprechen.

Ein harter, aber nötiger Vergleich: Nicht die Nazis erfanden den Judenhass der Dreißiger- und Vierzigerjahre. Es waren die Vordenker des Antisemitismus in den Zwanzigerjahren, ja schon vor dem Ersten Weltkrieg. Hitler und seine Schergen brauchten gar nicht selber zu denken, nur die Ideen der Antisemiten auf die Straße zu tragen.

Pegida hat etwas Ähnliches versucht: nämlich die Ideen der sogenannten Islamkritik auf die Straße zu tragen. Erst da hat es bei unseren Politikern und bei den Medien geklingelt: Als wären Rassismus oder Antisemitismus erst dann gefährlich, wenn die Leute damit auf die Straße gehen, während dasselbe in Büchern oder Talkshows als Teil des „normalen“ Meinungsspektrums durchgeht.

Islamkritik: „Schäm dich, du bist ja krank!“

Aber ist Islamkritik gleich Rassismus? Darf man den Islam nicht kritisieren? Natürlich darf man. Man soll sogar! Aber die Wahrheit ist doch: Der Islam steht ständig und von allen Seiten in der Kritik, nicht zuletzt von Muslimen selbst. Man sieht es schon daran, dass sie sich in vielen arabischen Ländern selbst bekämpfen.

Darauf hinzuweisen, ist wie jemandem, der offensichtlich unter einer Krankheit leidet, zu sagen: „Hey, schäm dich, du bist ja krank!“ Das ist es, was mich an der Islamkritik stört: Sie rechnet dem Kranken seine Krankheit vor. Sie sagt ihm, er sei doch selbst daran schuld, und bietet dem Muslim als Allheilmittel an: „Schwör deiner Religion ab, dann wird alles gut!“ Und kommt sich dabei noch überlegen und „aufgeklärt“ vor.

Es gibt keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme. Die Krise des Islams hat eine Vorgeschichte, an der wir Anteil haben. Der Westen ist nicht an allem schuld. Aber wir sind mit der islamischen Welt und den Muslimen viel enger verknüpft, als uns vielleicht lieb ist. Man kann die beiden nicht künstlich trennen oder die Schuld immer nur einem geben. Die Aufgabe, die jetzt ansteht, ist, sich mit dem Islam produktiv auseinanderzusetzen, statt mit dem Finger auf ihn zu zeigen. Dafür brauchen wir Hochleistungsmedizin statt islamkritische Wunderheiler.

Welche Medizin hilft?

Die in Deutschland eingerichteten Lehrstühle für Islamische Theologie sind ein erster Schritt. An den Universitäten der islamischen Welt liegt das theologische Denken – aufgrund von Bildungsmisere und politischer Repression – brach. Eine zeitgemäße theologische Auslegung des Islams kann daher vorläufig nur im Westen geleistet werden.

Hier lebenden Muslime tun dies bereits in zahlreichen Publikationen. Interessant sind hier diejenigen Autorinnen und Autoren, die versuchen, eine Brücke zwischen Glauben, Tradition und den Werten der westlichen Moderne zu schaffen wie etwa Lamya Kaddor, Hilal Sezgin, Khola Maryam Hübsch und Katajun Amirpur – ja, es sind auffallend viele Frauen darunter! Auch das Projekt Corpus Coranicum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bietet einen wertvollen Ansatz.

Wir müssen das Bewusstsein für die historische Entwicklung und die Vielfalt islamischer Glaubensmodelle schaffen und so das Deutungsmonopol der Islamisten infrage stellen. Man muss dabei den Finger auf die entscheidende Wunde jedes fundamentalistischen Islamverständnisses legen: Das hoffnungslos idealisierte Bild Mohammeds stammt nicht aus der Zeit von Mohammed, sondern ist ein- bis zweihundert Jahre später entstanden. Es war immer schon eine rückprojizierte Wunschvorstellung. Es geht dabei nicht darum, Mohammed – wie es die Islamkritiker wollen – als Unmenschen darzustellen. Die Idee ist vielmehr, ihn als Religionsstifter wie jeden anderen zu verstehen, eine Projektionsfläche für Visionen (oder Albträume), deren historische Realität unmöglich greifbar ist.

Das Gleiche gilt für die Scharia. Ihre Entstehungsgeschichte und die Relativität ihrer Rechtsvorstellungen muss herausgearbeitet und vermittelt werden. Unterscheidet man zwischen einem Verständnis der Scharia als (göttlicher) Gerechtigkeit einerseits und konkreten, menschengemachten gesetzlichen Regelungen andererseits, können die Gläubigen die menschliche Ausgestaltung der Scharia als wandelbar begreifen – ohne die Idee göttlicher Gerechtigkeit aufgeben zu müssen.

Freilich: Ganz ohne Goodwill geht das nicht. Auch der beste Arzt muss den Patienten heilen wollen. Und der Patient muss erkennen, dass er krank ist und gesund werden wollen. Die bisherige Islamkritik ist nicht dieser Arzt. Die Islamisten nicht dieser Patient. Aber zum Glück gibt es noch alle anderen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hamed Abdel-Samad, Barbara Köster, Egidius Schwarz.

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